Gutachten zu "Kentler Experiment" : Missbrauch unter staatlicher Obhut

Die Senatsverwaltung ließ vor 45 Jahren Jugendliche von Pädophilen betreuen. Eine Wissenschaftlerin hat den Skandal aufgearbeitet.

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Mit voller Absicht wurden Jugendliche in die Obhut von Pädophilen gegeben.
Mit voller Absicht wurden Jugendliche in die Obhut von Pädophilen gegeben.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die Senatorin wurde sehr deutlich. "Es war ein Verbrechen, Menschen in diese Obhut zu geben", sagte Sandra Scheeres (SPD), verantwortlich für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Und: "Es ist nicht nachvollziehbar, dass so etwas unter staatlicher Obhut passieren konnte." Sie spricht vom "Kentler-Experiment".

Der Sexualwissenschaftler Helmut Kentler (1928-2008) hatte vor rund 45 Jahren mindestens drei obdachlose Jugendliche bei mehreren pädophilen, wegen Missbrauchs vorbestraften Männern untergebracht. Und das unter Obhut der Senats-Jugendverwaltung. Kentler versprach sich von dem Experiment, dass die Jugendlichen durch die Männer sozial wieder gefestigt würden. Dass die Männer Sex mit den Minderjährigen haben würden, war Kentler "klar". Der Skandal wurde 2015 öffentlich debattiert, die Senats-Jugendverwaltung beauftragte daraufhin die Wissenschaftlerin Teresa Nentwig von der Uni Göttingen, den Vorfall und die Verantwortung der Behörden aufzuarbeiten.

Auch die Verwaltung soll von dem Experiment gewusst haben

Am Freitag legte Nentwig ihr Gutachten vor. Allerdings, sagte sie, "sind die Ergebnisse ernüchternd". Auf viele Fragen gibt es keine klaren Antworten. Wie viele Kinder genau kamen zu Pädophilen? Wie alt waren die Opfer? Wann fanden die Experimente statt? Welcher Behörden-Mitarbeiter stimmte dem Projekt zu und ließ dadurch Pflegegelder auszahlen? "Wir wissen es nicht genau", sagt Nentwig. Unterlagen dazu fehlen oder sind nicht aufgearbeitet.

Es gibt aber konkrete Hinweise, dass zumindest eines der damaligen Opfer noch heute unter dem Missbrauch leidet. Nentwig hat mit einem Freund dieses Mannes geredet, sie erfuhr, dass der Betroffene diverse Therapien begonnen, aber nicht abgeschlossen habe. Zwei weitere Opfer sollen nach ihren Recherchen in die Kriminalität abgerutscht sein. Kentler dagegen hatte sein Experiment als gelungen dargestellt. Allerdings gab er Jahre später zu, dass "alle Beteiligten" gewusst hätten, dass sie gegen Gesetze verstießen. Also auch der oder die Beteiligten in der Verwaltung.

Da nicht klar ist, ob es noch weitere Opfer dieses Experiments gibt, hat die Senats-Jugendverwaltung eine Hotline für mutmaßliche Betroffene eingerichtet. Die können sich unter der Nummer 030-902275540 melden.

Viele Akten sind aber auch aufgrund des Datenschutzes gesperrt. Deshalb weiß auch Scheeres nicht, wie groß die Zahl der Opfer wirklich ist, zumal auch Kentler offenbar wenig dokumentiert hat. Sie drängt allerdings nachdrücklich darauf, dass die Aufklärung weitergeht.

Die Rolle der Senatsverwaltung ist noch nicht gänzlich geklärt

Das ist aber offenbar nicht so einfach. Die Wissenschaftlerin Nentwig ist sauer auf das Landesarchiv, weil sie nach ihrer Darstellung von einem Mitarbeiter der Einrichtung erst die Zusage erhalten habe, sie könne nicht aufgearbeitete Akten einsehen, die dort liegen. Dann aber habe das Archiv offiziell die Zusage zurückgezogen, weil solche Akten nicht öffentlich eingesehen werden dürften.

Noch detailliert aufgearbeitet werden muss die Rolle der Senatsverwaltung bei der Vermittlung von Jungen aus schwierigen Verhältnissen an die Odenwaldschule. An der hessischen Reformpädagogik-Anstalt wurden in den 1970er und 1980er-Jahren mehr als 130 männliche Schüler von Lehrern, in erster Linie von Schulleiter Gerold Becker, missbraucht. Die Berliner Senats-Verwaltung hatte die Internatsplätze in der Odenwaldschule bezahlt, aber die Verwendung der Gelder ist offenbar nie genau kontrolliert worden. Einer der Berliner Jugendlichen hatte in der Schule im direkten Umfeld von Becker gewohnt und musste wegen angeblichen Alkohol- und Drogenmissbrauchs die Schule verlassen. Er starb Jahre später an Leberzirrhose. Als Becker ihn aus der Schule warf, war der Junge noch keine 14 Jahre alt.

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