Berlin : Gertrud Tschinkel (Geb. 1931)

Schließlich fand sie kleine Blumensträuße auf ihrem Fahrradsattel

Gertrud Tschinkel: ein letzter Urlaub an der See
Gertrud Tschinkel: ein letzter Urlaub an der SeeFoto: privat

Gertrud nannte es das Kartoffelwunder. Es war Winter, sie lief die Landstraße entlang und stemmte sich gegen den schneidend kalten Wind Mecklenburgs. Ihr Blick glitt umher, spähte in die Gärten und auf die Felder. Etwas zu essen. Irgendetwas. Bitte. Ihr Bauch war so leer, seit Tagen schon.

Das war Ende 1946. Hinter Gertrud lagen schwere Monate. Georgswalde im Sudetenland war der Ort ihrer Kindheit. Ihr Vater war ein Mustermacher in einer Textilfirma. Die Familie hatte eine Haushälterin und eine Wäschefrau. Es gab ja viel Wäsche: Gertrud hatte vier Brüder. Nach der Schule kamen die Nachbarskinder zum Spielen. Eine Kindheit, heil und unbeschwert, auf dem Bauernhof mit den Weinranken, an denen die Trauben prall und saftig wuchsen.

Der Krieg war weit weg, bis er plötzlich vor der Tür stand und sie ihr Zuhause verlassen mussten. Ein Schock, den die Mutter nicht überlebte. Doch für die Trauer war keine Zeit. Eben noch Kind, musste Gertrud nun erwachsen werden.

In einer Mecklenburger Bauernscheune kamen sie unter, und Gertrud als einzige Frau der Familie musste die Mägen füllen. Also lief sie los, Straße rauf, Straße runter, fragen, betteln, suchen. Plötzlich widerfuhr ihr das Wunder der Kartoffeln, die da auf der Straße lagen. Sie schnappte sich den schweren Sack, lief zurück in die Scheune, so schnell sie konnte. Was für ein Fest. Wenig später ergatterte sie eine Kanne Milch, jemand schenkte ihr zwei Gänse, die geschlüpften Küken tauschte sie gegen eine Ziege, Gertrud baute Gemüse an, eine kleine Landwirtschaft entstand.

Ihr Vater? Der überließ all das der Tochter.

Gertrud gewöhnte sich das Jammern und Klagen ab. Wut, Trauer, Freude. Kein Platz, keine Zeit. Wer überleben wollte, musste Gleichmut bewahren und die Zähne zusammenbeißen. Jahrelang.

1956 hatte sie genug, machte sich davon, auf in die Freiheit, auf nach Radolfzell an den Bodensee. Bei Schiesser, der Unterwäschefirma nähte sie Spitze, Seide, feines Zeug. Endlich alleine, endlich nur sich selbst verpflichtet. Sie ging tanzen, genoss die neue Leichtigkeit.

Dann dieser Gärtner, Georg hieß er. Immer wenn sie aus der Fabrik kam, stand er da, direkt am Eingang, schnibbelte Blumen, schaute sie an. Sie guckte zurück, nur kurz, am nächsten Tag länger, schließlich fand sie kleine Blumensträuße auf ihrem Fahrradsattel.

Sie gingen aus, liefen am Bodensee entlang, Hand in Hand, sie verliebte sich in ihren Georg, tief und ernsthaft.

Aber das war gar nicht ihr Georg. Er gehörte einer anderen, war verheiratet, hatte Kinder. Kurz träumten sie: Abhauen, ein neues Leben anfangen. Eine Woche bevor es geschehen sollte, zweifelte Gertrud. Konnte sie die andere Familie zerstören für ihr Glück? Was für ein Mensch wäre sie, der zwei Kindern ihren Vater wegnähme.

Statt Ehefrau wurde sie Krankenschwester und nannte das: Berufung. Ausbildung in Karlsruhe, ein Jahr in einem SOS-Kinderdorf, dann in einer Psychiatrie und schließlich in einem Krankenhaus in Freudenstadt. Und Georg? Sie telefonierten, trafen sich für Momente der Liebe, bis es passierte. Auf der Geburtsurkunde steht: Vater unbekannt. Gertrud machte alleine weiter. Zähne zusammen und durch, wie sie es gewohnt war. Zog ihre Juliane groß, ging mit ihr wandern, zwischen den großen Bäumen des Schwarzwaldes. Stolz war sie, als Juliane das Abitur machte, sogar studieren ging, nur sagen konnte sie es ihr nicht. „Du bist schon richtig“, war das Äußerste.

Die Jahre vergingen, sie pflegte ihren Vater, machte Schichtdienste, wurde Krankenschwester-Gruppenleiterin. Freundinnen, Bekannte, Feste und Kuchen. Und plötzlich war sie alt geworden.

„Mama, willst du zu uns nach Berlin kommen?“

„Ja, will ich.“

Es war ihr letzter Umzug, das letzte Mal neue Menschen, neue Pfleger, neue Nachbarn. Einen dieser Neuen mochte sie besonders, Pfleger Jörg. Wenn er kam, strahlte sie, buk für ihn Kuchen und Hefezopf. Sie quatschten und tratschten und sie spannen Pläne. Gertrud wünschte sich eine letzte Reise an die Ostsee.

Jörg schob sie in ihrem Rollstuhl an den Strand, bis nach vorne, wo die Wellen anspülten. Da saß sie, stundenlang und genoss den Wind, die Sonne, das Rauschen. Noch einmal aufblühen, noch einmal genießen. Eis, Kaffee, Freiluftkino. Der Urlaub war ein Abschluss. Zu Hause erhielt sie die Krebsdiagnose.

Gertrud hatte genug gekämpft, genug gelebt, ins Krankenhaus wollte sie nicht noch mal. Sie hörte auf zu essen, zu trinken. Es waren harte Wochen.

Ihre Tochter sitzt an ihrem Bett, singt ihr Schlaflieder: „Guten Abend, gute Nacht.“ Flüstert ihr ins Ohr: „Mama, wenn du im Himmel bist, kannst du wieder rennen, kannst wieder aufstehen. Deinen Rollstuhl, den lässt du einfach hier.“ Gertrud schließt die Augen. Noch einmal hebt sich ihre Brust. Noch einmal senkt sie sich. Ein letztes Mal Atmen, ein letztes Mal, dann ist es gut.

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