Berlin : Hunger nach Liebe

Nur Rabeneltern schicken ihre Kinder ohne Frühstück zur Schule

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Von Richard Schröder Kurz vor Weihnachten kam die Meldung: Viele Kinder kommen ohne Frühstück in die Schule. Die Anzahl ist bei Armen besonders hoch, aber auch nicht wenige Gutsituierte schicken ihre Kinder ohne Frühstück in die Schule. Das ist tatsächlich ein Skandal. Aber was genau ist daran skandalös? Die Zeitungen fanden, skandalös daran sei, dass diese Kinder sich schlecht konzentrieren können und also schlechte Leistungen bringen werden. Das ist zwar auch richtig, aber noch viel schlimmer ist, dass diese Eltern sich morgens nicht die nötige Zeit für ihre Kinder nehmen. Sie schicken ihre Kinder in den Tag, als wären sie Vollwaisen, entweder weil sie schlecht planen oder weil sie so früh nicht aufstehen wollen. Sie verweigern ihren Kindern morgens den tätigen Beweis, dass sie für sie da sind. Das war den Kommentatoren offenbar ganz entgangen. Sie hatten nur die schulischen Leistungsdefizite im Blick, nicht die menschlichen Zuwendungsdefizite. Das ist auch ein Skandal.

Da diese Form von Kindesvernachlässigung besonders häufig bei Armen vorkommt, wird mancher Leser denken, die Armut sei dran schuld und an der ist natürlich „die Gesellschaft“ schuld. Das ist Unfug. Niemand – Drogenabhängige und Alkoholiker ausgenommen – ist in Deutschland so arm, dass er seinem Kind morgens eine Tasse Milch und eine Scheibe Brot nicht bezahlen kann. Ob man morgens für seine Kinder Zeit hat oder nicht, ist keine Frage des Geldes, sondern der Liebe. Eine Tasse Kräutertee und ein paar gute Worte kann jeder erschwingen.

Und nun die Reaktionen auf diese Meldung. Kostenlose Schulspeisung für alle soll das Problem lösen. Und der Staat soll zahlen. Woher aber das Geld nehmen? Ich finde, diese Reaktion ist für uns typisch und typisch daneben: alles mit Geld regeln und alles durch den Staat, und als Großaktion.

Es ist sinnvoll, über Schulspeisung zu Mittag oder auch in der Vormittagspause zu diskutieren. Aber ein Schulfrühstück vor Schulbeginn würde zwar die nötige Energiezufuhr sichern (so mechanistisch denken viele), nicht aber den Mangel an Zuwendung kompensieren.

Es sind Rabeneltern, die ihre Kinder ohne Frühstück in die Schule schicken. Sie sollten sich schämen und wenn sie das nicht tun, sollte jemand freundlich und beharrlich etwas dafür tun, dass sie sich ändern. Da sie Kinder haben, haben sie Pflichten, denn sie sind die einzigen Eltern ihrer Kinder. Es ist ja nicht schwer, herauszubekommen, welche Kinder ohne Frühstück in die Schule kommen. Es sind die ohne Pausenbrot, denn das haben diese Eltern dann auch nicht mitgegeben. Zu denen müsste man also hingehen und mit ihnen sprechen und deutlich werden, egal ob arm oder reich.

Lehrer müssten genügend Zeit für diese Art von Elternarbeit haben. Dies und nichts anderes wäre die Lösung. Alles andere sind nur Alibiveranstaltungen. Weder Geld noch Staat können den Mangel an Ethos kompensieren.

Richard Schröder ist Theologe und

Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität

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