Förderklassen : Roma-Kinder können jetzt Deutsch lernen

Sie kommen aus Bulgarien und Rumänien und ihre Kinder können kein Wort Deutsch. Berliner Schulen fühlen sich von Zuwanderern ohne Sprachkenntnisse überfordert. Nun hat sich der Senat durchgerungen, mehr Geld für Förderklassen zu geben.

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Berlin - Franziska Giffey ist erleichtert: „Endlich bekommen wir Unterstützung für ein Problem, das unser Bezirk nicht allein lösen kann“, sagt sie. Was die SPD-Bildungsstadträtin von Neukölln seit Monaten umtreibt, ist die zunehmende Zahl von Kindern, deren Eltern aus Osteuropa nach Berlin kommen, um hier zu arbeiten. Die meisten sind Roma aus Bulgarien und Rumänien und ihre Kinder können kein Wort Deutsch.

Allein im laufenden Schuljahr hätten sich in Neukölln 548 dieser Kinder angemeldet, sagt Giffey, davon 305 an Grundschulen. Zwar gibt es seit dem Schuljahr 2008/09 die Möglichkeit, Kinder ohne Deutschkenntnisse in besonderen Lerngruppen zusammenzufassen, um parallel zum regulären Unterricht Sprachnachhilfe anzubieten, das reicht aber nicht aus. Das seien nur ein paar Stunden in der Woche, damit können die Kinder nie die Defizite aufholen, sagt Giffey: „Deshalb sind wir froh, dass die Senatsverwaltung jetzt zusätzliche Lehrer einstellen will, um die Kinder in Kleinklassen zusammenzuführen, wo sie von Montag bis Freitag vier bis fünf Stunden am Tag erst einmal Deutsch lernen können.“

Die Bildungsstadträtin hat der Verwaltung sogar schon erste Vorschläge gemacht. „Bei uns hat sich eine Frau gemeldet, die früher in Rumänien Roma-Kinder unterrichtet hat, ich hoffe, sie wird nun schnell eingestellt.“ Denn die derzeitige Situation ist sowohl für die Kinder als auch für ihre Klassenkameraden und die Lehrer sehr belastend. An manchen Schulen sind bis zu 20 Mädchen und Jungen in einem Jahrgang, die kein Deutsch sprechen und manchmal auch noch nie eine Schule besucht haben.

Lange hielt sich bei den Behörden angesichts knapper Kassen die Hoffnung, es handele sich bei den Roma um weiterziehende „Wanderarbeiter“. Inzwischen leben aber viele Familien schon seit einigen Jahren in Deutschland. „98 Prozent der Roma sind absolut sesshaft“, sagt Hamze Bytyci, der Gründer und Leiter von Amaro Drom, einem interkulturellen Jugendverband, der sich unter anderem um die osteuropäischen Roma kümmert.

Bytyci schätzt, dass weitaus mehr als die von der Schulverwaltung erfassten 548 Kinder seit dem vorigen Sommer in Neukölln angekommen sind. Viele von ihnen gingen nicht zur Schule, weil die Eltern nicht behördlich gemeldet oder misstrauisch gegenüber Ämtern seien.

Das liegt auch daran, dass Roma aus Bulgarien und Rumänien als EU-Bürger zwar legal einreisen dürfen, nach drei Monaten aber eine sogenannte Freizügigkeitsbescheinigung beantragen, ein eigenständiges Gewerbe nachweisen oder sich arbeitssuchend melden müssen. So schlagen sich die meisten lieber mit Gelegenheitsjobs durch, einige Frauen arbeiten als Prostituierte. Unter diesen Umständen vermiete ihnen keiner legal eine Wohnung, sagt Hamze Bytyci von Amaro Drom, dessen Beratungsstelle in der Flughafenstraße klein und ständig überlaufen ist.

Auch um die Kinder jener Menschen, die nicht behördlich gemeldet sind, werde man sich bemühen, sagt Bildungsstadträtin Franziska Giffey. So habe man Gespräche mit Amaro Drom und anderen Betreuern geführt, um Kontakt zu den Eltern aufzunehmen. Die Senatsbildungsverwaltung verweist darauf, dass die wachsende Zahl von schulpflichtigen Kindern, die ohne Deutschkenntnisse nach Berlin kommen, nicht nur in Neukölln ein Problem ist. Roma-Kinder gibt es auch in anderen Bezirken, hinzu kommen in letzter Zeit wieder mehr Flüchtlinge aus Afrika, Asien, Südosteuropa und aus arabischen Ländern, die vor allem in den Bezirken Spandau, Steglitz- Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg untergebracht sind.

Laut UN-Kinderrechtskonvention, die auch Deutschland unterschrieben hat, muss allen hier lebenden Kindern der Schulbesuch ermöglicht werden – selbst ohne festen Wohnsitz oder Aufenthaltsgenehmigung. Auch im Berliner Schulgesetz steht, dass ausländische Kinder, die sich illegal oder ohne Freizügigkeitsbescheinigung in der Stadt aufhalten, ein Recht auf Besuch öffentlicher Schulen haben.

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