Homophobie in Berlin : Heiraten, um den Schein zu wahren

Nasser El-A. ist schwul. Seine Familie wollte ihn zwangsverheiraten – für die Familienehre. Doch er brachte sie vor Gericht. In zwei Wochen ist der Prozess.

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Nasser, 18, hat viel durchgemacht - nur weil er schwul ist. Seine Familie hätte ihn dafür fast getötet.
Nasser, 18, hat viel durchgemacht - nur weil er schwul ist. Seine Familie hätte ihn dafür fast getötet.Foto: Mike Wolff

Es gehört schon einiges dazu, die eigenen Eltern vor Gericht zu bringen. Nasser El-A. hat es getan. Der junge Mann ist mutig: Im Alter von 15 Jahren outete er sich als schwul, obwohl ihm klar war, was das im Kulturkreis seiner Eltern bedeutet. „Mein Vater hat gesagt, dass er mir eigenhändig ein Messer in den Hals rammen wird“, sagt Nasser, dessen Familie aus dem Libanon stammt. Homosexualität sei im Islam eine Sünde, davon sei die Familie überzeugt. Nach seinem Outing ist er von zu Hause weggelaufen, weil er um sein Leben fürchtete. Und er stellte fest: Es gab keinen Zufluchtsort für ihn.

Deswegen sitzt Nasser am Dienstagnachmittag im Büro von Monika Herrmann (Grüne), der Bürgermeisterin des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg; ebenfalls dabei sind Vertreterinnen der Beratungsstellen Papatya und Wildwasser und die Gleichstellungsbeauftragte des Bezirks. „Als ich weggelaufen bin, wusste ich nicht, wohin ich kann“, sagt Nasser. „Familie ging nicht, Polizei auch nicht, denn meine Eltern hatten mir eingetrichtert, dass die Polizei einen immer wieder nach Hause bringt.“ Auf diesen Mangel will er aufmerksam machen. Dafür erzählt er seine Geschichte wieder und wieder. Die Fachfrauen bestätigen das Problem. „Für Jungs gibt es kein Angebot und keine Unterbringung“, sagt Petra Koch-Knöbel, die Gleichstellungsbeauftragte. Mädchen stünden verschiedene Einrichtungen offen, aber alle seien überfüllt. Mädchen werden weitaus häufiger zwangsverheiratet als Jungen. Doch bei der letzten Umfrage des Berliner Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung zeigte sich, dass zunehmend auch männliche Jugendliche betroffen waren.

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Der schwule 18-jährige Nasser erzählt seine Geschichte

Männer wenden sich an Beratungsstellen für Mädchen - weil es für sie keine gibt

Auch Nassers Familie wollte ihn verheiraten, um den Schein zu wahren. „Ich will aber nicht das Leben einer Person leben, die ich nicht bin“, sagt der 18-Jährige. Nach der Sache mit der Heirat verhängte das Familiengericht eine Auslandssperre, weil der Vormund eine Entführung fürchtete. Das rettete Nasser. Er hatte sich an Papatya gewandt – eine Kriseneinrichtung für Mädchen und junge Frauen, bei der mangels Alternativen auch Jungen und junge Männer nach Hilfe fragen, besonders seit es auch Beratung per Internet gibt. „Wir sind seit 30 Jahren im Geschäft, und Zwangsheirat war immer dabei“, berichtet eine Mitarbeiterin von Papatya. 2004 begann Papatya mit der Onlineberatung – ein großer Erfolg. „Im Bett nachts heimlich vom Handy chatten geht immer noch, auch wenn die Familie das Mädchen sonst streng überwacht.“ So könne man schon einiges über die Lage der jeweils Betroffenen herausbekommen und ihre Flucht in eine Krisenwohnung vorbereiten. Doch auch das klappt nicht immer. „Es ist bitter und schwierig für viele Mädchen, sich gegen ihre Familie zu stellen“, sagt Dorothea Zimmermann, Therapeutin bei Wildwasser und Psychologin des Mädchennotdienstes. „Viele schaffen es nicht, die Anonymität zu wahren, und legen Spuren, damit man sie findet.“ Das aber könne lebensgefährlich sein.

Auch Nasser ist durch die Sehnsucht nach seiner Familie in Gefahr geraten. Als er mit seiner Mutter sprach und diese ihn nach Hause einlud – der Vater sei auf der Arbeit –, ging er hin. Dort traf er auf den Vater und zwei Onkel, die ihn betäubten und entführten. Erst an der bulgarisch-rumänischen Grenze flog alles auf, weil die Grenzer aufmerksam waren, genau wie zuvor der Vormund, der die Auslandssperre erwirkt hatte. Heute lebt Nasser anonym in einem betreuten Jugendwohnprojekt; zur Schule geht er unter falschem Namen. Er will den mittleren Schulabschluss machen und Flugbegleiter werden. Man kann eine Sehnsucht nach „ganz weit weg“ in diesen Berufswunsch hineinlesen.

Der Prozess gegen seinen Vater und die Onkel beginnt am 12. März, wie das Gericht bestätigte. Darin geht es um die Entführung. Das viele andere Leid, das seine Familie ihm angetan hat, ist kaum zu beweisen: das Übergießen mit Benzin samt der Drohung, ihn anzuzünden, das Übergießen mit kochendem Wasser, das Auspeitschen. Die Entführung hingegen ist gut dokumentiert; erschwerend kommt der Tatbestand der „Entziehung Minderjähriger“ hinzu. Es kann sein, dass Nasser seinen Vater und die beiden anderen Verdächtigen so ins Gefängnis bringt. Vor Gericht wird er sie wiedersehen. Das letzte Mal blickten sich Vater und Sohn reglos auf einer Demo in die Augen – gegen Homophobie. Nasser hatte sie organisiert.

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