Berlin : Gebt das Wasser frei! Und die Toiletten!

Unsere Autorin ist US-Amerikanerin und zu Gast in Berlin. Zwei Gratis-Einrichtungen aus der Heimat vermisst sie besonders.

Alison Haywood
Alison Haywood, 21, studiert Journalismus und Germanistik in Tacoma, Washington, und ist als Stipendiatin der FU Berlin zu Gast beim Tagesspiegel.
Alison Haywood, 21, studiert Journalismus und Germanistik in Tacoma, Washington, und ist als Stipendiatin der FU Berlin zu Gast...

Etwas, das ich eigentlich schon wusste, habe ich ganz praktisch zu spüren bekommen, seit ich im Juni nach Berlin kam: Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika sind an den entgegengesetzten Polen des sozialpolitischen Spektrums. Amerika hat niedrige Steuern und noch geringere öffentliche Leistungen. Der deutsche Staat hingegen gibt das Geld großzügig für Sozialleistungen wie Kindergeld und Arbeitslosenunterstützung aus. Obwohl ich manchmal behaupte, dass die Deutschen nicht völlig über ihre sozialistischen Tendenzen hinweggekommen sind, habe ich die Dienste in Berlin insgesamt genossen: die bezahlbare Uni-Ausbildung, der öffentliche Nahverkehr, die subventionierten Operntickets.

Deswegen war ich extrem enttäuscht, als ich zwei notwendige Dienste in Berlin nicht wiederfand: Trinkwasserbrunnen und kostenlose öffentliche Toiletten. In Amerika gibt es für gewöhnlich mindestens einen Brunnen in jedem öffentlichen Gebäude: Ich finde sie in Schulen, Sporthallen, Büros und Wartezimmern wieder. Auch kann man in den USA in jedem Restaurant kostenloses Leitungswasser erwarten. Die Kellner bringen Gläser und Wasser ungebeten zum Tisch, und es ärgert sie nicht, wenn man keine weiteren Getränke bestellt.

Ich finde, es ist eine Schande, dass man in Berlin eine Plastikflasche beim Späti oder am Automaten kaufen muss, um an Trinkwasser zu kommen. Das ist weder so günstig noch so umweltfreundlich wie Leitungswasser.

Ich erinnere mich gut daran, als ich zum ersten Mal nach Europa kam und feststellen musste, dass man für die öffentlichen Toiletten bezahlen musste: Ich war gerade in Berlin angekommen, hatte meine Koffer im Hotel gelassen und habe mich gleich auf den Weg gemacht zum Europa-Center in Charlottenburg. Als ich dort auf die Toilette ging, fand ich es bereits unangenehm, dass die Putzfrau (die in diesem Fall ein Mann war) die ganze Zeit vor der Tür stand. Noch schlimmer war, dass er den Nerv hatte, mich danach um Kleingeld zu bitten. In Amerika behelligen die Reinigungskräfte die Gäste nie. Kostenlose Toiletten sind eine Selbstverständlichkeit.

Fehlende kostenlose Toiletten sind nicht nur unangenehm, sondern auch unhygienisch. Jeder weiß, was passiert, wenn Leute nicht für die Toilette bezahlen wollen. Ich erinnere mich an den Tag der deutschen Einheit im Jahr 2012, als es eine Party am Brandenburger Tor gab. Betrunkene Party-Gäste mit vollen Blasen standen vor einer Reihe stinkender Dixi-Toiletten. Direkt dahinter standen die Bäume am Rande des Tiergartens, eine verführende Alternative für die, die nicht warten wollten.

Pinkeln im Wald finde ich nicht so problematisch, aber wenn die Leute einfach überall hinpinkeln, dann schon. Man kann ab 22 Uhr fast keine U-Bahn-Station finden, die nicht in irgendeiner Ecke nach Urin riecht. Erwarte ich zu viel, wenn ich auf der Straße nicht in Urin treten will?

Das deutsche Sozialsystem ist viel weiterentwickelt als das, was wir in den USA haben. Aber ich bitte euch: Wenn es irgendwelche kostenlosen Dienste oder Leistungen geben soll, dann sollten auch Brunnen und Toiletten auf der Liste stehen. Ich würde gern auf die subventionierten Operntickets verzichten, wenn ich dafür meinen Durst umsonst löschen könnte. Und um nicht jedes Mal dafür zu bezahlen, dass ich meine Notdurft verrichten muss, würde ich mein Semesterticket abgeben.

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