Berlin : Hans Berliner (Geb. 1929)

„Gut in Schach zu sein, ist Zeichen einer vergeudeten Kindheit“

Im Jahr 1965, kurz nach der Kubakrise, schreiben sich ein Russe und ein Amerikaner Postkarten. Die beiden führen Krieg; auf den Rückseiten der Karten stehen kurze Codes: „e4.“ „ e5.“ „ Sf3.“ „Sc6.“ „Lc4.“ „Sf6.“ Hans Berliner und Yakov Estrin führen Krieg auf 64 Feldern, Fernschach. Italienische Eröffnung, Zweispringerspiel in der Ulvestad-Variante; die Partie gilt als das beste Schachspiel des 20. Jahrhunderts. Estrin verliert nach 42 Zügen, was für ihn zwar schade ist, für diese Geschichte aber gut, denn um ihn geht es hier nicht. Es geht um Schach, das Streben nach Perfektion, und um den Kampf „Mensch gegen Maschine“, kurz: Es geht um das Leben Hans Berliners.

In den ersten Jahren seines Lebens heißt er nicht nur Berliner, er ist es auch. 1937, da ist er gerade acht, verlassen seine Eltern mit ihm Nazideutschland und ziehen nach Washington DC.

Das mit dem Schach beginnt, als Hans 13 ist. An einem Regentag während eines Ferienlagers lässt er sich von einem Freund die Regeln erklären. Am Ende des Tages gewinnt er sein erstes Spiel. Es fühlt sich natürlich an. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich gefordert.

Er hat sich bis dahin oft gelangweilt. Mit zwei hat er sich das Lesen und Rechnen beigebracht, als er zwölf ist, hat er alle Bücher der Astronomie-Abteilung in der Bücherei gelesen. In der Schule lernt er nichts Neues. Schach, mit mehr möglichen Spielverläufen als Galaxien im Universum, füllt dieses Vakuum.

Hans studiert Physik. Und langweilt sich, bricht ab. 1951 muss er zur Armee. Als er da durch ist, überredet ihn ein befreundeter Schachspieler, Psychologie zu studieren. Im Leben brauche man einfach einen Abschluss, ohne habe man keine Chance. Hans Berliner bringt das Studium zu Ende und beginnt, für die Regierung zu arbeiten.

Mit Anfang zwanzig erreicht er den Rang eines Schachmeisters. Er gewinnt große Wettbewerbe, ist bald der zehntbeste Spieler in den Vereinigten Staaten. 1952 fährt er zur Schacholympiade nach Helsinki, wo sein Team zwar nichts gewinnt, er aber seine Frau kennenlernt.

Seine größten Erfolge feiert er sowieso im Fernschach. Anders als beim normalen Schach sitzen sich die Spieler dabei nicht gegenüber, sondern senden sich ihre Züge gegenseitig zu. Sie haben tagelange Bedenkzeiten, dürfen Hilfsmittel verwenden. Das Niveau ist äußerst hoch. Als Berliner anfängt, geschieht die Übermittlung noch per Post. Wettkämpfe können Jahre dauern. Die Weltmeisterschaft von 1965 gewinnt Hans Berliner drei Jahre nach Wettbewerbsbeginn. Er bevorzugt Fernschach, weil es dem perfekten Spiel am nächsten kommt. Er bringt es bis zum Großmeister.

Das Streben nach dem perfekten Spiel treibt ihn auch beruflich an. 1960 beginnt er für das neu gegründete Unternehmen eines Freundes zu arbeiten, es trägt den etwas langweiligen Namen IBM. Er beginnt, einen Schachcomputer zu entwickeln, zuerst ohne großen Erfolg. 1969 geht er zurück an die Uni. „Schach als Problemlösung“ nennt er seine Dissertation.

Er wird Dozent und arbeitet weiter an Spieleprogrammen. Schach erscheint ihm zu komplex, also beschäftigt er sich zuerst mit Backgammon. Da gibt es nur 60 Spielmöglichkeiten pro Zug. Das Ergebnis ist das Computerprogramm BKG 9.8. Im Jahr 1979 lässt Berliner es gegen den Weltmeister im Backgammon antreten, Mensch gegen Maschine. Der Weltmeister verliert. Es ist das erste Mal, dass ein Computerprogramm einen Weltmeister in einem Denkspiel besiegt.

Berliner beginnt erneut, an seinem Schachcomputer zu arbeiten. Er nennt ihn HiTech. Bald erreicht das Programm das Niveau eines Schachmeisters, gewinnt bei Wettbewerben gegen Menschen. 1988 besiegt HiTech den Großmeister Arnold Denker. Einer von Berliners Doktoranden entwickelt das Programm Deep Blue, das 1997 Garry Kasparov besiegen wird.

„Gut in Schach zu sein, ist Zeichen einer vergeudeten Kindheit, nichts womit man angibt“, sagt Hans Berliner 2005 in einem Interview. Immerhin kann man Geschichte damit schreiben. Hans Berliner ist am 13. Januar in Florida gestorben.

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