Berlin : Grüne Linie auf der roten Liste

Die Straßenbahn 68 in Köpenick gehört zu den bedrohten Strecken in den Außenbezirken Die BVG denkt über die Stilllegung nach. Die Anwohner bezweifeln den angeblichen Spareffekt

Stefan Jacobs

Peer Hauschild ist empörter Anwohner. Davon gibt es Tausende, aber Hauschild ist außerdem Eisenbahnschlosser, Lokführer und Streckenläufer, also vom Fach. Deshalb organisiert er den Widerstand gegen die mögliche Stilllegung der Straßenbahn 68 zwischen den Köpenicker Ortsteilen Grünau und Schmöckwitz. Die „Uferbahn“ am Langen See wäre die erste von mindestens einem halben Dutzend Verbindungen, die die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) infrage stellen. „Wenn diese Strecke fällt, werden auch die anderen purzeln wie Dominosteine“, sagt Hauschild, der den Anfang vom Ende der Tram in den Außenbezirken fürchtet. Er kennt die offiziell verbreiteten Argumente der BVG – und glaubt, sie Punkt für Punkt widerlegen zu können. Am besten auf einer Fahrt mit der Uferbahn, hin und zurück in jeweils 14 Minuten. „Ein Bus würde mindestens 20 Minuten brauchen“, sagt Hauschild, während die Tram anrollt.

Laut BVG sind die Fahrgastzahlen mit knapp 1000 Passagieren pro Tag zu gering. Hauschild hält entgegen, der Verkehrsverbund VBB habe 770 000 pro Jahr geschätzt, das wären mehr als 2000 pro Tag. Auch jetzt, am Vormittag, sind beide Wagen gut besetzt, obwohl es weder die Zeit für Pendler noch für Schüler oder Ausflügler ist. Dabei wird seit dem Fahrplanwechsel nur noch im 20-Minuten-Takt gefahren, und an Wochenenden verpasst die Tram genau die S-Bahn in Grünau. „So kann man auch Fahrgastzahlen senken“, sagt Hauschild und kommt zum nächsten Punkt, dem Bus-Ersatz. Die Bahn überholt gerade ein paar Spaziergänger, die auf dem Uferweg unterwegs sind. Der Weg muss für den Autoverkehr gesperrt bleiben, weil er durch Trinkwassereinzugsgebiet führt. Und in den holprigen Sträßchen, in die er übergeht, passen kaum zwei Autos aneinander vorbei. Ein Bus könnte weder die Kneipen hier, noch den Olympiastützpunkt an der Regattastrecke erreichen. Er müsste größtenteils auf die nächste Hauptstraße ausweichen, aufs Adlergestell. Doch bis dorthin sind es beispielsweise vom Ortsteil Karolinenhof – der auf halber Strecke liegt – zehn Gehminuten durch den Wald, während die Bahn durch die Ortsmitte fährt. Eine interne Schätzung der BVG habe ergeben, dass allein die Komfort-Nachteile des Busses jährlich 200 000 Fahrgäste vergraulen würden, sagt Hauschild.

Das Hauptargument der BVG waren die Kosten von offiziell vier Millionen Euro, die schon ab Herbst für die Sanierung der Gleise fällig wären. Bis in der vergangenen Woche herauskam, dass die Beseitigung der Trasse mindestens genauso teuer wäre. „Das wäre dann aber eine einmalige Ausgabe“, hieß es bei der BVG; die Gleise müssten alle 20 Jahre erneuert werden. Auf Nachfrage bestätigte die BVG zugleich, dass man sie auch für weniger als eine Million provisorisch sanieren könne. Die Tram stoppt, um zwei Streckenläufer einsteigen zu lassen, die gerade die Gleise geprüft haben. „Wie sieht’s aus?“, fragt Hauschild. Die Kurven seien morsch, sagen sie, aber die Geraden seien in Ordnung. Und um die Oberleitung müsse man sich ohnehin nicht sorgen.

Tatsächlich wurde die Leitung vor zehn Jahren komplett erneuert – bei einer Abschreibungszeit von 25 Jahren. „Dafür müsste also Fördergeld zurückgezahlt werden“, sagt Hauschild. Er schätzt die Gesamtkosten für die Umstellung auf Busbetrieb auf mindestens zwölf Millionen Euro. Schlimmstenfalls müssten die Anwohner sich noch am Ausbau der Straßen für den Bus beteiligen.

„Im Moment gibt es überhaupt noch keine Entscheidung“, beruhigt die BVG. Erst im Herbst solle die Analyse für die Uferbahn und die anderen fraglichen Strecken – Abschnitte der Metrotrams M1 und M2 sowie der Linien 21, 27, 60 und 61 – vorliegen. Dieser Zeitplan lässt Hauschild befürchten, dass gleich nach der Wahl im September Fakten geschaffen werden sollen, zumal die Technische Aufsichtsbehörde die Uferbahn schon ab Herbst sperren lassen könnte, wenn nichts repariert wird.

Die Tram ist auf dem Rückweg nach Grünau; rechts die Regattatribünen, links Wohnhäuser. „In jedem Winter“, hieß es bei der BVG, müsse man die Uferbahn freischaufeln. Hauschild lacht: „Das letzte Mal, dass die Bahn einen Tag lang nicht durch den Schnee kam, war 1978.“ Er will sich nicht ausmalen, was ein Bus bei solchem Wetter macht. Durchs Fenster zeigt er auf sein letztes Argument: Die kürzlich erneuerte Wendeschleife in Grünau hat keine Verbindung mehr zur „Rest-Strecke“ Richtung Köpenick. „Da müsste man eine Weiche einbauen. Wieder eine Million Euro weg.“

Weitere Informationen im Internet: www.uferbahn.de

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