Fiktiver Einmarsch : Russische TV-Satire lässt Moskaus Panzer nach Berlin rollen

Der russische TV-Sender "Kanal 5" zeigt die "Okkupation" der deutschen Hauptstadt. Das erinnert fatal an alte NVA-Planungen. Offenbar zielte die satirisch gemeinte Sendung gegen großrussische Chauvinisten.

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Russische Panzer am Brandenburger Tor: ein Ausschnitt aus einer eigenartigen Satire eines TV-Senders aus St. Petersburg.
Russische Panzer am Brandenburger Tor: ein Ausschnitt aus einer eigenartigen Satire eines TV-Senders aus St. Petersburg.Screenshot: lefigaro.fr/Tsp

In schier endloser Kolonne rollen die russischen Panzer durchs Brandenburger Tor. Auf einer Karte von Mitteleuropa wirkt die Strecke Moskau-Berlin wie ein Katzensprung: Nur 1800 Kilometer. „Für eine moderne Armee keine Entfernung“, kommentiert ein Sprecher die Fernsehbilder, „zumal sich russische Offiziere in Berlin noch gut auskennen. Sie bräuchten nicht mal Karten.“ Der Mai wäre ein guter Termin für solch einen „freundschaftlichen Besuch“.

Ist es wieder so weit? Trotz aller Friedensbeteuerungen? Steht der Russe erneut vor Berlins Haustür? Bislang ist das nur Fiktion, in einem 1:40 Minuten langen Beitrag in dem russischen Fernsehsender „Kanal 5“ mit Sitz in Sankt Petersburg. Offenkundig satirisch gemeint, aber angesichts der Weltlage auch nicht ganz als utopischer Quatsch abzutun, und sei es nur, weil darin mit wiederaufkeimenden, aus dem Kalten Krieg noch gut erinnerbaren Ängsten gespielt wird. So hat es das Filmchen sogar geschafft, vom Pariser „Figaro“ registriert zu werden.

Offenbar zielt die die Satire gegen großrussische Chauvinisten und soll sie lächerlich machen. Eine Sprecherin erwähnt einen angeblichen Vorschlag, die traditionelle russische Militärparade zum Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg nach Berlin oder London zu verlegen – oder nach Warschau. „Aber warum nur in Polen?“, fragt die Sprecherin mit ironischem Unterton. Ein Kollege habe auf einer alten Karte mal die Entfernungen gemessen. Warschau ließe sich mit Panzern in 24 Stunden erreichen, erläutert dieser dann aus dem Off, schwenkt über zu Berlin: Der Fernsehturm rückt ins Bild, vor dem Ehrenmal in Treptow ziehen russische Panzer auf, die schwarzrotgoldene Flagge wird eingeholt, die weiß-blau-rote gehisst.

Und damit ist die fiktive „Okkupation“ noch lange nicht beendet. Nun sind Helsinki, Tallin, Riga, Vilnius, Prag dran, weiter London, Washington, für die man Flugzeuge und Schiffe zu Hilfe nehmen müsse. „Aber unsere Armee ist groß, sie reicht für alle.“ Zuletzt verlässt eine Atomrakete ihren Silo, darauf ein zwinkernder Smiley.

„Kanal 5“ hatte zu Zeiten von Perestroika und Glasnost Ende der achtziger Jahre Millionen Hardcore-Fans, dank kontroverser Talkshows und investigativer Programme. Der Niedergang begann, als der Sender in den Neunzigern allerorten Konkurrenz bekam. Nach Putins Machtantritt im Jahr 2000 brachte der damalige Gouverneur von Sankt Petersburg und Hardliner Wladimir Jakowlew den Sender faktisch unter seine Kontrolle.

Einmarsch auf "Kanal 5": Die Fernsehmacher scheinen es lustig zu finden, wenn sie die russische Flagge in Berlin hissen können.
Einmarsch auf "Kanal 5": Die Fernsehmacher scheinen es lustig zu finden, wenn sie die russische Flagge in Berlin hissen können.Screenshot: lefigaro.fr/Tsp

Dieser sendete bis 2006 nur für Sankt Petersburg und das Umland, bekam erneut eine überregionale Lizenz, konnte jedoch auch nach Übernahme durch einen neuen Besitzer, die Nationale Media-Gruppe, nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen. Und macht nun Schlagzeilen mit Abseitigem.

Solch ein wenngleich satirisch gemeinter Beitrag muss gerade in Berlin Unbehagen auslösen, da die fiktive Einnahme Berlins fatal an die alten Planungen der NVA erinnert, West-Berlin im Handstreich zu erobern. Noch 1986 wurde das mit Hingabe geprobt, es gab in Strausberg ein zwölf mal zwölf Meter großes Modell der Halbstadt, und auf dem Truppenübungsplatz Lehnin hatte man eine „Fighting City“ aufgebaut, samt Airport, Kino, Hotel, Schule, Kanal und U-Bahneingängen.

Bei US-Übungen gab's Springsteen

Das Gegenstück der Berliner US-Streitkräfte stand in Lichterfelde Süd, das Gelände Parks Range an der Osdorfer Straße. Bei Abwehrübungen wurde dort zur Ermunterung der GIs schon mal Springsteens „Born in the USA“ gespielt.

Die Fiktion eines Angriffs auf Berlin, der einen Flächenbrand auslöst, ist aber keineswegs neu. Der überaus erfolgreiche amerikanische TV-Film „The Day After“ von 1983 begann mit der erneuten Blockade Berlins. Bald danach hagelte es Atomraketen, hüben wie drüben.

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