Gewaltexzess am Alexanderplatz : Abschied von Jonny K.

23.10.2012 08:57 Uhrvon , und
Berlin trauert um Jonny K. - so wie hier am Tatort am Alexanderplatz. Foto: dapd
Berlin trauert um Jonny K. - so wie hier am Tatort am Alexanderplatz. - Foto: dapd

Am Sonntag wird nach buddhistischer Tradition eine Trauerfeier für Jonny K., das Todesopfer vom Alexanderplatz, begangen - auch mit einer öffentlichen Zeremonie. Einer der Täter soll sich in die Türkei abgesetzt haben. Wichtig könnte werden, ob er die deutsche oder die türkische Staatsangehörigkeit besitzt.

Eine Woche nach der tödlichen Prügelattacke auf dem Alexanderplatz stehen Mitschüler noch immer fassungslos und still vor dem Bild des getöteten Freundes Jonny K. Sie schreiben über ihre „Trauer“, „Wut“, „Abscheu“ und „Hoffnung auf eine harte Bestrafung der Täter“ im Foyer der Oscar-Tietz-Schule in Marzahn. Eine Kerze brennt neben dem ausgelegten Kondolenzbuch und dem Porträt, das aus der Schülerakte kopiert worden ist. „Geboren am 7. 4. 1992 in Khon Kaen (Thailand), Gestorben am 15.10.2012 in Berlin“, lautet die Unterzeile.

Jonny K. wollte an der Schule in der Marzahner Chaussee in zwei Jahren sein Fachabitur ablegen und danach eine kaufmännische Berufslaufbahn einschlagen.

Er war erst im August gewechselt und fiel offenbar nicht weiter auf unter den 2000 Schülerinnen und Schülern. Jeden Morgen ist er von Spandau nach Marzahn gefahren. Im Kondolenzbuch heißt es, dass Jonny sich oft darüber amüsiert habe, „tief im Osten“ gelandet zu sein. Aber hier fühlte er sich offenbar wohl. Er fand Freunde und seine Klassenlehrerin erinnert an seine „Unbekümmertheit“, mit der er die Klasse bereichert habe. Gern erinnere sich die Klasse an sein Lachen und die kreativen Begründungen fürs Zuspätkommen.

Gleich nach dem Bekanntwerden der Tat war die Klasse gesammelt zum Alex gefahren, um Blumen am Tatort abzulegen. In einer Schweigeminute gedachte die gesamte Schule ihres toten Mitschülers. Der stellvertretende Schuldirektor Dimitri Livadiotis berichtet von langen Gesprächen in den Klassen: „Dabei erzählten die meisten Jugendlichen davon, schon einmal selbst Gewalttaten beobachtet zu haben oder sogar Opfer davon geworden zu sein.“ Offensichtlich gehörten solche Ereignisse in vielen Teilen Berlins zum Alltag, sagt Livadiotis. Die Erfahrungen decken sich mit einer im Vorjahr veröffentlichen Studie zur Jugendgewalt, wonach jeder sechste Berliner Jugendliche bereits einmal Opfer von Kriminalität geworden ist. 17,9 Prozent der damals befragten Jugendlichen gaben an, sie seien beraubt, erpresst oder geschlagen worden. Im Bundesdurchschnitt waren es 16,8 Prozent. Allerdings gehen Kriminologen davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen noch höher liegen. Erfahrungsgemäß würden nur etwa nur ein Viertel der Taten bei der Polizei angezeigt. Dreiviertel der Delikte bleiben demnach unentdeckt.

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