Berlin : In privater Mission

Die meisten Diplomaten kommen und gehen. Marie Bernard-Meunier aus Kanada aber bleibt

Lars von Törne

Es sollte nur eine Stippvisite sein. Doch daraus erwuchs eine lebenslange Leidenschaft. Vor 30 Jahren kam Marie Bernard- Meunier als Studentin nach Berlin. Der Besuch zur Zeit von Willy Brandts Ostpolitik veränderte ihr Leben. „Ohne diese Erfahrung wäre ich nie in den diplomatischen Dienst gegangen.“ Die Ostpolitik wurde ihr Diplomthema, es folgte eine Vorzeigekarriere, die sie nach Wien, Paris, New York und Den Haag brachte. Jetzt beendet die 56-jährige Botschafterin ihre diplomatische Laufbahn in eben jener Stadt, in der damals alles begann.

„So schließt sich der Kreis“, sagt sie beim Gespräch in ihrem Büro im 23. Stock des Internationalen Handelszentrums, von dem aus man einen spektakulären Blick über das Regierungsviertel und die westliche Stadthälfte hat. Am heutigen Donnerstag verlässt die gebürtige Quebecerin dieses Büro, im Herbst kommt ihr Nachfolger Paul Dubois aus Ottawa. Der Stadt Berlin aber bleibt Marie Bernard-Meunier erhalten. Teils aus Liebe zur Stadt, mehr noch wegen ihres 17-jährigen Sohnes, der nächstes Jahr Abitur macht. „Er ist mir all die Jahre tapfer von Land zu Land gefolgt, jetzt will ich ihm die Chance geben, hier seine Schule zu beenden“, sagt Bernard-Meunier.

Die Stiftung Wissenschaft und Politik hat ihr angeboten, in deren Amerika-Abteilung zu arbeiten. Sie freut sich auf das Leben nach der Diplomatie: „Die meisten Menschen haben keine Vorstellung, wie viel man als Botschafterin beschäftigt ist und wie wenig Zeit man zum Reflektieren hat.“ 150 Mitarbeiter hatte sie zuletzt. Neben zahllosen Terminen in der Hauptstadt war sie seit ihrer Berufung vor vier Jahren mindestens einmal pro Woche im Land unterwegs. „Deutschland ist mit der Vereinigung ein neues Land geworden“, schwärmt sie. „Wer verstehen will, was in Europa passiert, kann das am besten von Berlin aus.“

Die guten, aber nicht sehr engen Beziehungen zwischen Deutschland und Kanada findet sie „einerseits ermutigend, andererseits frustrierend“: Vor allem nach dem 11. September und dem Irak-Krieg habe sich gezeigt, dass die beiden Länder auf internationaler Bühne ähnlich agieren. „Es geht nicht darum zu zeigen, wie einflussreich man ist, sondern Lösungen für Probleme zu finden“, sagt sie. „Enge Beziehungen haben wir aber leider nicht – was auch daran liegt, dass wir auf unterschiedlichen Kontinenten zu Hause sind.“

Ihre wichtigste Aufgabe hat die Botschafterin darin gesehen, Kanada als modernes Land darzustellen, das nicht nur Wald und Rohstoffe hat, sondern auch eine lebendige Kulturszene und eine wachsende Hightech-Industrie. Stolz ist sie auf die Austauschprogramme für Führungskräfte, die sie angeschoben hat.

Im politischen Berlin hat Marie Bernard-Meunier nachhaltigen Eindruck hinterlassen. „Man merkte sofort, dass Deutschland für sie eine Herzensangelegenheit ist“, sagt Andrea Fischer, frühere Gesundheitsministerin, danach Direktorin des kanadischen Universitätszentrums in Berlin und jetzt beim Beratungs- und Forschungsinstitut Ifok. „Mit ihrer lebendigen und offenen Art ist sie in der diplomatischen Welt sehr angenehm aufgefallen – einfach mitreißend.“

Nun freut sich die Botschafterin nicht nur auf ihre politikwissenschaftliche Arbeit, sondern auch auf mehr Zeit für ihr Hobby: Klassische Musik. Vor anderthalb Jahren begann sie, Cello zu spielen. Ihr einziges Bedauern ist, dass die neue kanadische Botschaft am Leipziger Platz in ihrer Amtszeit nicht vollendet wurde. Das Gebäude, das vermutlich im Winter fertig wird, eröffnet jetzt ihr Nachfolger.

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