Gentrifizierung in Berlin : Investoren gegen Mieter: Da ist die Tür!

Ein Investor kauft Häuser, um sie zu sanieren - ein lohnendes Geschäft, seit Wohnungen in Berlin mehr Dividende versprechen als die Börse. Mieter, die dafür nicht bezahlen können, stören da nur. Ein ungleicher Kampf, der Kräfte zehrt. Drei Beispiele aus Mitte, Prenzlauer Berg und Kreuzberg

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Altbau-Charme. Das kann noch schöner werden, meinen Investoren - und damit besser zu vermarkten. Ohne Mieter.
Altbau-Charme. Das kann noch schöner werden, meinen Investoren - und damit besser zu vermarkten. Ohne Mieter.Foto: Anikka Bauer

Am 6. Januar 2012, da hing sein Briefkasten noch fest an der Wand, bekam Oleg Myrzak einen Brief zugestellt. Der Name des Absenders war ihm unbekannt, dessen Gewerbe – Mietmanagement – ebenso. Zunächst überflog der Regisseur das Schreiben nur, er war in Gedanken woanders. Sein nächstes Stück sollte im „Theater unterm Dach“ spielen, doch das Stadtteiltheater von Prenzlauer Berg war von der Schließung bedroht. Auch Myrzaks Stück war damit in Gefahr. Der Regisseur beschloss, alles zu tun, um das Theater zu retten. Dann las er das Schreiben erneut.

Das von Myrzak bewohnte Haus, schrieb der Mietmanager, sei Ende vergangenen Jahres an die „Gleimstraße 52 GmbH und Co. KG“ verkauft worden. Der Mietmanager sei damit beauftragt, Myrzak über die geplanten Veränderungen zu informieren. „Gern“, schrieb er, „möchte ich Sie hierzu persönlich treffen, um Ihnen die gesamte Problematik zu erläutern.“ Die gesamte Problematik. Da ahnte Oleg Myrzak, dass er nicht nur ein Theater, sondern vor allem sein Zuhause retten muss.

Auf Partys redet man über Quadratmeterpreise

Deutschland gilt traditionell als Mieterland. Nirgendwo sonst in Europa ist das Mietrecht so stark reguliert, nirgendwo sonst leben so viele Menschen in Wohnungen, die ihnen nicht gehören. Besonders gut hatten sie es lange Zeit in Berlin: Hier gab es große Wohnungen zu niedrigen Mieten und das mitten im Zentrum. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Seitdem Berlins Popularität einen Aufwärtstrend erfährt, von dem aktiennotierte Unternehmen nur träumen können, seitdem die Finanzkrise Menschen dazu gebracht hat, ihr Geld lieber in Wohnungen als in den Banksafe zu stecken, ist etwas im Gange in der Stadt. Auf Partys hört man Menschen inzwischen über Quadratmeterpreise reden, wie man es aus New York, Paris oder München kennt. Eine neue Kampflinie verläuft quer durch die Stadt und manchmal sogar mitten durch einzelne Häuser. Die einen drucken bunte Kaufprospekte, die anderen schwenken bunte Protestplakate; die einen sprechen von Aufwertung und argumentieren, dass niemand ernstlich erwarten könne, auf Dauer für wenig Geld mittendrin zu wohnen, die anderen nennen es Verdrängung und beklagen sich über die Wildwestmethoden, mit denen sie zum Auszug gezwungen werden. Es ist ein Kampf zwischen Eigentümern und Mietern, der Ablauf ist meist ähnlich. Ein Bericht aus Mitte, Prenzlauer Berg und Kreuzberg – die Gegenden, die auf Maklerdeutsch „begehrte Innenstadtlage“ heißen.

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Proteste gegen steigende Mieten

ESKALATIONSSTUFE 1: DIE MODERNISIERUNGSANKÜNDIGUNG

Über dem Tisch von Michaela Zollners und Stephan Hoefts Küche in Kreuzberg kleben Postkarten aus Sansibar, Zypern und Ägypten. An ferne Orte zieht es die beiden gerade nicht. Sie wünschen sich nur, bleiben zu können, wo sie sind – zwei Zimmer in der Hasenheide, seit sieben Jahren das Zuhause von Michaela Zollner und ihrem Sohn, Hoeft zog ein Jahr später ein.

Im vergangenen Jahr bekam Michaela Zollner – sie ist die Hauptmieterin – Nachricht, dass ihr Haus verkauft worden sei, der Name des neuen Eigentümers: „Inter Stadt- und Wohnungsbau GmbH & Co. sechste Grundstücksverwaltungs KG“. Früher einmal hatte die Hausbesitzerin einfach Irma Brucks geheißen. Im März 2013 kam wieder Post. Die Eigentümerin mit dem langen Namen wollte das Haus modernisieren. Wärmedämmung. Einbau von Isolierglasfenstern beziehungsweise Doppelglasfenstern. Installation einer Zentralheizung, Fernwärme. Es folgten viele Zahlen. Die Wärmedämmung würde 187 100 Euro kosten, die Fenster 194 200 Euro und die Heizung 179 400 Euro. Davon, so hieß es, könnten jeweils elf Prozent auf die Mieter umgelegt werden, und so schuldeten Zollner und Hoeft der neuen Eigentümerin mit einem Mal 23 249,95 Euro, zahlbar durch eine monatliche Mieterhöhung von 274,13 Euro. Damit betrug ihre Miete nicht mehr 351,37 Euro, sondern 625,50 Euro.

Nach dieser Ankündigung wurden die ersten Kartons durch das Haus Richtung Ausgang getragen. Michaela Zollner und Stephan Hoeft blieben. Sie ist Altenpflegerin, er Landschaftsgärtner, sie können sich die neue Miete leisten, und die Vorstellung, nicht mehr Kohlen schleppen zu müssen, gefiel ihnen eigentlich ganz gut.