Grundschule in Kreuzberg : Türkische Eltern protestieren gegen Trennung nach Herkunft

17.08.2012 09:04 Uhrvon
Wie wird die Klasse sein, wie der Lehrer? Schulanfänger, wie diese Kinder in Hamburg, haben eine spannende Zeit vor sich. Foto: dpa
Wie wird die Klasse sein, wie der Lehrer? Schulanfänger, wie diese Kinder in Hamburg, haben eine spannende Zeit vor sich. - Foto: dpa

Eine Klasse der Kreuzberger Lenau-Grundschule besteht fast nur aus deutschen Kindern ohne Migrationshintergrund, in einer anderen sind nur Kinder mit Migrationshintergrund: Dagegen protestieren vor allem türkische Eltern - mit Erfolg.

An der Kreuzberger Lenau-Grundschule protestieren Eltern gegen die Herkunftsmischung in den Klassen der Schulanfänger. Vor allem türkische Eltern kritisieren, dass von sechs Klassen eine Klasse zum Großteil aus Kindern mit deutschem Hintergrund bestehe, während in einer anderen Klasse ausschließlich Schüler mit nichtdeutscher Herkunftssprache sitzen. In den weiteren vier Klassen gebe es eine ausgewogenere Mischung, erzählten Eltern. Noch am späten Abend kündigte die Senatsbildungsverwaltung an, die Klassen neu zu mischen.

„Die Lenau-Schule war meine letzte Chance, meine Tochter überhaupt einzuschulen, überall anders hatte ich Absagen erhalten“, sagt eine türkische Mutter.

„Schon damals hatte ich Angst, dass meine Tochter wegen des hohen Ausländeranteils Probleme mit ihren Deutschkenntnissen haben würde.“ Nach der Einschulung merkte sie, dass ihr Kind in einer Klasse gelandet ist, in der nur Schüler mit türkischem und arabischem Hintergrund sitzen, während der Anteil der Kinder ohne Migrationshintergrund in der Parallelklasse rund 85 Prozent betrage. Sie beschwerte sich daraufhin bei der Schulleitung. Doch diese habe ihr erklärt, dass sie die Zusammensetzung der Klasse mit dem hohen Anteil an deutschen Kindern nicht ändern werde. Als die Mutter merkte, dass auch andere Eltern die Klassenaufteilung problematisch fanden, wandte sie sich an die zuständige Schulrätin. Gemeinsam mit rund zwanzig anderen Eltern steht die Mutter am Donnerstagnachmittag vor der Schule und diskutiert. Ein Vater, dessen Kind in der Klasse mit dem hohen Deutschen-Anteil ist, äußert Verständnis für den Unmut der türkischen Eltern.

Zu der umstrittenen Klasse ist es gekommen, weil die Lenau-Schule seit einigen Jahren die Möglichkeit einräumt, Kinder gruppenweise anzumelden. Dies hatten vor allem Eltern mit einem deutschsprachigen Hintergrund genutzt. Die Schulleitung sagte ihnen zu, dass ihre Kinder, die sich teilweise schon aus der Kita kannten, in die gleiche Klasse eingeschult werden. Die Gruppenanmeldung wurde als eine Möglichkeit gesehen, für eine bessere Durchmischung zu sorgen und die Schule auch für deutschsprachige Familien attraktiver zu machen. Der Anteil von Kindern mit nichtdeutscher Herkunftssprache beträgt an der Lenau-Schule derzeit insgesamt rund 75 Prozent.

Ähnliche Initiativen gibt es auch an anderen Brennpunktschulen. An der Gustav-Falke-Schule in Wedding haben die sogenannten Deutsch-Garantie-Klassen Aufsehen erregt. Kinder, die in diese Klassen eingeschult werden, müssen zuvor einen Sprachtest bestehen. Das Modell wird unter anderem von Grünen-Bildungspolitiker Özcan Mutlu als Erfolg gewertet. An der Methode der Lenau-Schule übte er hingegen Kritik: „Wir brauchen eine bessere Schülermischung, ohne Frage, aber der Weg der Lenauschule ist der falsche.“

Laut Schulgesetz ist bei der Zusammenstellung von Klassen auf eine ausgewogene Mischung zu achten. Das werde auch der Lenau-Schulleitung angeraten, hieß es am Donnerstag aus der Bildungsverwaltung. Die Leiterin der Grundschule habe angekündigt, diese Durchmischung durch klassenübergreifende Projekte und gemeinsame Ausflüge herstellen zu wollen, sagte Sprecherin Beate Stoffers. Der Schulstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Peter Beckers (SPD), reagierte irritiert. „Ich weiß nicht, was die Schulleiterin bewegt hat.“ Eine solche Aufteilung der Kinder sei jedenfalls nicht im Sinne des Bezirks, sagte er.

Die Schulleitung lud alle „besorgten und interessierten Eltern von Schulanfängern“ zu einer Besprechung am Montagnachmittag ein. Viele Eltern wirkten am Donnerstag nachdenklich.

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