Berlin : In roten Socken zur Nationalgala

Erstmals wurde im Schauspielhaus die „Quadriga“ an internationale Preisträger verliehen. Jetzt beginnt eine Diskussion über Zweck und Gestaltung eines zentralen Festes zum Tag der Einheit

Elisabeth Binder

Restaurant Tucher, nachts um halb eins. Die erste Quadriga-Verleihung zum Tag der Deutschen Einheit ist vorbei, hier treffen sich die Mitwirkenden auf einen letzten Drink. Scott McKenzie, der Sänger mit dem grauen Pferdeschwanz, schnappt sich einen dieser modernen Mixdrinks, die man aus der Flasche saugt, und fängt an zu philosophieren. Im Flugzeug hat er das Buch der an diesem Abend ausgezeichneten Mädchen Odelia Ainbinder und Amal Rifa’i aus Jerusalem („Wir wollen beide hier leben“) gelesen, und es hat den alten Hippy offensichtlich sehr berührt. „Es sind immer zwei Menschen, die einen Anfang machen“, philosophiert er. „Zwei Menschen, die offen sind füreinander und Briefe oder E-Mails schreiben. Wir, die wir uns in all den großen Bewegungen aufreiben, vergessen das manchmal.“

Auch dieser Abend war ein Anfang, und das merkte man ihm streckenweise deutlich an. Dass er gleichzeitig sehr viel positives Denken mobilisierte, lässt auf eine große Zukunft schließen. „Für einen Kaltstart hat Marie-Luise Weinberger das mit der Werkstatt Berlin doch großartig hingekriegt“, urteilte etwa Friedrich-Christian Flick, der auf jeden Fall dabei bleiben will. Sein Kuratoriumskollege, Top-Manager Jürgen Schau, sagte, beseelt von kritischer Begeisterung, dass es jetzt an der Zeit sei, die Quadriga aus der Werkstatt herauszuholen und für den Showroom aufzupolieren. Event-Expertin Isa Gräfin von Hardenberg fand es „mutig und originell und sehr anders“ und ließ sich zu keinerlei Kritik hinreißen.

Obwohl es dazu Anlass gegeben hätte. Gleich drei Premierminister auf einer Bühne, der norwegischen Laudator Kjell Magne Bondevik und die ausgezeichneten „Europäer des Jahres“ Jean-Claude Juncker aus Luxemburg und der Lette Einars Repse bildeten theoretisch einen guten und gewichtigen Auftakt. In der Praxis hätte die Gegenwart eines Regisseurs geholfen, der weiß, dass Politiker allenfalls mit der Peitsche von einem einmal angeknipsten Mikro wieder wegzukriegen sind. Immerhin wissen die 1600 Gäste jetzt alles über Europa gestern, heute und morgen. Unternehmer Hartwig Piepenbrock hat nicht verstanden, warum ausgerechnet das Lied „San Francisco“, gesungen von Scott McKenzie, den Schlussakkord zum deutschen Nationalfeiertag setzen musste. Andere fragten sich, warum die Preisträger zum Tag der Deutschen Einheit zum Teil aus anderen Ländern kommen.

Hymne als Klippe

Vielleicht ist das auch aus diesem Grund ganz gut so: Eine echte Klippe war am Anfang die Nationalhymne. Wo Amerikaner automatisch die Hand aufs Herz legen und losschmettern, herrscht hierzulande noch viel Unsicherheit. Manche sangen lauthals mit, andere guckten sich verlegen um, noch andere pressten konsterniert die Lippen aufeinander. Das mit dem Nationalgefühl müssen wir eben noch ein bisschen üben. Was bietet sich besser an als ein jährliches Fest in einem großen, trotzdem überschaubaren und multikulturell gut abgefederten Rahmen, bei dem man Fortschritte vielleicht allmählich registrieren kann. Nicht kultiviertes Nationalbewusstsein muss nicht auf schöne Bescheidenheit zurückzuführen sein, kann auch aus Bequemlichkeit resultieren.

Von Klaus Wowereit und Walter Scheel mal abgesehen, war die Gästeliste sehr politikarm. Wenn es eine zentrale Preisverleihung zum Tag der Deutschen Einheit geben soll, dann gehören ein paar Spitzenpolitiker – besser noch: Bundespräsident oder Kanzler – als Leitfiguren in die erste Reihe. Die Kleiderordnung war demokratisch bunt: von groß gemusterten Nachmittagskleidern bis zu schmalen langen Abendroben, alles da. Rotkäppchen-Sekt zum Auftakt passte (Gourmet-Einwänden zum Trotz) perfekt zum Anlass. Der anschließende Empfang erlebte seine Demokratisierung gerade durch den Mangel an Perfektion. Wo keine Hostessen sichtbar sind, die Preisträger zum VIP-Bereich zu bringen, drängt sich eben alles fröhlich durcheinander. Dazu kam noch der allerdings sehr lustige Einfall, kleine Dinner-Tabletts mit Dosen zu verteilen; ein viergängiges Miniatur- Menü, das so auch in der Glamour-Society Schule machen könnte. Aufs Drumherum, da war man sich weitgehend einig, kam es hier ansonsten gar nicht so an wie auf die Inhalte.

Der Vorstandsvorsitzende von Vattenfall Europe, Klaus Rauscher, kündigte an, dass sein Unternehmen auch weiterhin den Quadriga-Preis unterstützen wolle, das ist sicher ein gutes Signal. Der als „Friend of Germany“ ausgezeichnete Sir Norman Foster hielt eine vorbildlich knackige Dankansprache, die im Wesentlichen aus dem Satz „Ich bin hocherfreut!“ bestand. Peter Ustinov kam in roten Socken, war voller Anekdoten, richtig lustig (wie immer) und lobte Armin Mueller-Stahl als „Deutschen des Jahres“. Dem Schauspieler gefiel die etwas selbst gestrickte Präsentation des Preises offenbar. Schließlich sei das keine Oscar-Verleihung. Sondern? Etwas Ernsthaftes.

Wie man den Einzug des Potsdamer Männerchores von 1848 (rote Jacketts, schwarze Hosen) zu finden hatte, wussten routinierte Gala-Gänger sofort. Einer alten Pink-Floyd- Nummer aus „The Wall“, ging ein frisches „Die Gedanken sind frei“ voran, also war’s natürlich genial schräg. Nur die ganz Großgeblümten finden so etwas peinlich.

„Emotion“ ist ein wichtiges Element bei Galas, und die brachte der frühere israelische Botschafter Avi Primor mit bewährter Eleganz hinein. Er beschrieb die Mädchen aus Jerusalem als Heldinnen der Zivilcourage. „Wir leben Rücken an Rücken, deshalb hassen wir uns, deshalb haben wir voreinander Angst.“ So ein Buch, wie die beiden es zusammen mit der Autorin Sylke Tempel geschrieben haben, durchbreche diese Angst: „Das ist ein Anfang.“ Schließlich bat er die Palästinenserin in ihrer Muttersprache auf die Bühne. In dem Moment entstand eine Ahnung, was aus diesem Preis werden kann.

Den Anfang haben Menschen gemacht. Im nächsten Jahr sollten noch ein paar mehr Profis mit von der Partie sein. Freiwillige vor. Es ist unser Land, das gefeiert wird.

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