Berlin : Hommage an Max Liebermann

Amory Burchard

Der Nachbau seines berühmten Hauses am Pariser Platz ist eröffnet wordenAmory Burchard

Am 13. April 1932 saß Max Liebermann in seinem Haus am Pariser Platz und plauderte mit den "Jungs und Mädels" von Berlin. Der 84-jährige Maler sprach dabei in ein Mikrofon. Denn "Aus meinem Leben" berichtete Liebermann für den Jugendfunk des Deutschlandsenders. Die technische Apparatur wird sich im Liebermannschen Salon, der mit kostbaren Teppichen, Möbeln aus dem 18. und 19. Jahrhundert und mit einer Sammlung von Gemälden französischer Impressionisten ausgestattet war, ein wenig fremd ausgenommen haben. Gestern war wieder das Radio im "Max Liebermann Haus" am Pariser Platz. Aber bei der Pressekonferenz zur Wiedereröffnung knapp 70 Jahre nach der historischen Aufnahme passte die Technik gut ins Bild.

An der Stelle des klassizistischen Stüler-Palais wurde eine "kritische Rekonstruktion" fertig. Die Bankgesellschaft Berlin will das Haus "für gehobene gesellschaftliche Veranstaltungen" nutzen. Der Geist des alten Liebermann-Hauses wird beschworen, auf dass er auch in den Nachbau einziehen möge (siehe Kasten).

Liebermann bekannte sich 1932 gegenüber seinen jungen Zuhörern dazu, als Schüler ein Feind der Naturwissenschaften gewesen zu sein. Mit unverhohlen pädagogischer Absicht erzählte er dann, wie er sich doch noch mit moderner Technik anfreundete: Als 10-Jähriger habe er in den Ferien in Maschinenbauanstalten und Tischlereien der Fabriken seines Vaters hospitiert. Als die Familie des Stofffabrikanten 1857 in den Stüler-Bau am Pariser Platz zog, bekam Max im Keller eine eigene Werkstatt.

Das Haus am Pariser Platz erbte Liebermann vom Vater und bewohnte es bis zu seinem Tode 1935. Das Palais neben dem Brandenburger Tor machte der Maler, der 1899 Vorsitzender der von ihm mitbegründeten Berliner Secession und 1920 Präsident der Preußischen Akademie der Künste wurde, zu einem "Künstlerhaus". Thomas Mann nannte es den "Brenn- und Sammelpunkt erheiternder und mächtiger Charakterkräfte". Das Haus wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört.

Der nach seinen eigenen Worten "eingefleischte Jude", aufrechte Liberale und Berliner Großbürger Max Liebermann war ein selbstbewusster Hausherr. Zwei Mal musste er seinen Besitz gegen die allerhöchste Stelle verteidigen - gegen Kaiser Wilhelm II. Gleich nach dem Einzug gab Liebermann beim Berliner Architekten Hans Grisebach den Entwurf eines Ateliers im Dachgeschoss in Auftrag. Der Maler wollte am Pariser Platz nicht nur mit seiner Frau Martha und seiner Tochter Käthe leben, sondern dort auch arbeiteten. Aber der Kaiser fand den gläsernen Aufbau, den Grisebach als Oberlicht für das Dachatelier entwarf, "scheußlich".

Erst nach einem vierjährigen Behördenmarathon konnte Liebermann das Atelier beziehen. Er pflegte morgens um Punkt 10 Uhr die Arbeit aufzunehmen, um sie bis vier Uhr nachmittags nicht mehr zu unterbrechen, wie ein Biograph berichtete. Hier entstanden die Porträts seiner Künstlerfreunde wie Lovis Corinth und Max Slevogt, Bildnisse großer Wissenschaftler wie Albert Einstein und von Politikern wie Paul von Hindenburg. Politisch hielt Liebermann vom Reichspräsidenten ebensowenig wie vom Kaiser. "Ick ha ihn nicht gewählt, ich bin Demokrat", sagte er über Hindenburg.

Der zweite Streit mit Wilhelm II. folgte 1907/08. Das Brandenburger Tor sollte nach dem Vorbild des Arc de Triomphe in Paris frei gestellt, der Stüler-Bau also abgerissen werden. Liebermann weigerte sich. Dem Kaiser ließ er ausrichten: "... ebenso wie der Kaiser nich uff det Ende von de Linden rausjeht, jeht Liebermann nich uff dies Ende von de Linden raus." Gegen die Nazis, die ihn aus der Akademie jagten und seine Kunst als "entartet" ächteten, konnte sich Liebermann nur mit Verachtung wehren. Er sah die SA mit Fackelzügen durch das Brandenburger Tor marschieren und befand: "Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte."Mit der Eröffnung des Max Liebermann Hauses geht ein langer Architektur-Streit zu Ende. Sollten die beiden 1844-1846 vom August Stüler links und rechts des Brandenburger Tors erbauten Häuser originalgetreu oder modern wiedererstehen? Der Kompromiss, mit dem sich Architekt Josef Paul Kleihues durchsetzte, war die "kritische Rekonstruktion". Er übernahm die historischen Maße des Gebäudes, gab ihm aber eine moderne, sehr schlichte Fassade.

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