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Hauptstadtkampagne : Be Berlin - nur ein Slogan oder doch mehr?

06.01.2010 00:00 UhrVon Clayton M. McCleskey
317128_0_a97a3bc1.jpg  Foto: dpaBild vergrößern
Was ist Berlin? Wer sind die Berliner? Was bedeutet "Be Berlin"? - Foto: dpa

Drei ausländische Journalisten schreiben über ihr Berlin-Gefühl. Was denken Sie? Was heißt es, ein Berliner zu sein? Und was ist Berlin eigentlich? Diskutieren Sie mit!

Was heißt eigentlich „Be Berlin“? Der Slogan der vom Senat ins Leben gerufenen Hauptstadtkampagne war im Jahr des Mauerfalljubiläums überall zu sehen. Aber weiß irgendjemand – über das Jubeljahr hinaus –, was damit gemeint ist? Was ist Berlin eigentlich? Und was heißt es, ein Berliner zu sein?

In zwei Jahrzehnten nach dem Mauerfall ist es Berlin aus meiner Sicht immer noch nicht gelungen, eine gemeinsame Identität zu schaffen. Die Stadt ist noch immer getrennt – und arm dazu.

Und nein, das ist nicht gut so.

Wenn es um eine gemeinsame Identität geht, steht Berlin vor zwei großen Herausforderungen: Zuerst ist da die Geschichte.

Die Geschichte einer geteilten Stadt. Dazu kommen wir später.

Die Stadt hat auch ein demografisches Problem. Ganz Deutschland hat das Problem. Ich behaupte: Dieses Land wird älter, dümmer und intoleranter. Wegen der weiter gesunkenen Geburtenrate, wegen der Auswanderung von hochqualifizierten jungen Leuten und der Einwanderung eher gering qualifizierter Immigranten ändert sich Deutschland, was die Deutschen bis jetzt aber nicht wahrhaben wollen. Berlin hätte im Gegensatz zu diesem Trend die Chance, ein Vorbild für das ganze Land zu sein. Hier in der Hauptstadt ist Multikulti zum Modewort geworden. Aber leider blieb es nur ein Wort.

Neonazi-Angriffe nehmen in verschiedenen Bezirken zu. Teile von Kreuzberg sind ein Ersatzistanbul, da wird kein Word Deutsch gesprochen. Für Fremde, zumal anderer Hautfarbe, gibt es ganze „No-go“-Gebiete in der Stadt. Wie oft gehen Sie, liebe Tagesspiegel-Leser, abends nach Lichtenberg? Oder tief hinein nach Marzahn?

Wissen Sie, dass in Berlin nur 22 Prozent eines Jahrgangs bei Jugendlichen „nichtdeutscher Herkunftsprache“ das Abitur machen? Diese Menschen sind aber der einzige Teil der Bevölkerung – Pflegeheimbewohner ausgenommen –, der wächst. Ein großer Teil des künftigen Deutschlands bleibt von den Universitäten ausgeschlossen. Sie machen Döner, aber keinen Abschluss.

Man redet gern von Integration, besonders die Humanitätsapostel, die Grün wählen, Bio einkaufen und gleichzeitig Geländewagen fahren. Sie sitzen am Kollwitzplatz, lesen die „taz“, loben ihre Toleranz. Aber wie viele Einwanderer wohnen in Prenzlauer Berg? (Schwaben zählen nicht!) Toleranz ist überall in Deutschland – und Berlin ist keine Ausnahme – normalerweise mehr Wort als Tat.

Ich habe mal mit einem Deutschen gesprochen, der einen türkischen Hintergrund hat. Er hat an einer Eliteuniversität in den USA studiert und sich in Deutschland mit Politik beschäftigt. Aber er hat jetzt die Nase voll von Deutschland und möchte wieder in die USA. In Deutschland bleibe er immer Türke. In den USA kann er alles tun und alles werden. In Deutschland fühlt er sich nicht mehr wohl.

Berlin muss und kann seine Türen aufmachen und die Stadt sein, in der solche Menschen bleiben, um ein erfolgreiches – und deutsches – Leben führen zu können. Berlin sollte sich als „Integrationsstadt“ fühlen.

Wie schafft man das? Bildung wäre ein guter Startpunkt. Von den Schulen bis zu den Universitäten sollte es hier immer um Integration gehen. Es gibt Schulen in Berlin, in denen kaum ein Kind Deutsch kann. Diese Schulen müssen zuerst integriert werden, damit Kinder ein Verständnis für Multikulti bekommen.

Die Stadt ist voller Studenten. Aber haben Sie mal in die Mensa der FU geschaut? Die Studenten sind praktisch alle weiß. Das kann so nicht weitergehen.

Multikulti allein löst das Identitätsproblem Berlins nicht. Selbst wenn die Einwanderer integriert würden und die Unis verbessert, hätte Berlin immer noch sein zweites Problem: die Mauer in zu vielen Köpfen. Entschuldigung, es klingt längst wie ein Klischee, aber es stimmt.

Dass jeder Bezirk seine eigene Kultur hat, ist ein Vorteil Berlins, kein Nachteil. Diese Stadt ist etwas Besonderes. Eher eine Kollektion von Dörfern, die mehr zufällig zur Hauptstadt wurden, als eine große geplante Metropole wie Paris.

Es ist in Ordnung, dass die Wilmersdorfer Witwen am Wochenende die Kneipen in der Oranienstraße nicht besuchen. Aber dass viele West-Berliner nie in den Osten fahren und für Ost-Berliner die Stadt an der Grenze zu Tiergarten endet, ist nicht Ordnung. Und es ist auch nicht gesund.

Es fehlt ein Gefühl von Einheit. Was heißt es, „Berliner“ zu sein? Es ist klar, was das hieß, als Kennedy sein berühmtes „Ich bin ein Berliner“ gerufen hat. West-Berlin war Freiheit, Demokratie. Aber heutzutage? Berliner zu sein, heißt das nur noch „arm, aber sexy“ zu sein?

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, Berlins Wowi, hat versucht, mit dem lockeren Spruch der Stadt eine Identität zu geben. Eine Identität, die viele gern übernommen haben. Berlin ist arm, kaputt und stolz darauf. Prost!

Ich bin mir nicht sicher, dass das eine gute Strategie für die Zukunft ist. Erstens, weil das Teile von West-Berlin ausschließt. Man kann viel über Charlottenburg oder Zehlendorf sagen, aber „arm und sexy“ sind die nicht. Und gehört man nicht nach Berlin, wenn man reich ist? Hier verbinden sich die Themen: Integration der Einwanderer und eine gemeinsame Identität für die Berliner. Eine arme Stadt voll von Arbeitslosen kann es sich niemals leisten, Immigranten zu integrieren. Eine arme Stadt kann nicht genug Spitzenschulen anbieten, die nun einmal gebraucht werden.

Gerade hat Berlin den Mauerfall vor 20 Jahren groß gefeiert. Aber man muss auch an die nächsten 20 Jahre denken. Wird Berlin tatsächlich die Multikultistadt Deutschlands? Schafft es die Stadt, gegen den deutschen Trend zu gehen und statt älter und dümmer lieber jünger und intelligenter zu werden? Wird aus West-Berlin und Ost-Berlin endlich Berlin? Oder wird diese Stadt auch in 20 Jahren noch arm, aber sexy sein? Vielleicht ist Armsein am Anfang ganz sexy. Aber irgendwann ist man nur noch arm.

Clayton M. McCleskey berichtet für die „Dallas Morning News“ über Europa und ist Fulbright-Journalismus-Stipendiat.

Und was denken Sie? Haben die Journalisten Recht? Wie ist Ihr Berlin-Gefühl? Nutzen Sie die Kommentarfunktion. Diskutieren Sie mit!

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