Film "Bornholmer Straße" : Christian Schwochows Mauerfall

Christian Schwochow hat den „Turm“ verfilmt. Nun schildert er den Mauerfall an der Bornholmer Straße. Es ist seine Geschichte.

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Der Letzte macht
Der Letzte machtFoto: dpa

Es ist kalt an der Bornholmer Brücke und dunkel. Wie vor bald 24 Jahren. Am Schlagbaum stehen Frauen mit kurzen Locken und Männer mit Vokuhila, sie rütteln am Zaun und brüllen: „Macht das Tor auf!“ Hinter ihnen stauen sich Trabis und Ladas in Blau, Gelb, Grün und Weiß. Die DDR kommt ein bisschen bunter rüber, als man das in Erinnerung hat.

Ist ja auch nicht die richtige DDR, nicht die richtige Brücke, nicht mal die richtige Stadt. In Wanzleben bei Magdeburg hat Christian Schwochow die Berliner Mauer neu aufgebaut. Es geht dabei auch um ein kleines Stück Familiengeschichte.

Christian Schwochow hat im vergangenen Jahr das scheinbar Unmögliche möglich gemacht und Uwe Tellkamps „Turm“ verfilmt. Es war der Blick auf eine bürgerliche DDR. Eine DDR, wie sie im Osten wenige kannten und wie sie im Westen kaum einer kennen wollte. Jetzt arbeitet Schwochow daran, die Geschichte des Mauerfalls zwar nicht neu, aber aus einem neuen Blickwinkel zu erzählen. Dort, wo sie zuerst und nachhaltig fiel.

Zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls im kommenden Jahr erzählt Christian Schwochow die Geschichte aus der Sicht der Menschen, für die in dieser Nacht eine Welt zusammenbrach. Es die die Geschichte des Oberstleutnants Harald Jäger, im Film spricht er den Satz: „25 Jahre lang habe ich diese Grenze bewacht und beschützt wie mein eigenes Kind.“ Es war der linientreue Grenzsoldat Harald Jäger, der mitten in der Nacht das Licht in der DDR ausknipste, als er eigenmächtig die Grenze an der Bornholmer Straße öffnete. Im Film wird daraus der Oberstleutnant Harald Schäfer, dargestellt von Charly Hübner.

„Bornholmer Straße“ wird von Nico Hofmann produziert, er hat mit Christian Schwochow schon den „Turm“ verantwortet. Anfangs war Schwochow keineswegs begeistert von diesem Projekt. Schon wieder was mit DDR?! Erst „Novemberkind“, dann der großartige Erfolg mit dem „Turm“, und bald kommt „Westen“ in die Kinos, eine Adaption von Julia Francks Roman „Lagerfeuer“. Christian Schwochow sagt, dass er eigentlich genug habe von diesem Thema, aber bei der Bornholmer Straße konnte er dann doch nicht widerstehen. Es ist eine Familienproduktion. Christian führt Regie, seine Eltern Heide und Rainer haben das Buch geschrieben. Alle drei verbindet einiges mit dem Mauerfall an der Bornholmer Straße. „Das ist eine komische Geschichte“, sagt Heide Schwochow. Eine Geschichte, die so niemand aufschreiben könnte, weil sie zu unwahrscheinlich klingt.

Aber sie stimmt nun mal.

Heide und Rainer Schwochow sind heute 60 und 61 Jahre alt und beide im Osten groß geworden. 1989 wohnt die Familie in der Schönhauser Allee, ganz in der Nähe der Bornholmer Brücke. Am Vormittag des 9. November trifft eine lange erwartete Nachricht ein. Ihrem Ausreiseantrag ist stattgegeben worden, bitte melden Sie sich bei der Abteilung für Inneres.

Die Schwochows packen ihre Koffer, aber da ist noch diese Geburtstagsfeier bei Freunden, Schönfließer Straße Ecke Bornholmer. Der elf Jahre alte Sohn bleibt zu Hause. „Das war üblich damals in der DDR, dass Eltern ihre Kinder abends allein lassen“, erzählt Christian Schwochow. „Ich bin früh am Abend ins Bett und habe den Mauerfall verschlafen.“

Christian weiß um die politische Einstellung seiner Eltern, oft genug hat er sie zu den Mahnwachen in der Gethsemanehkirche begleitet. Rainer Schwochow wollte schon immer raus. 1974 hat er über Wochen die Grenze inspiziert und nach undichten Stellen gesucht, auch und vor allem an der Bornholmer Brücke. Eine Flucht über die innerstädtische Grenze erschien ihm zu riskant, so dass er es über Ungarn versuchte. Und erwischt wurde. Seine Frau wurde gegängelt, weil sie im Land des Staatsbürgerkundeunterrichts nicht Lehrerin sein wollte.

Die Geburtstagsparty an der Schönfließer Straße am 9. November 1989 ist auch eine Abschiedsparty für die Schwochows. Keiner merkt, was draußen vor sich geht. Bis sie auf eine Zigarette auf den Balkon gehen und unten die Menschenmassen sehen. Alle auf dem Weg zur Bornholmer Brücke. Nichts wie hin! Als die Schwochows gegen Mitternacht an der Brücke eintreffen, ist die Grenze schon offen. Das Drehbuch ihres Films erleben sie nicht selbst. Es ist eine traurige und dramatische Geschichte, aber sie hat auch ihre komischen Momente. Wenn etwa am frühen Abend ein Hund über die Brücke streunt und festgesetzt wird, mit allen Konsequenzen und Formularen, die so ein illegaler Grenzübertritt nach sich zieht. Oder, ein bisschen später in dieser Nacht, wenn der mosambikanische Botschafter in die Hauptstadt der DDR einreisen will und die Genossen Grenzer ihm mitteilen, dass das wegen eines kleinen Problems auf ihrer Seite des antifaschistischen Schutzwalls gerade nicht möglich sei. Na und, entgegnet der Botschafter, bei ihm zu Hause in Maputo sind die Straßen auch immer verstopft, wo also ist das Problem?

Ja, es gibt in diesem Film ein paar lustige Szenen, aber Christian Schwochow mag keine Komödie drehen. Kein „Good Bye, Lenin!“ und erst recht nicht so etwas wie „NVA“ von Leander Haußmann, „das ist Klamauk“. So hat er, so haben seine Eltern die DDR nicht empfunden. Nicht mal am 9. November 1989.

Im Drehbuch steht auch die Geschichte mit der Ventillösung. Das war der Trick, die vermeintlichen Wortführer der Proteste an der Grenze rauszulassen, um den Druck aus dem Kessel an der Bornholmer Straße zu nehmen. Dabei bekamen sie in den Pass einen Stempel, auf dass sie später nicht mehr zurückdurften, auch wenn da zu Hause kleine Kinder warteten. Heide und Rainer Schwochow ahnen nichts davon, als sie gegen Mitternacht die Grenze passieren. Am nächsten Morgen wecken sie Christian. „Weißt du was? Wir waren im Westen!“ – „Was!? Warum habt ihr mich nicht mitgenommen?“ Christian schwänzt mit elterlicher Duldung die Schule und erkundet das andere Berlin. Die ersten Erinnerungen? Nicht so toll. Christian Schwochow erzählt lieber von den bewegten und bewegenden Tagen vor dem Mauerfall, von den Mahnwachen an der Gethsemanekirche, „wir waren da sehr aktiv, wissen Sie“. Und dann sieht er am 10. November die Freunde aus dem Widerstand schwer bepackt mit Aldi-Tüten über die Grenze marschieren. Andere fragen seine Eltern, ob sie sich den elfjährigen Christian mal ausleihen dürften, um im Westen noch ein bisschen mehr Begrüßungsgeld abzustauben. Schwochow verzieht das Gesicht. „Ich glaube, vieles von dem, was sich bis heute als Vorurteile gegen die Ossis hält, geht zurück auf diese ersten Tage nach dem Mauerfall.“

Die Familie widersteht denn auch der Versuchung, dem frisch gewendeten Regime eine Chance zu geben. Der Ausreiseantrag ist genehmigt, also wird er auch vollzogen. Es ist keine Luxus-Ausreise wie bei Manfred Krug, der ein paar Jahre zuvor mit dem Mercedes und allerlei Antiquitäten über die Bornholmer Brücke gerollt ist. Die Schwochows verlassen ihre Heimat mit der S-Bahn über den Bahnhof Friedrichstraße. Sie müssen an der immer noch existierenden Grenze eine Liste vorlegen, auf der jedes mitgeführte Handtuch penibel aufzuführen ist.

Christian Schwochow hat in Hannover Abitur gemacht und lebt heute wieder in der Schönhauser Allee, im alten Wohnhaus, aber in einer neuen Stadt. Prenzlauer Berg hat sich dramatisch verändert, auch an der Bornholmer Straße erinnert kaum noch etwas an die dramatischen Stunden vom 9. November 1989. Das regierende Berlin interessiert sich nicht besonders für den Ort, an dem die Weltgeschichte einen neuen Lauf nahm. Es gibt ein paar Tafeln mit vergrößerten Fotos, auf einem ist auch der Oberstleutnant Jäger zu sehen. Dort, wo mal der Grenzübergang war, stellen jetzt die Kunden eines Lebensmitteldiscounters ihre Autos ab.

Am Mittwoch wird in Köln der Deutsche Fernsehpreis verliehen, einiges spricht für den „Turm“. Und wenn schon, Christian Schwochow wird nicht hinreisen, sondern in den kühlen Nächten Wanzlebens den 9. November 1989 rekonstruieren, „am Set werde ich dringender gebraucht als bei einer Gala“. Blöd genug, dass er einmal den Mauerfall verpasst hat.

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