Fall Jonny K. : Prozess in Berlin droht zu platzen

Der Prozess um die tödliche Prügelattacke auf Jonny K. am Alexanderplatz droht nach Äußerung eines verärgerten Laienrichters zu platzen. Die Verteidiger stellen einen Befangenheitsantrag vor dem Berliner Gericht.

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Prozess im Fall des getöteten Jonny K.: Die  Staatsanwaltschaft wirft vier Männern Körperverletzung mit Todesfolge vor, zwei müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.
Prozess im Fall des getöteten Jonny K.: Die Staatsanwaltschaft wirft vier Männern Körperverletzung mit Todesfolge vor, zwei...Foto: dpa

Kaum war eine Frage gestellt, kam die monotone Antwort des Zeugen. „Habe ich vergessen“, sagte Ali Y., 23 Jahre. Er hatte Szenen der Prügelattacke auf Jonny K. beobachtet. Bei der Polizei vor sieben Monaten hatte er ausgesagt. Jetzt fiel ihm angeblich nichts mehr ein. Der merkwürdige Gedächtnisschwund war schwer zu ertragen. Ein Schöffe verlor die Geduld. Er habe nur eine Frage, begann er. „Sind Sie zu feige, eine Aussage zu machen, oder wollen Sie das Gericht verarschen?“ Nun droht der Prozess zu platzen.

Der Vorsitzende Richter kritisierte die Wortwahl des Laienrichters umgehend. Für die Verteidigung aber ist ein Schöffe, der sich zu einer solchen Äußerung hinreißen lässt, nicht hinnehmbar. Sie reagierte mit einem Befangenheitsantrag. Es sei zu befürchten, dass der Schöffe voreingenommen ist, verlas Anwalt Peter Zuriel am Donnerstag. Er sei auszuschließen. Der Schöffe, ein grauhaariger Mann Mitte fünfzig, saß hochrot rechts außen auf der Richterbank, die mit drei Berufsrichterinnen und zwei ehrenamtlichen Richtern besetzt ist. Sollte das Gericht dem Antrag stattgegeben und damit der kritisierte Laienrichter als befangen ausgeschlossen wäre, müsste der Prozess von vorn beginnen. Bis zum 6. Juni wollen die drei Berufsrichter entscheiden.

Prozessbeginn im Fall Jonny K.
Seit Mitte Mai müssen sich die sechs Angeklagten im Fall Jonny K. vor Gericht verantworten. Sie sollen Jonny K. im Oktober 2012 in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes mit Tritten und Schlägen attackiert haben. Kurz danach erlag das Opfer seinen Gehirnblutungen. Seine Schwester, Tina K., wohnt dem Prozess bei. „Ich will wissen, wer schuld ist“, sagte die 28-Jährige vor Prozessbeginn.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Reuters
13.05.2013 13:26Seit Mitte Mai müssen sich die sechs Angeklagten im Fall Jonny K. vor Gericht verantworten. Sie sollen Jonny K. im Oktober 2012 in...

Wichtiger Zeuge im Fall Jonny K. erinnert sich nicht

Von Ali Y. war eine eher belastende Aussage erwartet worden. Er, der am Morgen des 14. Oktober mit zwei Freunden am Alexanderplatz unterwegs war, hatte vor sieben Monaten beschrieben, dass ein Opfer nach einem Faustschlag ins Gesicht zu Boden ging. „Dann wurde geboxt und getreten, mehrere Schläge und Tritte, auch gegen den Kopf“, gab er damals zu Protokoll. Zwei der Angreifer seien an dem einen der beiden Opfer gewesen, vier an dem anderen. Nun hakte Richter Helmut Schweckendieck nach. „Wurde jemand geschlagen, getreten?“ Y. schien zu mauern: „Erinnere mich nicht.“

Jonny K. war laut Anklage in der Nacht zum 14. Oktober mit wuchtigen Schlägen und Tritten so attackiert worden, dass er stürzte und auf die Straße aufprallte. Er starb einen Tag später an Hirnblutungen. Sein Freund Gerhardt C., genannt Kaze, wurde schwer verletzt. Die sechs Angeklagten haben ihre Beteiligung an der Schlägerei zugegeben. Der 19-jährige Onur U., der als ein Hauptangeklagter gilt und Auslöser der Prügelei gewesen sein soll, gestand etliche Fausthiebe gegen den 29-jährigen Gerhardt C. Doch wie die anderen Mitangeklagten wies er eine Schuld am Tod von Jonny K. zurück. Die Staatsanwaltschaft wirft vier Männern Körperverletzung mit Todesfolge vor, zwei müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Weiterer Zeuge äußert Gedächtnislücke

Der unwillige Zeuge Y. war kaum aus dem Saal, da mussten sich die Juristen mit dem nächsten angeblich vergesslichen Mann befassen. Ein 22-jähriger Kumpel von Y. konnte sich angeblich auch an nichts mehr erinnern. „Ist nichts mehr da“, sagte er forsch. Die Nachfragen nervten ihn. „Wenn ich es nicht weiß“, reagierte er patzig. „Sagte jemand, dass Sie hier nichts sagen sollen, wurden Sie unter Druck gesetzt?“, wollte ein Anwalt wissen. Der Zeuge verneinte. Der Schöffe rechts außen verzog das Gesicht – und schwieg. Der dritte Zeuge stimmte optimistisch. Er konnte sich erinnern. Der Prozess geht am Montag weiter.

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