Flüchtlinge in Sporthallen : Die Sportler quält Ohnmacht und Hilflosigkeit

In Berlin müssen Flüchtlinge in Turnhallen hausen. Sportler, die deswegen nicht trainieren können, sind frustriert – ein Luxusproblem? Klar ist: Betroffene Vereine haben immer weniger Verständnis. Das behindert auch Integration und Inklusion.

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Voll, eng, provisorisch. Auch in einer Halle am Olympiapark sind Flüchtlinge untergebracht. Und so schnell wird sie wohl nicht geräumt werden.
Voll, eng, provisorisch. Auch in einer Halle am Olympiapark sind Flüchtlinge untergebracht. Und so schnell wird sie wohl nicht...Foto: Kay Nietfeld/dpa

Die Symbole des ganzen Problems sind handlich, Daniela Schliwski trägt sie lässig durch die Halle. Zwei rote Plastik-Hütchen. Schliwski hat jetzt nichts anderes, das muss einfach genügen. Sie setzt die Teile auf den Boden, drei Meter auseinander, parallel zu den Pfosten des Tores. Das Tor ist von hier sechs Meter entfernt. Die Hütchen stellen nun den Handballkreis dar, ein lächerliches Provisorium. Aber was soll die Trainerin Schliwski sonst machen?

Es gibt blaue Linien, sie gehören zum Volleyballfeld. Es gibt schwarze Linien, die gehören zum Basketballfeld. Linien für ein Handballfeld gibt es nicht. Handballtraining ohne Handballfeld? Schwierige Sache.

Acht Männer spielen vor dem imaginären Kreis. Vier im Angriff, vier in der Abwehr. Drei andere schauen zu. Einer von ihnen trägt einen Vollbart und ein rotes T-Shirt. Robert Tesch ist der Kleinste der Trainingsgruppe. Deshalb spielt er auf der Außenposition. Normalerweise. Hier nicht. Die Halle ist so klein, dass er schon die Wand aufbrechen müsste, um auf seine Stammposition zu kommen. Ein Team besteht hier aus Platzmangel auch nur aus vier statt wie üblich aus sechs Spielern. Tesch wird in den Rückraum eingewechselt.

22 Spieler trainieren in der Reha-Halle eines Krankenhauses

Daniela Schliwski ist zwei Köpfe kleiner als die Männer, sie wirkt schmächtig in ihrer knielangen Hose und dem schwarzen T-Shirt mit der Nummer 18 auf dem Rücken. Aber sie hat hier alles im Griff. Die Pässe sind unsauber, die Trainerin unterbricht. „Jungs, ihr wisst alle, wie es geht, wo ist das Problem?“, schnauzt sie. Die 32-Jährige trainiert die Zweite Männermannschaft des SV Pfefferwerk vom Prenzlauer Berg, da geht nichts ohne klare Ansagen. Sie würde gerne Spielzüge üben lassen. Geht hier aber nicht. Also trainieren ihre Männer jetzt viel Kraft und Kondition. Dabei sind zwölf Spieler im Training schon fast wieder Luxus. „Letzte Woche“, sagt Schliwski, „haben wir mit der ersten Männermannschaft trainiert. Da waren 22 Mann in der Halle.“

Die Halle liegt 20 Meter neben einem wuchtigen wilhelminischen Bau, durch dessen Eingangshalle gerade zwei Männer im Bademantel und mit Krücken gehen. Die Handballer des SV Pfefferwerk trainieren jeden Montagabend in der Halle des St. Joseph-Krankenhauses in Weißensee. Dort, wo sonst Patienten Reha-Sport betreiben.

Den Vereinen und Sportlern geht langsam die Puste aus

Willkommen in der Sportwelt Berlin. Willkommen in der Welt der Freizeitathleten und der Leistungsorientierten. Willkommen in einer Zeit, in der Feldbetten für Flüchtlinge in Sporthallen stehen und Vereine verzweifelt versuchen, trotzdem einen einigermaßen normalen Trainingsalltag zu gestalten. Willkommen bei Menschen, die geistig zerrissen sind. Die Verständnis haben für Flüchtlinge, und die gleichzeitig zunehmend stärker das Gefühl beschleicht, dass sie für diese Flüchtlinge einen Preis bezahlen, den sie allmählich nicht mehr bezahlen wollen.

Robert Tesch ist seit neun Jahren bei den Handballern von Pfefferwerk. Architekt von Beruf, ein besonnener Mann, der jetzt in einer Trainingspause in der Reha-Halle auf einer Bank sitzt und sich durch den Vollbart streicht. „Die Frustkommentare nehmen zu“, sagt er. Auch in seinem Team. Es geht nicht gegen Flüchtlinge, es geht um belegte Hallen, um das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Manchmal fällt das Wort „Scheißpolitiker“.

150 Vereine sind betroffen

62 Sporthallen sind mit Flüchtlingen belegt. Das klingt nicht viel bei 1000 Hallen in der Stadt. Aber darunter sind die größten Hallen, solche, in denen Handballfelder aufgezeichnet sind. Rund 150 Vereine sind in Berlin betroffen, mehrere zehntausend Freizeitsportler müssen sich einschränken. „Exakte Zahlen über die Betroffenen haben wir nicht“, sagt Heiner Brandi, der Direktor des Landessportbunds (LSB), der Dachorganisation von rund 2000 Sportvereinen in Berlin.

Das Problem ist flächendeckend. Betroffen ist zum Beispiel die Handball-Europameisterschaft der Gehörlosen, die findet im Mai in Berlin statt. Die Veranstalter fanden ihren Ersatzstandort nur unter „erschwerten Bedingungen“, wie der LSB klagt. Auch die Tagesspiegel-Redaktion erreichen immer wieder Hilferufe: in dieser Woche etwa aus einer Tanzschule für Irischen Stepptanz in Prenzlauer Berg, die auf eigene Kosten ihren Übungsraum mit einem hochwertigen Parkettboden ausgestattet hat. Jetzt müssen die Tänzer gehen, der Besitzer des Studios, in diesem Fall nicht das Land Berlin, will dort Flüchtlinge einquartieren.

"Es müssen alternative Standorte gesucht werden," sagt Heiner Brandi, Chef des Landessportbund Berlin.
"Es müssen alternative Standorte gesucht werden," sagt Heiner Brandi, Chef des Landessportbund Berlin.Foto: Fotoagentur-Engler

Man kann sie hochrechnen, die Zahl der betroffenen Hobbysportler. Allein beim SV Pfefferwerk, hat die Vereinsführung ausgerechnet, sind exakt 1459 Mitglieder betroffen, ein Drittel der Gesamtmitglieder des Vereins im Prenzlauer Berg.

Deshalb sagt Heiner Brandi vom LSB auch, dass „belegte Hallen ein tiefer Einschnitt in ein soziales Netzwerk“ sind. Allein im Handball seien bis jetzt 500 Spiele ausgefallen.

Belegte Sporthallen waren früher bloß ein Randthema

Die Menschen in den Hallen sind vor Krieg und Terror geflüchtet, ihre Not löste zunächst eine enorme Hilfsbereitschaft aus. Vor diesem Hintergrund wirkten belegte Sporthallen am Anfang wie ein Randthema. Was war schon ein Hockeyteam, das nicht trainieren konnte, gegen die erschütternden Berichte der Menschen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan? Doch Sport hat eine enorme gesellschaftliche Bedeutung, er fördert den Zusammenhalt, für viele ist er ein wichtiger Ausgleich zu den Härten des Alltags. Nach und nach wurden die umgenutzten Hallen vom Randthema zum Gegenstand emotionaler Diskussionen.

Beim LSB bündeln sich der Zorn, die Ratlosigkeit, die drängenden Fragen von Funktionären und Vereinsmitgliedern. Im Dezember hatte der Verband betroffene Klubs eingeladen, Thema: die Situation im Sport angesichts belegter Hallen. 120 Vereinsvertreter kamen, es war, als hätte man ein Ventil geöffnet. Eine Flut wütender, verbitterter Kommentare rollte auf die LSB-Funktionäre an ihrem Vorstandstisch zu. Stichworte der Krise schwirrten durch den Raum: „Kosten“, „Vereinsaustritte“, „arbeitslose Übungsleiter“, „erboste Eltern“, „frustrierte Kinder“, „ratlose Sportler“.

Der LSB sieht sich als Speerspitze dieser Protestbewegung, er übersetzt die heftigen Kommentare in sportpolitisch-diplomatische Sprache. „Keiner möchte, dass Menschen unter Brücken schlafen, wir haben im Einzelfall Verständnis, dass man eine Sporthalle eine Zeit lang in Beschlag nimmt“, sagt Brandi. Aber doch nicht als Dauereinrichtung: „Wir fordern, dass sehr gründlich Alternativstandorte gesucht werden.“ Und zwar schnell, die Unruhe in den Vereinen werde immer größer.

Der SV Pfefferwerk ist einer dieser Vereine, an ihm kann man besonders gut darstellen, wie sehr die Flüchtlingssituation den Alltag eines Sportvereins durcheinanderwirbelt, und wie seine Struktur aus den Fugen gerät.

Der Klub hat seine Geschäftsstelle im vierten Stock eines grauen Betonblocks, gleich neben dem Velodrom und der Schwimmhalle an der Landsberger Allee. An der Eingangstür klebt ein kleiner, grinsender roter Teufel, daneben der Schriftzug: „Willkommen bei Pfeffersport, dem schärfsten Sportverein in dieser Galaxie“. Hier verwalten 19 Mitarbeiter die 4600 Mitglieder und neun Abteilungen des Vereins. Eigentlich heißt der Verein ja SV Pfefferwerk, aber die Mitglieder sagen nur „Pfeffersport“, das klingt besser.

Christoph Pisarz öffnet die Tür, ein Mann mit mächtigem Oberkörper und beeindruckenden Oberarmen. Pisarz sitzt seit frühester Kindheit im Rollstuhl, er hat sich Muskelberge an den Armen antrainiert. Kraftvoll schiebt er sich in ein Büro mit schwarzer Bücherwand. Im Verein nennen sie ihn „Rollstuhlpapst“. Pisarz, Architekt wie sein Vereinskollege Tesch, ist Leiter der Rollstuhl-Sportabteilung mit ihren 90 Mitgliedern, er ist Chef der Rollstuhl-Basketballer und selber Spieler, außerdem koordiniert er die Hallennutzung und den Reha-Sport bei Pfeffersport.

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