Berlin : Geschmacksumwandlung

Er war der harte Rapper aus Marzahn. Jetzt ist er der harte Rocker aus Marzahn Die ungewöhnliche Geschichte von Hagen Stoll und seiner Band Haudegen

Haiko Prengel

Vergangenes Jahr hieß er noch Joe Rilla. Blickte grimmig in Kameras, posierte mit seinen Ghettofreunden und Kampfhunden vor Marzahner Plattenbauten, reimte Sätze wie „Ich bin der Stolz dieser Platten. Ich steh für Jungs, die nie eine faire Chance hier hatten.“ Kein Zweifel: Joe Rilla war der Gangsta-Rapper aus dem Berliner Osten, der fieseste weit und breit.

Heute ist Hagen Stoll kaum wiederzuerkennen. Nur die tiefe, grölige Stimme ist geblieben. Der bullige Glatzkopf macht neuerdings Rockmusik: Gitarre und Schlagzeug statt Turntable und Mikrofon. Haudegen lautet der Name seiner Band, geprobt wird im Jugendzentrum „Eastend“ in Hellersdorf. „Ich war immer jemand, der nach neuen Herausforderungen gesucht hat“, sagt Stoll in einer Probepause. Der Stilwechsel sei aber auch „logische Konsequenz“ einer musikalischen Weiterentwicklung. Weg vom synthetischen Rap, hin zu „ehrlichem“ Rock. „Joe Rilla gibt’s nicht mehr“, stellt der 35-Jährige klar. In seinen Worten schwingt auch etwas Erleichterung mit.

Bei Haudegen ist Hagen Stoll Frontmann und kreativer Kopf. Er singt gemeinsam mit Kumpel Sven Gillert, der schon zu Hip-Hop-Zeiten nie von seiner Seite wich. Soeben ist ihre erste Platte erschienen, sie heißt ebenfalls „Haudegen“ und enthält mal brachial, mal balladesk vorgetragene Rocksongs. Ein durchaus beeindruckendes Debüt für die zwei Ex-Rapper. Ihre Verwandlung wird auch optisch unterstrichen: Statt Baggy Pants und weiten T-Shirts tragen sie jetzt Hosenträger, Lederweste und Schiebermütze. Die beiden sehen aus wie Berliner Vorarbeiter in den 30er Jahren. Die von Modefirmen für die Vermarktung der Kunstfigur Joe Rilla gesponserten Hip-Hop-Klamotten hat Stoll alle verschenkt. Es war „mehr als nur ein Kleiderschrank voll“, wie er sagt.

Ihren neuen Musikstil nennen sie „Gossenpoesie“. Ihre Gosse ist immer noch Marzahn, der vermeintlich abgelegene Oststadtteil, in dessen grauen Plattenbauten die Verlierer der modernen Leistungsgesellschaft wohnen. So jedenfalls das Klischee. Die Arbeiterkinder Stoll und Gillert sind selbst dort aufgewachsen und singen in ihren Songs von Angst, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogensucht. Marzahn, das ist „extremer sozialer Notstand, in dem viele Kids auf sich allein gestellt sind“, sagt Sven Gillert. Denn die Eltern – oft ohne Job und „dem Alkohol verfallen“ – hätten den Glauben an sich längst verloren. Nur ab und zu zeige sich bei ihnen auf ironische Weise ein wenig Reststolz: Wenn Arbeitslose in Arbeitsklamotten im Kiez einkaufen gehen und wenigstens nach außen hin so tun, als hätten sie einen Job als Bauarbeiter oder Handwerker. Ein grotesk-verlogenes, laut Gillert aber alltägliches Modephänomen im Bezirk Hellersdorf-Marzahn. Und die Kinder eiferten ihren Eltern in ihrer Resignation längst nach. „Ich werde Hartz IV“ heiße es heute oft auf den Spielplätzen und Schulhöfen des Brennpunktviertels.

Anders als viele Gangsta-Rapper wollen Stoll und Gillert aber nun nicht nur vom Leben im Ghetto erzählen – sie möchten die Welt auch ändern. Haudegen sei „Hoffnungsmusik“, sagen sie. Es gehe darum, dass die Kids „den Arsch hochkriegen und ihr Ding durchziehen“, sei es in Marzahn, Hamburg-Wilhelmsburg oder im Ruhrgebiet. Ob Schule, Ausbildung oder Beruf, man dürfe „den Glauben an sich niemals verlieren“, sagt Stoll. Und wie soll das gelingen? „Mit alten Werten!“ Die beiden muskelbepackten, tätowierten Männer zählen sie gemeinsam auf: Wahrhaftigkeit, Pünktlichkeit, Disziplin – und dazu stets die „Faust geballt“, wie es in einem der Haudegen-Songs heißt. Man dürfe aber „auch mal Schwächen zugeben“, fügt Stoll hinzu.

Für den ehemaligen Gangsta-Rapper ist das schon eine Menge Gefühl. Als Joe Rilla veröffentlichte er auch beim berüchtigten, mittlerweile aufgelösten Berliner Plattenlabel Aggro Berlin. Das förderte gerne Musiker mit äußerst aggressiven Texten, darunter Sido und Bushido. Mit gewaltverherrlichenden, rassistischen oder frauenfeindlichen Reimen schaffte es Aggro Berlin immer wieder auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Hagen Stoll steht dennoch zu seiner Vergangenheit und seinem langjährigen Alter Ego Joe Rilla, dem Rap-Rüpel mit dem Hooligan-Image. „Ich kann mir jeden Track, den ich damals gemacht habe, immer noch anhören. Ich finde da nichts anstößig.“ Überhaupt finde die „Attitüde“, die Grundeinstellung von Joe Rilla bei Haudegen ihre Fortsetzung: „Wir haben was zu sagen.“ Dann verschwinden Stoll und Gillert wieder im Eastend zur nächsten Probe. Haiko Prengel

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