Berlin : Ganz Neukölln in einem Comic

Der Bezirk feiert sein 650. Jubiläum – und spendiert sich einen ungewöhnlichen Geschichtsband zum Fest

Lars von Törne
Neue Ideen für Neukölln. Dorothea Kolland vom Kulturamt (links) und Anna Faroqui verwirklichten das Comic-Buch zum Jubiläum des Bezirks. Foto: promo
Neue Ideen für Neukölln. Dorothea Kolland vom Kulturamt (links) und Anna Faroqui verwirklichten das Comic-Buch zum Jubiläum des...

Die Idee kam ihr in Kanada. Bei einem Besuch in dem Einwanderungsland erlebte Dorothea Kolland, die Leiterin des Kulturamtes Neukölln, wie stark sich dortige öffentliche Bibliotheken darum bemühen, ihren multikulturellen Bewohnern leicht verständliche Literatur und mehrsprachige Informationen über ihre neue Heimat anzubieten. Als sich dann in Kollands Bezirk ein großer Jahrestag ankündigte – die erste urkundliche Erwähnung Rixdorfs (damals noch Richardsdorp), der Keimzelle des heutigen Neukölln, am 26. Juni vor 650 Jahren – da fragte sich die Amtsleiterin, wieso offizielle Veröffentlichungen zu solchen Anlässen eigentlich so oft wissenschaftlich-trockene und schwer zugängliche Abhandlungen sein müssen. Kolland beschloss: Das Neuköllner Jubiläum wird mit einem Comic gewürdigt.

Jetzt liegt das Ergebnis vor, der 120-seitige Band „Weltreiche erblühten und fielen – 650 Jahre Geschichte Neuköllns“, gezeichnet und zusammen mit Dorothea Kolland erarbeitet von der in Neukölln lebenden Künstlerin Anna Faroqhi. An Montag wird das Buch bei einer offiziellen Präsentation vorgestellt.

Es ist eine kurzweilige, historisch fundierte und doch lebendig am Neuköllner Alltag orientierte Geschichte, die die Autorin und Filmemacherin Faroqhi erzählt. In klaren Zeichnungen, die manchmal etwas schlicht geraten sind aber durchaus eine vitale Atmosphäre vermitteln und Leser jeden Alters ansprechen dürften, führt sie durch die wechselhafte Geschichte ihres Bezirkes, in dem Menschen aus mehr als 160 Nationen leben. Faroqhi schafft es, unterschiedlichste Perspektiven und Zeitabschnitte so zu kombinieren, dass ihr Buch einen leicht zugänglichen, kurzweiligen und bemerkenswert vielseitigen Einblick in Alltag und Geschichte des einstmals größten Dorfes im preußischen Staat gibt.

Zahlreiche Anregungen holte sich Faroqhi nicht nur in Geschichtsbüchern und Gesprächen mit Historikern, sondern vor allem in ihrem eigenen Alltag: Immer wieder lässt die gebürtige Berlinerin in dem Buch ihren Mann, einen Israeli marokkanischer Herkunft, und ihre drei Kinder (14, 12 und 3 Jahre) auftreten, deren Neuköllner Alltagserlebnisse der Ausgangspunkt von lehrreichen Ausflügen in verschiedene Epochen der Stadtgeschichte sind, vom Dreißigjährigen Krieg über die Auswirkungen der politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts bis in die multikulturelle Gegenwart Neuköllns. Oft geht es dabei um den Alltag von Einwanderern zwischen Hasenheide, Rollbergsiedlung und Rütli- Schule, der aus vielen Perspektiven vermittelt wird, von den böhmischen Protestanten des 18. Jahrhunderts im böhmischen Dorf bis zu Faroqhis arabischen oder türkischstämmigen Nachbarn von heute.

In locker aneinandergefügten Episoden, die manchmal etwas ungelenk gezeichnet wirken aber in ihren besten Momenten an den autobiographischen Comicbestseller „Persepolis“ der iranischstämmigen Französin Marjane Satrapi erinnern, erzählt das Buch von Liebesgeschichten und Hungersnöten, von Revolutionen und Reformen, von menschlichen Dramen und den großen Hoffnungen, mit denen über die Jahrhunderte hinweg Menschen in dieses Viertel gezogen sind, um Kriegen und Armut zu entgehen und sich hier ein neues Leben aufzubauen.

Immer wieder stellt Faroqhi einzelne Personen heraus, denen sie im Alltag begegnet ist und die für die vielen Facetten des Neuköllner Alltags jenseits der Klischees vom Problembezirk stehen: Eine Restaurantbesitzerin, die als Flüchtling in die Stadt kam, ihren Lieblings-Falafel-Verkäufer oder eine Kurdin, die sie beim Gespräch auf dem Spielplatz kennengelernt hat.

In Gedankenspielen versetzt die Autorin sich und ihre Familie in frühere Zeiten und fragt sich, wie ihr Leben wohl vor der Industrialisierung, während des Ersten Weltkriegs oder in der Zeit des Nationalsozialismus ausgesehen hätte. Zugleich verschließt sie vor den aktuellen sozialen Problemen des armen Viertels nicht die Augen, berichtet in Episoden auch von Drogenhändlern oder brutalen Jugendlichen, die ihre Altersgenossen terrorisieren.

Aber vor allem zeigt sie auf unterhaltsame Weise: Der Bezirk Neukölln hat viel mehr Facetten, als selbst manch Alteingesessenen bekannt sein dürfte.Lars von Törne

— Anna Faroqhi & Dorothea Kolland: Weltreiche erblühten und fielen. 650 Jahre Geschichte Rixdorfs und Neuköllns. Dagyeli Verlag, 120 Seiten, 9,50 Euro. Buchvorstellung Montag, 20 Uhr, im Saalbau Neukölln.

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