• Gesundheitsausschuss in Berlin: Das Gesundheitswesen braucht mehr als 500 neue Fachkräfte

Gesundheitsausschuss in Berlin : Das Gesundheitswesen braucht mehr als 500 neue Fachkräfte

Senatorin Dilek Kolat gab am Montag den massiven Personalmangel zu. Gesucht werden unter anderem Hebammen, Kinderärzte und Jugendpsychiater.

Personal wird in den Berliner Krankenhäusern dringend gesucht.
Personal wird in den Berliner Krankenhäusern dringend gesucht.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das Berliner Gesundheitswesen braucht massenhaft neue Fachkräfte. Insbesondere den Bezirksämtern fehlen Ärzte, Therapeuten, IT-Leute und Übersetzer – insgesamt werden mehr als 500 neue Fachleute gebraucht. Dies geht aus der Einschätzung der Gesundheitssenatorin hervor. Dilek Kolat (SPD) nannte am Montag im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses erstmals vorläufige Zahlen, die sie selbst wohl als Zielmarke in senatsinternen Verhandlungen über zu genehmigende Mittel nutzen wird.

Von den knapp 1600 Stellen in den Gesundheitsämtern der Bezirke sind wie berichtet 150 nicht besetzt. Das liegt daran, dass viele Fachleute so begehrt sind, dass sie woanders für mehr Geld arbeiten können – oder aber, dass es bestimmte Spezialisten auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gibt. Berücksichtigt man dazu den massenhaften Zuzug in die Stadt, die steigende Zahl von Schülern, die zu versorgenden Flüchtlinge und die vielen, auch neuen Obdachlosen, dann wären weitere 420 Stellen nötig. Insgesamt ergebe das einen Bedarf von 570 Fachkräften.

Dass Senatorin Kolat schon mal grobe Zahlen nannte, gilt fraktionsübergreifend als hilfreich. Noch verdienen Ärzte in den Gesundheitsämtern mindestens 1000 Euro weniger als ranggleiche Kollegen in den Krankenhäusern. Kolat sagte, sie werde sich fürs schrittweise Angleichen der Gehälter einsetzen – intern hat die SPD-Frau dies auch schon Ärzteverbänden signalisiert.

Gesucht: Kinderärzte, Impfmediziner, Jugendpsychiater

Viel zu tun gibt es also – der Ausschuss startete für die Senatorin mit erwartbar Unerfreulichem, nämlich Berichten von der Basis. So erklärte die Spandauer Amtsärztin Gudrun Widders geduldig, dass ihr selbst das Personal für regelmäßige Hygienekontrollen in den vielen Tattoo- und Piercingstudios fehle. Außerdem bräuchte Spandau mehr Psychologen, um – wie einst üblich – immer dann ein amtsärztliches Gutachten zu erstellen, wenn jemand durch Beamte in eine Klinik gebracht wurde: Eigentlich sind solche Gutachten nach 24 Stunden durch das örtliche Amt nötig. Sonst müssen selbst hochauffällige, suizidale Patienten entlassen werden, sollten sie das wünschen.

Dem Spandauer Gesundheitsamt fehlen seit Langem drei Kinderärzte, ein Impfmediziner und ein Jugendpsychiater. In den anderen Bezirken ist die Lage ähnlich. Und auch Widders Kreuzberger Kollege, der Gesundheitsamtsleiter Raimund Pitzing, sagte: Fachärzte für Hygiene- und Umweltmedizin seien nicht mehr zu bekommen, der Infektionsschutz könnte darunter leiden.

Dagmar Pohle, die Bürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf, sprach für ihren Bezirk von „ausgedünnten“ Hygienekontrollen in Praxen und Kliniken. Aber auch davon, dass die einmal im Jahr gewünschten Besuche amtlicher Kinderärzte in den Kitas kaum noch durchzuführen seien. In Lichtenberg wird sogar nach einer Leitung für das Gesundheitsamt gesucht. Ein harter Job, massenhaft Bewerbungen sind dem Vernehmen nach jedenfalls nicht eingegangen.

In den Altenheimen könnten bald tausende Pfleger gebraucht werden

Demnächst verhandelt Kolat über mehr Mittel für die Gesundheitsämter mit Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD). Mehr als 30 Millionen Euro im Jahr wären fällig, werden die Ämter so ausgestattet, wie es am Montag skizziert wurde. Allen Fachpolitikern ist klar, dass dies Jahre dauern wird – schon, weil Spezialisten eben rar sind.

Tatsächlich hatte auch Ex-Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) versucht, mehr Ärzte für Hygienekontrollen, Schuluntersuchungen und Suchthilfen zu verpflichten. Einst waren nicht nur 150, sondern fast 400 Stellen unbesetzt gewesen. Neuangestellte in den Ämtern werden seitdem in der Gehaltstabelle gleich so eingestuft, als arbeiteten sie schon länger dort, und bekommen deshalb höhere Löhne als vorher üblich. Nach wie vor ist das weniger, als andere Arbeitgeber für die gesuchten Fachleute zahlen.

Konkrete Daten zur Lage in den Ämtern wird Senatorin Dilek Kolat in diesem Sommer liefern. Dann dürfte im Ausschuss schon das nächste Problem diskutiert werden. In den Kliniken – und zwar in den landeseigenen, kirchlichen und privaten gleichermaßen – suchen sie dringend Hebammen. Und wenn sich die Prognosen bewahrheiten, dann suchen die Altenheime in der Stadt demnächst tausende Pfleger.

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