Flüchtlinge in Berlin : Vom Drogendealer zum Kameramann

Als Ansu Ceesay aus Gambia nach Berlin kam, wollte ihm niemand einen Job geben – also verkaufte er Drogen. Wie er es schaffte, ein neues Leben zu beginnen, zeigt der Film „Ansu“.

Yasmin Polat
Im Hintergrund. Filmemacherin Agniia Galdanova hat Ansu Ceesay selbst eine Kamera in die Hand gegeben.
Im Hintergrund. Filmemacherin Agniia Galdanova hat Ansu Ceesay selbst eine Kamera in die Hand gegeben.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein abgenutzter Ikea-Tisch, Deospray-Dosen vor dem laufenden Fernseher und halb zugezogene Vorhänge. „Ich bin ein Junge und lebe auch wie einer“, sagt Ansu Ceesay lachend mit dem Blick durch sein Kreuzberger WG-Zimmer. Einziger Unterschied zu den meisten anderen WG-Zimmern: Auf der Kommode steht eine Videokamera.

Ansu Ceesay filmt sich seit Wochen selbst, auch jetzt läuft die Kamera: „Alle nennen mich schon den Paparazzo, weil ich ständig mit meiner Videokamera rumlaufe“, sagt er und lacht schon wieder. Vor neun Jahren ist Ceesay aus Gambia geflüchtet. Erst nach Italien, dann vor acht Monaten nach Berlin. Zwei Monate lang hat er im Mauerpark Marihuana verkauft. Jetzt arbeitet er in einem Café am Görlitzer Park, lernt täglich Deutsch und ist Protagonist im Dokumentar-Kurzfilm „Ansu“ von der Filmemacherin Agniia Galdanova.

Galdanova hat oft über das Schicksal der Drogenverkäufer nachgedacht

Die Russin war es, die ihm die Kamera in die Hand gab. Sie ist in Sankt Petersburg geboren, hat an der Berliner Met Film School studiert und sitzt nun im Außenbereich der „Bar Raval“ in der Lübbener Straße in Kreuzberg. „Ich bin selbst Migrantin“, sagt die 29-Jährige, nimmt einen Schluck von ihrem Espresso und schaut über die Sitzbänke des Cafés zum Eingang des Görlitzer Parks. Seit drei Jahren lebt die Filmemacherin nun schon in Kreuzberg, jetzt dreht sie gemeinsam mit Ansu Ceesay in der Gegend.

Kennengelernt haben sich der Protagonist und die Dokumentarfilmerin über die gemeinsame Bekannte Annika Varadinek, die das Café Varadinek in der Falckensteinstraße betreibt, in dem Ceesay sein Praktikum absolviert.

Bei ihren Spaziergängen durch den Görlitzer Park habe Galdanova immer wieder über das Schicksal der dortigen Drogenverkäufer nachgedacht, erzählt sie. Dann hörte sie von „Out of Place“, einem Projekt, das die Perspektiven an den Rand der Gesellschaft gedrängter Menschen in den Mittelpunkt rücken will.

Zehn Filme entstehen bis Mai 2017; fünf deutsche und fünf israelische. Zum Abschluss soll ein Omnibusfilm aus allen Filmen beim „Docaviv Festival“ in Tel Aviv zu sehen sein. Initiiert wurde das Projekt durch den Gesher Multicultural Film Fund in Jerusalem, gefördert wird es von der Europäischen Union, der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, vom Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Deutsch-Israelischen Zukunftsforum.

Echte Bilder sind wichtiger als perfekte

„Mir ist es wichtig, dass meine Perspektive so weit wie möglich außen vor bleibt“, sagt Agniia Galdanova. „Ich will die Lebensrealität von so jemandem wie Ansu so authentisch wie möglich darstellen.“ Deswegen habe sie Ceesay die Videokamera in die Hand gegeben und ihm die wichtigsten Funktionen erklärt. „Wenn dann mal ein Bild verwackelt ist oder ohne Ton, ist das nicht so schlimm“, sagt Galdanova. Hauptsache echt. In den vergangenen Wochen filmte Ceesay immer dann, wenn er es für richtig hielt. Sich, andere, das Café, sein Leben.

Das gesamte Material kommt anschließend zu Galdanova, das Endresultat soll in sieben bis zehn Minuten die persönliche Reise von Ansu Ceesay so authentisch wie möglich dokumentieren. Dabei gehe die Arbeit weit über das eigentliche Drehen hinaus, vor allem persönliche Bindungen müssten aufgebaut werden, sagt Galdanova. „Ich will nicht, dass sich jemand ausgenutzt fühlt.“

„Ich habe Agniia anfangs nicht vertraut“, sagt Ceesay. „Jetzt mag ich das Filmen jeden Tag mehr.“

Unterstützt wird das Projekt auch von einigen prominenten Mentoren, für die deutschen Filmemacher sind das die Dokumentarfilmerin Bettina Blümner („Prinzessinnenbad“) und der Regisseur Uli Gaulke („Havanna mi amor“). Das Projekt sei wichtig, um „Menschen aus ihrem Schattendasein zu holen“, sagt Gaulke. „Idealerweise erleben wir hier jemanden, den du sonst nur als Drogendealer kennst, wie er sich aus eigener Kraft da herausholt.“

Und das hat Ansu Ceesay.

"Europa ist das Land der Möglichkeiten"

Wenn er von seiner Flucht erzählt, schaut der 34-Jährige auf den Boden seines WG-Zimmers, spricht leise. „Europa ist das Land der Möglichkeiten“, sagt er. Seine Reise nach Europa, nach Italien und Berlin, nennt er einfach: Schicksal. „Ich wollte ein besseres Leben und zur Schule gehen“, sagt Ceesay. Deshalb ließ er seine Familie in Manjai Kunda in Gambia zurück, kam mit dem Boot nach Italien, lebte acht Jahre in Rom.

Anfang des Jahres reiste er dann per Mitfahrgelegenheit nach Berlin. Doch so einfach, wie er sich das Leben in Europa vorgestellt hatte, war es nicht; als Geflüchteter bekam Ceesay in Berlin keinen Job: „Jeder hat mir gesagt: ‚Lern erst mal die Sprache‘, aber ich musste ja auch essen“, erzählt er frustriert. So sei er zum Mauerpark gekommen.

Jeder weiß, wo man in Berlin Gras bekommt, sagt er. „Eines Tages habe ich etwas mehr gekauft und es weiterverkauft“, sagt Ceesay. Manchmal habe er sich dabei geschämt: „Es ist, wie du es dir vorstellst“, sagt er und sein Blick schweift in Richtung Zimmerfenster. „Die Leute verurteilen dich natürlich.“ Es klingt, als verstehe er das. „Aber ich habe mir gesagt: Du musst essen und du wirst das hier nicht für immer machen.“

Vegane Quiche statt Drogen

Inzwischen hat Ceesay eine Tätigkeit gefunden, für die er sich nicht mehr schämen muss. Mittlerweile arbeitet Ansu Ceesay in der Küche des Cafés „Varadinek“ und lernt in der anliegenden Sprachschule des Integrationshilfe-Vereins „Bantabaa“ fünf Mal die Woche Deutsch. Ceesay ist sichtlich froh über diese Entwicklung: „Ich mache jetzt vegane Quiche und Schokoladenkuchen“, sagt er. Die Worte „vegan“ und „Schokoladenkuchen“ sagt er auf Deutsch und muss dabei etwas lachen. „Ich lerne, Tramezzini zu machen, Kekse, immer mehr Kuchen und Brot.“ Das Kochen gefiele ihm, wie das Filmen, „jeden Tag mehr“, sagt er.

Was er sich für die Zukunft wünscht? „Ich will mein eigenes Ich sein“, sagt Ceesay ernst und schaut zu der Videokamera auf seiner Kommode. „Ich will haben, was ich möchte, und unabhängig sein, will leben. Aber das Leben funktioniert nur Schritt für Schritt.“ Einen großen hat er nun schon gemacht.

Der Film „Ansu“ wird ab Mai 2017 auf dem Docaviv Festival in Tel Aviv zu sehen sein. Weitere Infos gibt es unter www.out-of-place.org

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