Gastbeitrag zur Stadtentwicklung : Hochstapler in Alt-Berlin

Die Klosterstraße war einmal die vornehmste Straße Alt-Berlins. Nun entstehen dort Pseudopaläste im Zuckerbäckerstil. Unser Gastautor fragt: Warum werden Bauentscheidungen von derartiger stadt- und kulturgeschichtlicher Bedeutung hinter verschlossenen Türen getroffen?

Florian Mausbach
Die Klosterstraße.
Die Klosterstraße.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Im Landesdenkmalamt herrscht Entsetzen. Gegenüber dem Alten Stadthaus in der Klosterstraße kündet ein Bauschild von einem neureichen Wohnpalast. „Das Bild ist noch geschönt“, heißt es im Amt, das vis-à-vis seinen Sitz und künftig sein Scheitern täglich vor Augen hat. Auf einem schmalen Grundstück neben der barocken Parocchialkirche und dem Jugendstilgebäude der Gebrüder Tietz soll in dem historischen Straßenzug mit seinen drei- bis viergeschossigen Häusern ein stillos historisierender Pseudopalast entstehen, die „Klostergärten“, sieben Geschosse hoch, das schmale Grundstück schamlos ausgenutzt, mit Vorderhaus und Hinterhaus, zwei Geschosse im überhohen falschen Sockel und zwei Geschosse im Bürgerlichkeit vortäuschenden steilen Ziegeldach.
Die Klosterstraße war einmal die vornehmste Straße Alt-Berlins. Hier hatten Brandenburgs Markgrafen ihren Sitz. Im Hohen Haus residierten die brandenburgischen Kurfürsten, bevor sie auf der Spreeinsel ihr Schloss bauten. Den Namen hat die Straße vom Kloster der Grauen Brüder. Von den Bettelmönchen übernahmen die Franziskaner das Kloster und erweiterten die Kirche zu einer dreischiffigen Feldsteinbasilika. 1574 wurde in dem säkularisierten Kloster eine Schule des Bürgertums gegründet, das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster. Es hat viele berühmte Zöglinge. Seine humanistische Tradition führt heute das Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster in Wilmersdorf fort. Noch als Kriegsruine zeugt die backsteingotische Klosterkirche in ihrer unzerstörbaren Würde von christlicher Kultur und bürgerlichem Bildungsdrang.
Das kriegszerstörte Palais Podewils, Klosterstraße 68, wurde bereits 1951 wieder errichtet und dient seither als Kulturhaus. Das prächtige Barockpalais wurde 1701 von Baumeister Jean de Bodt erbaut und verdankt seinen Namen einem Minister Friedrich des Großen. Es ist einer der bedeutendsten barocken bürgerlichen Wohnbauten Berlins und in Strenge und Schmucklosigkeit ein Beispiel der klassizistischen Haltung preußischen Barocks. Nebenan entstand zur gleichen Zeit nach Plänen Arnold Nerings und Martin Grünbergs die Parocchialkirche als Gotteshaus der reformierten Gemeinde. Wilhelm von Humboldt war Mitglied der Gemeinde. Die barocke Vierkonchenhalle erhielt einen schlanken, von einem Obelisk gekrönten Turm mit einem offenen Glockenspiel. Die im Krieg stark zerstörte Kirche ist wieder aufgebaut. 2015 soll die Turmspitze durch die Initiative "Denk mal an Berlin" wiedererstehen. Dann spielt auch die "Berliner Singuhr" wieder: "Üb` immer Treu und Redlichkeit".
Den Wandel der Berliner Altstadt zum Verwaltungs- und Geschäftsviertel einer Millionenstadt dokumentieren das Geschäftshaus der Gebrüder Tietz und das mit seinem Rücken zur Klosterstraße gewandte Alte Stadthaus. Das mächtige zweite Rathaus, 1902 bis 1911 unter Stadtbaurat Ludwig Hoffmann erbaut, ist heute Sitz des Innensenators und des Landeskonservators. Das Haus in der Klosterstraße 64 gegenüber trägt über dem Portal den Schriftzug „Gebr. Tietz“ und gehört zu den selten gewordenen repräsentativen Geschäftshäusern des Jugendstils. Der viergeschossige Pfeilerbau in grauem Sandstein, schwungvoll der Mittelrisalit und groß die Fenster, ist gerade von den Architekten Grüntuch & Ernst denkmalgerecht wieder hergerichtet worden.

So liegt sie nun die Klosterstraße, still und vergessen, doch trotz all der Zerstörungen in Krieg und Nachkriegszeit, immer noch ein echtes Stück Alt-Berlin. Als Karl Scheffler 1910 in „Berlin – ein Stadtschicksal“ das „architektonische Parvenütum“ der „modernen Bauunternehmerarchitektur“, beklagte, „Pseudopaläste aus Backstein, Stuck und Gips“, „alles vernichtend, was von bürgerlicher Einfachheit oder von fürstlichem Akademismus noch übrig war“, da war ihm „nichts geblieben als der Trakt der 'Linden' bis zum Schlosse, als die offizielle Wilhelmstraße und die stille, vergessen daliegende Klosterstraße“.
Was würde er heute zu dem Wohnpalast der „Klostergärten“ sagen, der sich als Parvenü mit vornehmem Getue zwischen Barockkirche und Jugendstilhaus drängt, auf einem Grundstück der evangelischen Kirche, mit Genehmigung der Stadt Berlin? Was würde er zum Prunk und Protz der „Kronprinzengärten“ sagen, die sich auf städtischem Grund neben Schinkels schlichter Backsteinkirche am Werderschen Markt hoch stapeln - Konditorei statt Architektur. Während Politiker und Architekten noch um die historische Mitte Berlins streiten - „In welchem Stile sollen wir bauen?“ - ist die Entscheidung hier zwischen Friedrichwerderscher Kirche, Hedwigskathedrale und Zeughaus schon gefallen: im Zuckerbäckerstil.
Warum werden Bauentscheidungen von derartiger stadt- und kulturgeschichtlicher Bedeutung in Berlin hinter verschlossenen Türen getroffen? Warum gibt es nicht wie in anderen Städten einen Beirat für Stadtgestaltung, der zu Stadtbild prägenden Bauvorhaben öffentlich Stellung nimmt? Warum schweigt der Landesdenkmalrat? Hat er nichts zu sagen?