Gedächtniskirche in Berlin : Singen mit Jocelyn B. Smith

Die Soulsängerin Jocelyn B. Smith veranstaltet jeden Mittwoch einen offenen Chor in der Gedächtniskirche. Auch Laien sind dort willkommen.

Jana Scholz
Jeder kann singen: Für den vierten Advent plant Jocelyn B. Smith ein Konzert mit ihrem offenen Chor.
Jeder kann singen: Für den vierten Advent plant Jocelyn B. Smith ein Konzert mit ihrem offenen Chor.Foto: DAVIDS/Guenter Peters

Wenn Jocelyn B. Smith spricht, ist ihre Stimme leise und sanft. Wenn sie aber singt, kann es passieren, dass ihr Chor eingeschüchtert auflacht. So kraftvoll und geschmeidig ist ihre Stimme. Eben die eines Soulstars.

Stimme, darum dreht sich alles in Smiths Chorprojekt „Everybody can sing“. An jedem Mittwoch formiert sich bis Ende des Jahres ein Chor, um ganz unverbindlich gemeinsam zu singen. Smith glaubt nämlich daran, dass wirklich jeder singen kann und dass Musik den Menschen neue Impulse und Kraft geben kann.

Etwas Spirituelles hat der Abend, und das ist eigentlich kein Wunder. Schließlich treffen sich die rund hundert Menschen, die zum ersten Termin des Chorprojekts gekommen sind, in der Gedächtniskirche am Ku’damm.

Umhüllt von blauem Licht steht Smith, 55, unter der scheinbar frei schwebenden Christusfigur, selbst ganz dezent in schwarzem T-Shirt und Jeans. „Diese Kirche ist für mich auch siebzig Jahre nach Kriegsende ein Symbol der Offenheit, die typisch für Berlin ist“, sagt sie.

"Jocelyn hat auch eine geistliche Tiefe"

Während am Anfang noch alle brav auf ihren Stühlen sitzen, ist die Kirche nach einer halben Stunde nicht wiederzuerkennen. Den Liedtitel „Dance to the music“ von der 60er-Jahre-Funk-Band Sly & the Family Stone haben alle wörtlich genommen und tanzen zwischen den Stühlen. Der musikalische Leiter der Gedächtniskirche, Helmut Hoeft, ist zufrieden. „Wir wollen musikalisch eine große Bandbreite anbieten“, sagt er. „Die Art, wie Jocelyn das macht, passt zu uns. Sie hat auch eine geistliche Tiefe.“ Die Band, die Smith zusammengestellt hat, gibt dem Chor rhythmische Orientierung. Der 22-jährige Michael Dimitriu an der Gitarre ist eigentlich Smiths Student. An der Hochschule der populären Künste leitet sie als Dozentin den Kurs „Ensemble“. Für die Mittwochabende hat sie Dimitriu engagiert. „Für mich verkörpert Smith, worum es geht: Um das Leben in der Musik“, sagt Dimitriu. Als sie vor ein paar Jahren beim Sommerfest der Hochschule auf der Bühne stand, im schwarzen Kleid und barfuß, wurden alle still, erzählt der 22-Jährige. „Sie hat mit ihrer Aura die Leute gepackt.“

Die meisten Teilnehmer im Chor sind Laien

Der Chor, vornehmlich weiblich zwischen 30 und 70, singt: „Boom shaka laka laka“, aus Tina Turners „I want to take you higher“ und reißt dabei die Arme hoch. Zwischendurch fragt Smith ihren Chor, wie es ihm geht – schließlich sind die meisten Laien, und die Songs singen sie zum ersten Mal. Eine Frau aus dem Chor meldet sich, sie habe vorher nur klassische Musik gesungen, deswegen sei die Erfahrung heute neu. „Ein bisschen schüchtern seid ihr noch“, sagt Smith.

Die US-Amerikanerin lebt seit mehr als dreißig Jahren hier. 1984 kam sie aus New York nach West-Berlin. „Ich habe alle Ecken ausprobiert.“ Zuerst wohnte sie in Neukölln, danach ging es nach Kreuzberg, dann nach Schöneberg. „Als die Kinder kamen, sind wir nach Zehlendorf gezogen.“ Heute lebt sie in Lichterfelde. In New York ist es ihr zu eng, hier gefällt ihr die Natur. Das Chorprojekt mit den Berlinern ist eigentlich auch ein Geburtstagsgeschenk an ihre dreißig Jahre in der Stadt. Viele soziale Projekte hat Smith in dieser Zeit unterstützt, den Obdachlosenchor „Different Voices of Berlin“ zum Beispiel. Seit sieben Jahren leitet sie ehrenamtlich den Chor, der sich im Kreuzberger Obdachlosenzentrum „Gitschiner 15“ regelmäßig trifft. Mit der Bereitschaft zum sozialen Engagement ist die 55-Jährige schon aufgewachsen. „Meine Mutter war in der New Yorker Nachbarschaft sehr engagiert“, sagt sie. „Es tut mir nicht weh, zu geben.“

Als sie mit Elf die "Jackson 5" kennenlernte, begann sie Pop zu singen

Als Kind kam Smith auch zur Musik. Mit fünf lernte sie klassisches Piano und sang im Kirchenchor ihrer katholischen Schule – auf Latein. Als sie mit elf Jahren die „Jackson 5“ kennenlernte, begann sie auch Pop zu singen. Zwei Jahrzehnte später gewann sie die goldene Schallplatte mit dem Titelsong des Disneyfilms „König der Löwen“ und 2003 den Jazz Award für ihr Album „Blue Night & Nylons“.

Am Schluss verabschiedet sich Smith von jedem Einzelnen. Eine Schlange bildet sich, die Sänger wollen sich bedanken, viele Umarmungen und Küsschen auf die Wange. Mindestens bis zum Ende des Jahres will Smith jeden Mittwoch mit allen singen, die eben Lust darauf haben. Am vierten Advent soll es ein Konzert geben, natürlich in der Kirche – und mit einer Andacht des Pfarrers Martin Germer.

Mittwochs 19 bis 20.30 Uhr, Karten 10, ermäßigt 8 Euro. Mehr Infos unter: www.everybody-can-sing.org

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