Innerdeutsche Austauschprogramme : Schickt die Naumburger nach Neukölln!

In ausländerfeindlichen Gegenden leben oft kaum Ausländer – ohne Kenntnis fällt der Hass leicht. Genauso leicht wie Hauptstädter-Spott über besorgte Provinzbürger. Da hilft nur eins: Austauschprogramme. Ein Kommentar.

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Fremde Sitten verstehen lernen. Jugendliche dieses Landes (hier: Erzgebirge) sollten sich gegenseitig besser kennen lernen - um Respekt und Verständnis zu entwickeln.
Fremde Sitten verstehen. Jugendliche dieses Landes (hier: Erzgebirge) sollten sich gegenseitig besser kennen lernen.Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Als ich noch zur Schule ging, war diese Schule Teil eines gesamteuropäischen Austauschnetzwerks. Ständig wurde irgendwo besucht und gegenbesucht, von Spanien bis Norwegen, von England bis Polen. Meine Eltern regten sich über den Unterrichtsausfall auf, die meisten Mitschüler interessierte an den anderen Ländern vor allem das andere Geschlecht. Die Stimmung war hedonistisch, konkrete Bildungsinhalte waren Mangelware.

Trotzdem glaube ich heute, dass das nicht ganz falsch war. Man bekümmert sich gerade in schweren Zeiten anders um Europa, wenn man es – und sei es nur als Kulisse binationaler Sauftouren – mal wirklich erlebt hat. Daran musste ich zuletzt, in der Folge von Flüchtlingskrise und AfD-Wahlerfolgen, öfter denken. Vor allem dann, wenn die derzeitige Polarisierung der Gesellschaft auch als Zerfallen Deutschlands in verschiedene, häufig regional voneinander abgegrenzte Milieus gelesen wird.

Der Sachse mag den Moslem nicht, obwohl – oder gerade weil! – er ihn kaum kennt. Wir „links-grünen“ Klugschwätzer aus der Hauptstadt wiederum haben keine Ahnung, wie es sich als armer alter Mann in der Perspektivlosigkeit Mitteldeutschlands lebt. Selbst innerhalb einer Stadt wie Berlin gibt es Grenzen, die von manchen kaum überschritten werden, gibt es Hellersdorfer Sekundarschüler, die noch nie auf der Sonnenallee und Weddinger Atzen, die noch nie am Alex waren. Austausch? Fehlanzeige.

Mit dem Größerwerden der Pegida-Bewegung und dem Rechtsdrift der AfD im vergangenen Jahr gab es auch ein wachsendes Interesse daran, Menschen, die Neukölln als Chiffre für islamisierungsbedingten Gesellschaftsverfall im Munde führen, für die Realitäten des Berliner Stadtteils zu interessieren. Das Blog „neukoellner.net“ lud unter der Überschrift „Dresdner welcome!“ Pegida-Demonstranten zum falafelduftenden Reality Check in den Kiez. Und mit „Zeit Online“ lief der damalige AfD-Vorstand Konrad Adam die Sonnenallee rauf und die Karl-Marx-Straße runter, bis er konstatierte: „Das sieht jetzt erst mal nicht sehr furchterregend aus.“

Nichts kann mehr und nachhaltiger Respekt schaffen als Nähe

Von solchen Szenen brauchen wir mehr! Beziehungsweise: Natürlich nicht genau davon. Bei den Rechtsideologen dieser Nation steht ja eh zu befürchten, dass sie die geballte Widersprüchlichkeit des Wirklichen nach einer Nacht voll völkischer Angstträume wieder vergessen haben wie Frauke Petry die Orte ihrer Vergangenheit. Das müssen wir Neukölln nicht antun.

Was wir brauchen, ist die Jugend. Die Jugend, die in diesem Land gerade voller Vorurteile aufwächst. Über Ossis und Wessis, Stadt-Asis und Dorfdeppen. Über Zonis, die keine mehr sind, und Türken, die niemals welche waren. Wir brauchen die Jugend, die vielleicht schon in Oslo oder Madrid war, aber nie bei einem alleinerzogenen Achtklässler in Halle an der Saale. Kurz: Wir brauchen den innerdeutschen Austausch! John-Lennon-Gymnasiasten nach Staßfurt! Oder nach Marzahn! Bitterfelder Oberschüler ab Richtung Wedding! Abgeschiedene Internatspflanzen in den Kiez! Nichts kann mehr und nachhaltiger Respekt schaffen als Nähe.

Die produktiven Konstellationen sind dabei Legion: So sind etwa die guten Seiten Kreuzbergs und Neuköllns auch gutes Anschauungsmaterial für die Kinder und Enkel all jener, die nun AfD gewählt haben, weil sie tatsächlich ein gesellschaftliches Problem mit Migrationshintergrund vor der Haustür haben oder zu haben glauben. Oder für all jene Mitglieder türkisch- oder arabischstämmiger Communitys in den Weiten Westdeutschlands, die glauben, nur die Wahl zwischen Abschottung von der „deutschen“ Lebensweise und deren kompletter Affirmation zu haben. Die Boule-Bahn am Paul-Lincke-Ufer, auf der Kopftuchgirls ihr Tegernseer vom Späti lenzen, muss Klassenreiseziel werden wie einst die Berliner Mauer.

Schwierigen Verhältnissen gezielt mit Partnerschaft, gerade bei der Jugend, zu begegnen, hat schon einmal funktioniert. Damals, als Adenauer und de Gaulle die Deutsch-Französische Freundschaft begründet hatten und Schulen in beiden Ländern ein wildes Hin- und Hergetausche begannen. Auch daran ist dieser Tage zu denken.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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