Berlin : Hits aus der Grundschule

Ob Ärzte, Ideal oder Rammstein – im legendären Beatstudio legten sie den Grundstein für spätere Erfolge. Aber die Institution ist bedroht

H.P.Daniels

In der Halensee-Grundschule werden Weltkarrieren gestartet. Besser: in den beiden Räumen am Ende eines unscheinbaren Korridors, in denen sich ein komplett eingerichtetes, professionelles Tonstudio befindet. Vor Jahren erschien hier eine noch ziemlich unbekannte Band namens Rammstein, um Aufnahmen für ihr erstes Album „Herzeleid“ zu machen. Es sind viele Bands, die während der letzten 39 Jahre aus dem legendären „Beatstudio“ hervorgegangen sind: Neonbabies, Die Ärzte, Interzone, Rainbirds, 17 Hippies und und und. Foyer Des Arts mit Max Goldt haben im Beatstudio „Bau mir ein Haus aus den Knochen von Cary Grant“ produziert. Und Ideal spielten hier „Ich steh auf Berlin“ ein – d i e Hymne auf das Berlin der 80er Jahre.

Alle talentierten Musiker ohne Plattenvertrag können im Beatstudio mit bester Technik und mithilfe des Toningenieurs Gerd Bluhm eine CD produzieren. Interessenten bewerben sich bei der Senatskulturverwaltung, die die Einrichtung finanziell und organisatorisch unterstützt. Wegen der großen Nachfrage entscheidet eine Jury über die Vergabe der Termine. Der geringe Kostenbeitrag von 357,90 Euro für zehn Aufnahmetage entspricht der Gebühr für einen Musikschulkurs. Vergleichbar ausgerüstete Studios auf dem freien Markt kosten 600 bis 800 Euro – pro Tag.

Musiker Lüül (Lutz Ulbrich) kennt die Anfänge des Beatstudios gut: Mit seiner Schülerband „Agitation Free“ durfte er hier spielen. Wie es dazu kam? Die Mutter eines seiner Bandkollegen hatte den damaligen Leiter der Musikschule Wilmersdorf davon überzeugen können, das Geld für die geplante Anschaffung eines Konzertflügels doch lieber in den Ausbau eines Bandübungsraumes zu stecken. Damit die Jugendlichen etwas Nützliches machen, etwas Kreatives – und vor allem raus aus ihrem Keller kommen, wo sie bislang geprobt hatten und irgendwann den Boden aufgehackt haben, um mehr Platz für Boxen und Verstärker zu schaffen.

Zur Betreuung wurde der Schweizer Avantgardekomponist Thomas Kessler angestellt, ein Schüler Karlheinz Stockhausens, der mit Agitation Free den Kellerraum in der Berufsschule in der Pfalzburger Straße 32 zum „Beatstudio“ umbaute. Die Truppe klebte Eierpappen an Wände und Decken, sie stellte drei Bandmaschinen auf, montierte Mikrofone. Kessler habe allen, die es nach und nach ins Beatstudio zog, viel beigebracht, sagt Lüül. Klänge, Harmonielehre, Spiel- und Aufnahmetechniken. Das war 1968. Fünf Tage die Woche, von 15 bis 20 Uhr hat Kessler seine Bands unterrichtet. Durch ihn wurde das Beatstudio zur Keimzelle einer musikalischen Avantgarde, der „Berliner Schule“, von der es neben Agitation Free auch Klaus Schulze, Manuel Göttsching, Tangerine Dream, Ash Ra Tempel zu internationalem Ansehen brachten.

Anfang der 70er wurde der Filmkomponist Rolf Bauer Nachfolger Kesslers. Der wiederum heuerte den interessierten und begabten jungen Schulabbrecher Gerd Bluhm als technischen Assistenten an, der anfangs überhaupt nicht mit der technischen Ausstattung zufrieden war. Bluhm blieb, wurde später Studioleiter – und ist es bis heute. Bei ihm standen neben vielen anderen auch das „Berliner Rock-Ensemble“ mit Klaus Lage am Mikro, Morgenrot, Firma 33, die alle kurz darauf Verträge bei großen Plattenfirmen bekamen. 1984 zog das Beatstudio an seinen heutigen Standort in die Halensee-Grundschule in der Joachim-Friedrich-Straße 35-36. Und weitere „Hits“ entstanden. Stolz erzählt Gerd Bluhm, Rammstein hätten ihm eine Goldene CD von „Herzeleid“ geschickt.

„Heute kommen weniger klassische Rockbands zu uns“, sagt Bluhm, „inzwischen sind es mehr Gruppen, die Klezmer-, Tango-, Country-, Mariachi-, Folkmusik machen. Instrumente, die man nicht so gut mit dem Computer im Heimstudio aufnehmen kann. Bläser, Akkordeons, Geigen, akustische Gitarren.“ Sie kämen wegen der guten Mikrofone und der Raumakustik.

Doch das könnte alles bald vorbei sein. Die Halensee-Grundschule hat die Studioräume inzwischen gekündigt, weil sie zur Ganztagsbetreuung gebraucht werden. Die Wilmersdorfer Musikschule würde gern die laufenden Kosten einsparen und die Einrichtung vollständig dem Senat überlassen. Doch dem wiederum fehlt das Geld, an anderer Stelle ein neues Beatstudio aufzubauen. Ideal gewesen wären sicherlich die Räume im ehemaligen Rundfunkstudio der DDR in der Nalepastraße. Man hätte nur die Technik aus dem alten Studio reinzustellen brauchen, und der Betrieb hätte weitergehen können. Aber das Rundfunkgelände ist bekanntlich vom Land Berlin und den neuen Ländern für 350 000 Euro verkauft worden. „Es wäre eine Katastrophe“, sagt der frühere Studioleiter Rolf Bauer, „wenn man eine über fast 40 Jahre gewachsene wichtige Institution wie das Beatstudio schließen würde, nur weil ein paar Verantwortliche dessen Bedeutung nicht erkennen. Wenn man das abschafft, macht man einen gewaltigen Fehler.“

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