Berlin : Helmut Stingl: Die Plattensiedlungen in das Zentrum geholt

Torsten Hampel

Helmut Stingl war ein Mann des Baukastens. Er hat fast alle innerstädtischen Berliner Neubau-Wohngebiete entworfen und damit gleichzeitig das Bauhaus in der DDR rehabilitiert. Das war nötig in einem Land, dessen Führer ihrem Volk anfangs Paläste bauen wollten, im Zuckerbäckerstil und monumental wie an der einstigen Stalinallee. Ihnen, dem Möchtegern-Baumeister Walter Ulbricht und seinen Stichwortgebern wie dem Architekten Hermann Henselmann vor allem, ging es stets um das Zeichen, um die Botschaft eines Hauses, und nicht darum, ob es funktionierte. Ob die, die in ihm wohnten und arbeiteten, das auch ohne Beschwerlichkeiten tun konnten.

Stingl dagegen war die Solidität wichtig. Am Ende der DDR stand sein Name für einen guten, flexiblen Plattenbau. Wenn man so will.

Stingl, Jahrgang 1928 und damit eine Generation nach Henselmann geboren, wollte es anders machen als der Sahnehäubchen-Architekt. Die sozialistische Gesellschaft sollte, bevor sie sich brüstete mit kaum bezahlbarem Pomp, zuerst einmal die Wohnungsnot lindern. Er wollte ökonomisch kalkuliert bauen, "es ging ihm dabei gar nicht um den Stil des Bauhauses, sondern um die innere Weisheit dieser Schule", wie es die Architekturgeschichtlerin Simone Hain sagt. Gerade dieses Argument aber, Neubauwohnungen für die Arbeiter und Bauern überhaupt erst einmal bezahlen zu können, wendete sich später gegen ihn und seine Ideen.

In der Mitte der 70er Jahre waren die Architekten komplett entmachtet, sie hatten nichts zu sagen. Die Wohnungsbaukombinate wollten hohe Wohnungsstückzahlen produzieren und das ging nur mit einer strengen Standardisierung in der Vorfertigung, in den Plattenwerken. Die Einförmigkeit der Grundrisse, der Wohnungstypen und des Städtebaus waren nicht politisch motiviert, es ging nur ums Geld. Stingl, der beim Berliner Wohnungsbaukombinat angestellt war, baute anfangs selber so, zum Beispiel an der Heinrich-Heine-Straße in Mitte oder dem Wohnviertel am Tierpark. Später rannte er seinen Chefs die Türen ein, um sie davon zu überzeugen, dass vielseitigere Platten, flexiblere Baukästen nicht zwangsläufig dazu führten, dass die Stückzahlen sanken. Das dauerte Jahre, aber er konnte sich durchsetzen.

Das Wohngebiet Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg, das er von 1983 bis 1986 als Generalprojektant baute, war der Beweis dafür und gilt nicht nur deshalb als respektable städtebauliche Leistung, weil hier zum ersten Mal in der DDR eine Großsiedlung nicht an den Stadtrand verbannt, sondern in die Innenstadt geholt worden war. Die Häuser standen nicht mehr streng in Reihe. Sie bildeten Gruppen, schwangen sich locker um Plätze und Parks. Die Rechnungsprüfer überzeugte Stingl damit, dass die Wohndichte dort dennoch so hoch war wie in Gründerzeitvierteln. Stingls flexible Platte passte in enge Innenstädte und war die Voraussetzung für den Übergang vom Großsiedlungsneubau zum kleinteiligen Bauen.

Wer heute in Berlin ein typisches Stingl-Haus sucht, der findet es in den 12-eckigen Wohntürmen an der Holzmarktstraße oder im Thälmann-Park, auch entlang der Allee der Kosmonauten in Marzahn stehen sie. Das letzte von ihm geplante Viertel ist das Wohngebiet an der Wilhelmstraße. Nach 1990 hat Stingl nur noch einmal gebaut, Mehrfamilienhäuser in Rudow. Helmut Stingl ist, wie jetzt bekannt wurde, im Dezember des vergangenen Jahres gestorben.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben