Berlin : Fliegende Bälle, rollende Hüte

Berlin ist die Hauptstadt der Jongleure. Sie kommen aus aller Welt, um hier voneinander zu lernen und ihre Tricks auszutauschen

Karolina Kühn

In den Kellergewölben wirbeln Bälle und Keulen herum, fliegen hoch, prallen auf den Boden. Vor einer Tafel steht Sean Gandini. Um ihn herum stehen zwölf seiner „Schüler“, weitere Bälle und Ringe, Zettel und Stifte liegen wild über den Boden gestreut herum. „Wie viele Objekte braucht man für das ,sechs-sechs-drei’- Muster?“, fragt der Chef. Und antwortet selbst: „Fünf.“ Der Jonglierkünstler nimmt sie in die Hand und wirft sie abwechselnd verschieden hoch. „Sechs, sechs, drei, sechs, sechs, drei ...“, zählt er mit den Würfen.

Aus den Zahlen an der Tafel berechnet Sean anschließend Wurfart und -höhe der Objekte, und trotz aller Mathematik wird beim Unterricht viel gelacht. Funktionieren Tricks, sind sowohl der Lehrer als auch seine Schüler begeistert.

Sean Gandini ist Gastlehrer in den „Jonglierkatakomben“ – der ersten Jonglierschule der Welt. Seit 2002 gibt es hier Workshops und Abendkurse, seit kurzem auch eine einjährige Vollzeitausbildung für Jongleure. Die Idee, eine Jonglierschule zu gründen, hatte Alan Blim, der jetzt in einem kleinen Büro unter der Eingangstreppe sitzt und versucht, einen Überblick über die Papierberge zu bekommen, die sich um ihn stapeln. Seit Jahren hat er von einem Ort wie den Jonglierkatakomben geträumt. Sein Ziel: Jongleuren nicht nur einen Platz zum Trainieren, sondern auch strukturierten Unterricht zu bieten. „In normalen Zirkusschulen ist Jonglage meist nur Nebenfach“, sagt er. „Viele denken, dass man sich das Jonglieren im Wesentlichen selbst beibringen kann.“ Zu einem gewissen Grad sei das vielleicht richtig. „Dasselbe ließe sich aber dann auch für Tanz oder Musik behaupten.“

Vor fast zwanzig Jahren verließ Alan Blim seine Heimat England, reiste mit dem Bus von Stadt zu Stadt und ließ sich schließlich in Berlin nieder. Die Stadt sei der einzig mögliche Platz für ein solches Projekt gewesen. „Es kommen immer mehr Jongleure nach Berlin. Die Varietés und offenen Bühnen, zwei Zirkusschulen, große Jongliervereine – und natürlich die niedrigen Lebenshaltungskosten – das alles wirkt wie ein Katalysator.“ Auch Sean Gandini ist begeistert von der Berliner Jonglierszene. „Berlin ist die Hauptstadt der Jongleure. Es gibt mehr Jongleure pro Einwohner als sonst irgendwo auf der Welt.“

Die Schüler kommen aus aller Welt, aus Deutschland, Mexiko, Kolumbien, Kanada, Spanien, Italien, Griechenland, Ungarn, Tschechien, Südkorea. Paola aus Mexiko hat von der Jonglierschule bei einem Jongliertreffen in Slowenien gehört. Ho aus Süd-Korea las im Internet von der Berliner Jonglierszene.

Auch die Lehrer sind aus verschiedenen Ländern. Es gibt Unterricht in der klassischen russischen Technik, bei der es um die Perfektion der Jongliertechnik geht – aber auch in Improvisation, Präsentation oder in der Verbindung von Tanz und Jonglage.

Luke und Pola sind damit beschäftigt, sich gegenseitig einen Hut zuzuwerfen und ihn dann mit den verschiedensten Körperteilen zu fangen: vom Fuß zum Kopf, über den Oberarm gerollt und auf den Ellenbogen gelegt. Sie sind vor einem halben Jahr nach Berlin gekommen. „Es gibt hier unglaublich viele Trainingsmöglichkeiten. Die Jongleure zeigen sich gegenseitig ihre Tricks und erfinden neue Techniken“, erzählt Luke. In den „Katakomben“ haben die beiden ihre erste gemeinsame Nummer einstudiert – auf Berlins offenen Bühnen wird sie vor Publikum erprobt. Nur eines findet Luke schade: „Hier gibt es keinen guten Platz für Straßenkünstler. In London dagegen gehören die Shows im Covent Garden zu den großen Touristenattraktionen.“

Die 600 Quadratmeter großen Hallen sind durch Vorhänge unterteilt. Hinter einem fliegen immer wieder fünf Keulen in die Luft. Florian – „Informatikstudent und Hobbyjongleur“ – ist nur ab und zu in den Katakomben. Meistens geht er zu offenen Treffen des Berliner Jongliervereins Circulum e.V. „Da trifft man ganz unterschiedliche Jongleure“, meint Florian. „Von Schülern bis zum Mathematik-Professor.“

Ob Profi oder Amateur, jung oder alt – es gibt etwas, was seiner Meinung nach alle Jongleure verbindet: „Sie nehmen den Kampf mit der Schwerkraft auf.“ Wenige Tätigkeiten seien so aussichtslos und zugleich so unnütz. „Jongleuren gemein ist die Eigenwilligkeit, mit der sie immer wieder die Requisiten aufheben und hochwerfen – und Spaß dabei haben.“ Er lacht, nimmt seine fünf Keulen in die Hand und wirft sie in die Luft ...

Die Jonglierschule bietet Trainingsmöglichkeiten, Abendkurse, Workshops und eine einjährige Ausbildung. Infos unter: www.jonglierkatakomben.de.

Der Berliner Jonglier- und Einradverein Circulum e.V. organisiert Hallen, in denen sich Profis und Amateure an verschiedenen Orten der Stadt zum freien Training treffen. Für Kinder gibt Anfängerkurse. Infos: www.circulum.de.

Auch der Verein zur Überwindung von Schwerkraft bietet freies Training und Kurse. Infos: www.vuesch.org.

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