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Flüchtlinge ins Winterquartier gezogen : „Wir sind very happy today.“

Für 80 Flüchtlinge bietet die Notunterkunft in Wedding Platz, beim Einzug waren es aber plötzlich viel mehr. Am Abend gab es dann noch ein wenig Verwirrung um das Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz.

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Am Sonntag zogen die Flüchtlinge vom Oranienplatz in ein leerstehendes Altenheim in Wedding.
Am Sonntag zogen die Flüchtlinge vom Oranienplatz in ein leerstehendes Altenheim in Wedding.Foto: dpa

Noch einmal wärmt sich Bastir Zakariya die Hände über der Feuertonne. Wirft einen letzten Blick auf das Zeltlager am Kreuzberger Oranienplatz, das seit Februar sein Zuhause war. Dann schultert er den roten Tramperrucksack, packt die Henkel der prall gefüllten Plastiktasche, klemmt zwei Schlafsäcke unter den Arm und schleppt seine Habe zum Bürgersteig. Abschied vom Flüchtlingscamp. Weg von diesem Ort, wo Frösteln seit Wochen zum Alltag gehörte.

Bastir (32), Nigerianer, über Libyen und Lampedusa nach Berlin gekommen, zieht am Sonntagnachmittag mal wieder um – jetzt nach Wedding. Gemeinsam mit rund 70 weiteren Campbewohnern. Dort kommen sie vorübergehend in einem früheren Altenwohnheim der Caritas unter. Wenigstens über den Winter, bis März 2014. Hauptsache geheizt. Helfer wuchten Bastirs Gepäck in einen Laster. Es nieselt. Er zieht die Kapuze der grünen Trainingsjacke über den Kopf, läuft mit zwei Landsmännern los zur U-Bahn. Sie drehen sich zu den Presseleuten um. „Wir sind very happy today.“

Zu Besuch im Camp am Oranienplatz
Das Flüchtlingscamp am Oranienplatz ist umstritten und politisch nur geduldet. Doch es hat auch viele Unterstützer. Zuletzt besuchten die Grünen-Politikerinnen Canan Bayram (MdA, Sprecherin der Berliner Grünen für Migrations-, Integrations- und Flüchtlingspolitik) und Barbara Lochbihler (Foto; MdEP, Grüne, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Europäischen Parlaments) die Bewohner, um sich näher über ihre Lebenssituation zu informieren.Weitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: Björn Kietzmann
28.08.2013 16:37Das Flüchtlingscamp am Oranienplatz ist umstritten und politisch nur geduldet. Doch es hat auch viele Unterstützer. Zuletzt...

Nicht alle kamen vom Oranienplatz

Allerdings lief bei dem Umzug nicht alles ganz glatt. „Als wir am Oranienplatz noch Kisten packten, haben schon Leute Zimmer bezogen, die gar nicht vom O-Platz sind“, berichtet Unterstützerin Taina Gärtner. Die Caritas habe wie vereinbart 80 Personen eingelassen, gut 20 Leute vom Oranienplatz kamen dann aber nicht mehr ins Haus. Sie wurden bis Montag provisorisch im Flüchtlingsheim Marienfelde untergebracht. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) bestätigt: „Es haben sich einige Personen daruntergemogelt, zum Teil waren sie sogar aus Hamburg angereist.“ Die Caritas führt das Durcheinander darauf zurück, dass der Bezirk zuvor keine Liste angefertigt habe, auf der alle Campbewohner erfasst waren. „Wir hatten darum gebeten, aber es kam nichts.“ Nun müsse man jenen Campbewohnern noch zu ihrem Recht verhelfen, die wieder weggeschickt wurden. Nur für sie hat die Caritas-Kältehilfe die Notunterkunft bereitgestellt.

Aktivisten fürchteten Räumung des Flüchtlings-Camps

Streit gab es bereits am Sonntag auch noch um das Camp selbst. Mit den Flüchtlingshelfern war offiziell vereinbart, dass die Wohnzelte nach dem Umzug abgebaut werden und nur das Infozelt stehen bleibt. Damit die Anliegen weiter im Bewusstsein bleiben, deretwegen das illegale, aber vom Bezirksamt geduldete Camp 2012 aufgebaut wurde: Residenzpflicht abschaffen, Arbeitserlaubnis für Asylbewerber. Doch dagegen formierte sich am Sonntag gleich Widerstand anderer Flüchtlingsaktivisten.

Anlass waren vier Polizeibeamte, die gegen 17 Uhr das Camp in Augenschein nahmen. Laut Polizei hatte der Bezirk gegen 16.45 Uhr im Präsidium um „logistische Amtshilfe“ gebeten. „Es wurde angefragt, ob wir die Zelte noch am Sonntag abbauen könnten.“ Daraufhin habe man erstmal die Situation erkundet. Das Beamten-Quartett schaute in jedes Zelt, entdeckte aber in manchen noch Bewohner.

Unterdessen tauchten plötzlich Demonstranten auf, deren Zahl – offenbar per Twitter mobilisiert – rasch auf 200 anwuchs. Das Camp müsse bleiben, riefen sie.

Zur selben Zeit warteten rund 150 Beamte einer technischen Einheit in Nebenstraßen auf grünes Licht zum Zeltabbau. Aber das kam nicht. Ihre kleine Vorhut machte kehrt und erklärte dem Bezirk, es seien ja noch Bewohner da. „Auf die Schnelle geht da nichts, schon gar nicht im Dunkeln, wir ziehen erstmal wieder ab.“

Monika Hermann will hart bleiben

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann will aber hart bleiben: „Die Zelte kommen auf jeden Fall weg.“

Damit der Streit ums Camp endlich ein Ende hat und die Flüchtlinge eine Winterbleibe, haben in Berlin in der vergangenen Woche Behörden und Institutionen gewirbelt: erst der Bezirk und die Senatsverwaltung für Soziales, bis das seit 2011 leerstehende Altenheim an der Residenzstraße gefunden war, dann die Caritas des Erzbistums Berlin. „Wir haben Wasser und Heizung wieder angestellt und Handwerker losgeschickt“, sagt Caritas-Sprecher Thomas Gleißner. Toiletten, Duschen wurden repariert. Am Donnerstag rückte die Feuerwehr an, kontrollierte Fluchtwege, Brandschutz, gab zwei Etagen für 80 Bewohner frei.

Helfer stellten Camper für den Umzug nach Wedding

Nun gab es am Oranienplatz kein Halten mehr. Schon gegen 13 Uhr drängeln sich die Camper am Sonntag vor einem knallgelb angemalten Mercedes-Laster, einem Oldie aus den Sechzigern. Er gehört Oliver und Julia, zwei, die sich als private Umzugshelfer zur Verfügung stellen. Sie wuchten Beutel, Säcke mit Klamotten, Gitarren, zwei Räder in den Laderaum, während die Besitzer, meist junge Männer aus Libyen, Ghana, Nigeria, mit der U8 nach Wedding fahren. In Kreuzberg bleiben nur jene 200 Flüchtlinge, die bereits in der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule eine warme Bleibe gefunden haben.

Ankunft, Residenzstraße 91. Ein Haus aus den sechziger Jahren, blassgelb verputzt, als Seniorenheim aufgegeben, weil seine Mehrbettzimmer nicht mehr dem Standard entsprachen. Gleich hinter der breiten Glastür, von Flüchtlingen umdrängelt, sitzt Caritas-Mitarbeiterin Christina Busch und malt Kreuzchen in die Zimmerübersicht. Haki und Hamed aus Libyen kommen in einen Raum. Busch notiert Namen und Ausweisdaten, dann schlürfen sie erst mal heißen Tee. Die Presse darf nicht hinein. „Die Bewohner“, heißt es, „sollen erst mal unter sich bleiben.“

Die Caritas bietet nur eine Notunterkunft über den Winter

Vier Caritas-Mitarbeiter kümmern sich künftig um die Flüchtlinge, in zwei Küchen können diese kochen. Ping- Pong-Platten, Kicker, TV-Geräte sind bestellt. „Und Nachbarn haben schon gefragt, wie sie helfen können.“ Darüber freut sich Caritas-Sprecher Gleißner. Zugleich sagt er aber: „Das ist nur eine Notunterkunft.“ Nun seien die Behörden wieder am Zug. „Die Zukunft jedes einzelnen Flüchtlings muss rasch geklärt werden.“

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