Berlin : Höchste Alarmstufe an der Oder

Der Pegel ist überraschend stark gestiegen. Anwohner bereiten sich aufs Hochwasser vor. Hält die Deichbaustelle bei Neuzelle?

von
Foto: dpa

Frankfurt (Oder) – Der Fluss hält sich nicht an Prognosen. Schon acht Stunden früher als erwartet erreichte die Flutwelle am gestrigen Nachmittag den südlichsten deutschen Oderort Ratzdorf. Hier erreichte der Wasserstand 5,90 Meter – rund drei Meter als normal. Die zuständigen Behörden riefen die höchste Alarmstufe 4 aus, die gleichzeitig Katastrophenalarm bedeutet. Der erst vor acht Jahren erneuerte Deich wurde sofort mit zusätzlichen Spundwänden verstärkt, um ein Überschwappen des Wassers in die Grundstücke wie vor 13 Jahren zu verhindern. „Wir haben trotz des neuen Deiches ein mulmiges Gefühl“, bekannte Bürgermeisterin Ute Petzel. „Das Wasser ist unberechenbar.“

Aufregung löste die Nachricht an der Baustelle in der Neuzeller Niederung zwischen Frankfurt und Ratzdorf aus. Hier wird der Deich auf mehreren Hundert Metern erneuert. Viel Sand und Kies sowie Schutzmatten und Sandsäcke sollen eine Überflutung ausschließen. Der Landrat des Kreises Oder- Spree, Manfred Zalenga, machte sich am Nachmittag selbst ein Bild von den Arbeiten. „Nach menschlichem Ermessen dürfte nichts passieren“, sagte er. „Bis jetzt erreicht der Fluss in seiner Mitte seine höchste Fließgeschwindigkeit, während es an den Deichen verhältnismäßig ruhig zugeht.“ Es dürften nur kein Ostwind und kein Gewitter aufkommen, die das Wasser an den Damm oder sogar darüber drücken. Beim Eintreffen der Flutwelle trübte sich der Himmel entlang der Oder ein. Der Wind hielt sich allerdings zum Glück zurück. Erst für den heutigen Donnerstag werden Niederschläge erwartet. Bis Mittwochnacht gab es noch keine Überflutungen.

Landrat Zalenga hatte eine einfache Erklärung für die lange Bauzeit: „Wir planen seit zehn Jahren einen neuen Verlauf des Deiches, um der nach jedem Hochwasser zu hörenden Forderung nach mehr Raum für die Flüsse nachzukommen. Aber es gibt immer wieder neue Einwände von Naturschützern und anderen Betroffenen.“ Diese Egoismen seien im Interesse der Gemeinschaft einfach nicht zu verstehen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) machte dagegen die Politik für das drohende Oderhochwasser mitverantwortlich: Die nationalen und europäischen Gesetze zum Hochwasserschutz seien nur zögerlich umgesetzt worden. Die Gelder seien lediglich in Deichverstärkungen, Stauanlagen und Uferbefestigungen geflossen. Nach der Flutkatastrophe 1997 sei die Einrichtung von 600 Hektar zusätzlicher natürlicher Rückhalteflächen angekündigt worden, tatsächlich wurden laut BUND aber nur 60 Hektar neue Überflutungsflächen geschaffen. Zu diesen Überflutungsflächen sollte auch die Niederung bei Neuzelle gehören. Um vier Kilometer stehen die Anfänge des neuen Deiches jetzt vom Flussufer entfernt. Seltene Kröten hatten die Arbeiten unter anderem lange Zeit verzögert.

Zunehmend hektisch geht es in und um Frankfurt zu. Die Stadtverwaltung kippte im Ortsteil Buschmühlenweg mehrere Lkw-Ladungen Sand ab, damit Anwohner ihre Sandsäcke füllen können. Pro Haushalt gab es 100 Säcke kostenlos. Seine erste Bewährungsprobe bestand die Sandsackbarriere vor dem Haus von Joachim Keil schon am Pfingstmontag. „Der starke Regen wäre ohne die Sandsäcke vielleicht ins Haus geströmt“, meinte er. Mit bangem Blick betrachteten viele Einwohner die anschwellende Oder. Nur noch wenige Zentimeter fehlten bis zu einer Überflutung der Hauptstraße in diesem Viertel am Frankfurter Stadtrand. Drastische Maßnahmen ergriff die Stadtverwaltung von Slubice am polnischen Ufer. Sämtliche Straßen am Fluss wurden gesperrt. Polizisten bewachten den Deich, um sein Betreten zu verhindern. Bürgermeister Ryszard Bodziacki rief die Einwohner auf, die Stadt spätestens am Freitag bis mindestens Montag zu verlassen. „Wenn wir nicht von der Oder überschwemmt werden, drückt möglicherweise das Abwasser aus der Kanalisation nach oben“, sagte er. Mehrere Stadtteile liegen unter dem Pegelstand. Das Krankenhaus wurde bereits evakuiert. Für den Notfall hat das Klinikum in Frankfurt Hilfe angeboten.

Ihren letzten Tag hatten die Studenten auch am Collegium Polonicum. Es bleibt ebenso wie Schulen und Kindergärten ab Donnerstag geschlossen. Einschränkungen beim Grenzübertritt gibt es noch nicht. Allerdings schleppten auch das Personal des bei vielen Deutschen so beliebten Basars und und die Beschäftigten mehrerer Tankstellen bereits Sandsäcke. Eine Schließung des Marktes am Rande von Slubice wird nicht ausgeschlossen.

Seinen Betrieb eingestellt hat bereits die Oderfähre in Güstebieser Loose im Oderbruch. Die Anlegestellen stehen hier unter Wasser, so dass der Schaufelraddampfer nicht mehr anlegen kann. Die Brücken in Küstrin an der Bundesstraße 1 und in Hohenwutzen an der Bundesstraße 158 bleiben genau wie die Grenzübergänge in Frankfurt vorerst geöffnet.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben