Fachkräftemangel : Hilfe, in Berlin werden die Handwerker knapp

Randvolle Auftragsbücher - aber zu wenig Fachkräfte und Azubis. In Berlin kommen die Betriebe nicht mehr hinterher, Kunden müssen warten.

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Eine Autowerkstatt von Playmobil.
Eine Autowerkstatt von Playmobil.Foto: Kitty Kleist-Heinrich: null

Tony Haddad könnte eigentlich höchst zufrieden sein. Die Auftragsbücher der Kfz-Werkstatt seines Autohauses an der Steglitzer Birkbuschstraße sind mehr als voll, seine Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun. Doch der Geschäftsführer des auf Peugeot, Mitsubishi und Honda spezialisierten Kfz-Unternehmens hat ein großes Problem. Seine Leute in der Werkstatt „schieben jede Menge Überstunden“, die Wartezeiten für Kunden bei Reparaturen werden immer länger, zwei Wochen Vorlauf sind bereits üblich.

Haddad sucht also mit vollem Einsatz zusätzliche Mechatroniker, wie der Beruf des einstigen Kfz-Mechanikers heute heißt. „Mit Handkuss“ würde er einige nehmen. Aber, sagt er, es ist so gut wie ausgeschlossen, „jemand Qualifizierten zu finden“. Seit einem Jahr liegt seine Offerte beim Jobcenter. Gemeldet hat sich niemand.

Hilfe, die Handwerker werden knapp. Das ist keineswegs übertrieben, angesichts der aktuellen Situation von Berlins Handwerksbetrieben und ihrer Kundschaft. Wer heute sein Bad sanieren will, den Innenausbau einer Wohnung plant, ein Balkongeländer erneuern möchte, wärmedämmende Fenster benötigt oder seinen Wagen inspizieren lassen muss, braucht Geduld. Etliche Wochen Wartezeit seien in den meisten Branchen inzwischen üblich, teilt die Handwerkskammer Berlin mit. Und manche Betriebe nehmen schon gar keine neuen Aufträge mehr an, vor allem keine kleineren.

Geschäftsführer Tony Haddad vom Steglitzer Autohaus und Frank Arndt vom Service in der Werkstatt an der Birkbuschstraße.
Geschäftsführer Tony Haddad vom Steglitzer Autohaus und Frank Arndt vom Service in der Werkstatt an der Birkbuschstraße.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Branche hat Angst vor Überalterung

Nichts wäre den meist mittelständischen Firmen lieber, als wieder rascher für ihre Kunden da zu sein. „Aber der Arbeitsmarkt ist wie leergefegt, auch Auszubildende sind schwer zu finden“, sagt Kammersprecher Daniel Jander. Die Lage sei „irgendwie absurd“: Das Handwerk boomt, 93 Prozent der Berliner Betriebe sind nach jüngsten Umfragen mit ihrer Geschäftslage zufrieden, „aber sie können die große Nachfrage wegen des Mangels an Fachkräften und Azubis nicht erfüllen.“

Das mache etlichen Inhabern inzwischen Sorgen. Rund zwei Drittel sehen ihren Unternehmenserfolg sowie die Zukunft der Firma durch Überalterung gefährdet. Noch nie zuvor sei die Besorgnis bei einer Umfrage so hoch gewesen.

Wieso können sich Berlins Handwerker buchstäblich vor Aufträgen kaum mehr retten? Besonders im Baugewerbe. Dachdeckermeister Peter Blase aus Kreuzberg erklärt das mit zwei Stichworten: Sanierungsstau und niedrige Zinsen. Als Geldanlagen noch Gewinn brachten, hätten Hausbesitzer an ihrer Immobilie auch mal Verschleiß in Kauf genommen. „Seit die Banken aber nur noch Minizinsen zahlen, orientieren sich die Eigentümer um“, sagt Blase. „Sie investieren wieder lieber in ihren Besitz.“ Tischler Peter Carstensen in Charlottenburg bringt das euphorisch so auf den Punkt: „Die geringen Zinsen sind für uns ein warmer Segen.“

Dies führe auch dazu, dass viele Auftraggeber wieder mehr Wert auf Qualität legen. „Sie gehen nicht mehr zu Ikea, lassen sich lieber ein Nischenregal von uns anfertigen.“

Das sind die guten Zahlen. Die viel zu geringen aber beklagt fast jeder Handwerksmeister beim Blick aufs Personal. „Es gibt keine gelernten Gesellen zum Einstellen“, heißt es auch bei Elektro-Komke in Lichterfelde-West. „Wir können mit unserem jetzigen Team nur noch alles hintereinander wegarbeiten.“ Auf größere Installationen müssten die Kunden drei Monate warten. Nur im Störungsdienst kommen die Elektriker rascher.

Junge Leute wollen lieber ins Büro

Ähnliches erfährt man bei Schmidtchen-Haustechnik in Alt-Schönow. „Wir sind bei unserer Terminvergabe schon im Februar angelangt“, heißt es im Büro. Auch die bereits 80 Jahre alte Firma Schmidtchen würde sehr gerne zusätzliche Fachkräfte für Sanitär- und Heizungstechnik, Bäder oder Solarenergie einstellen – sowie Auszubildende. Doch selbst die Suche nach künftigen Lehrlingen sei „unglaublich schwer“. Wir haben schon in Schulen mit Hilfe von Lehrern geworben. Umsonst“, erzählt Sonja Schmidtchen. „Auf unseren Firmenautos steht: ,Suchen Mitarbeiter und Azubis’. Was sollen wir denn noch machen?“

Ihre Branche und viele andere Handwerke hätten zu Unrecht ein schlechtes Image. Junge Leute wollten lieber ins Büro, sich nicht die Hände schmutzig machen. Von „Gas, Wasser, Scheiße“ sei beim Sanitärgewerbe klischeehaft die Rede, „obwohl das nicht stimmt“. Wer heute einen Haustechnik-Beruf lerne, beschäftige sich mit spannenden Dingen wie Klimaanlagen, erneuerbare Energien.

Das betonen auch Vertreter anderer Fachrichtungen. Zum Beispiel des Kfz- Gewerbes. „Ein Mechatroniker kann sich vielfältig spezialisieren und als Experte Karriere machen “, sagt der Service-Chef der Peugeot-Niederlassung Berlin, Andreas Sommerfeldt. In modernen Autos gibt es filigrane Schaltpläne, komplizierte Elektronik, das ist eine Herausforderung.“ Im Übrigen seien die tariflichen Verdienstaussichten gut, von knapp 500 Euro brutto im ersten Lehrjahr bis zu über 3000 Euro für Spezialkräfte. Und die Chance, übernommen zu werden, sagt Sommerfeldt, „sind bei guten Azubis perfekt“.

Unzuverlässige und verantwortungslose Azubis

Eigentlich tolle Aussichten für junge Leute. Sie können sich ihren Ausbildungsplatz heute weitgehend aussuchen. Ganz langsam spreche sich das auch herum, heißt es bei der Kammer und den einzelnen Innungen. Der neue Boom, so hoffen sie, mache das Handwerk wieder attraktiv. Wer sich in den Betrieben umhört, erfährt allerdings auch viele Klagen über junge Bewerber und Azubis. Von Unzuverlässigkeit und wenig Verantwortungsgefühl ist die Rede. „Wir müssen Lehrlinge nehmen, die wir wegen ihrer geringen Motivation und Schulleistungen früher gar nicht akzeptiert hätten.“

Um dies wettzumachen, lässt sich das Handwerk inzwischen viel einfallen. Man schaut weniger auf die Schulnoten, als auf handwerkliche Talente sowie die Persönlichkeit. Und gibt es Wissenslücken, vor allem in Mathe, Informatik oder Physik, die mehr denn je zum Berufsalltag gehören, so bezahlt der Betrieb die Nachhilfestunden.

Dass sich seit diesem Jahr auch wieder mehr Abiturienten für eine Lehre interessieren, freut die Firmen. Aber es macht sie auch skeptisch. Denn eine Lehre nach dem Abi betrachten viele als Durchgangsstation. Sinnvoll, um praktische Erfahrungen zu sammeln. Aber danach wollen sie sich an der Uni weiter spezialisieren. „Das nützt uns nicht allzu viel“, sagt Tony Haddad im Steglitzer Autohaus. „Wir wollen ausbilden, um die Leute zu behalten.“

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