Integration : Häusliche Gewalt Tabuthema bei Migranten

Einwanderer-Verbände bieten schon lange Hilfen für Gewaltopfer an, doch Scham und Ehrgefühl sind meistens stärker. Auch die türkischen Medien spielen eine wichtige Rolle.

Sigrid Kneist,Katja Reimann

Gewalt in Familien ist für Migrantenverbände ein wichtiges Thema, das bereits seit Jahren verfolgt und in Veranstaltungen behandelt wird. „Wir sind uns des Problems bewusst und versuchen, Lösungen zu finden“, sagt Renée Abul-Ella, Geschäftsführerin des arabischen Vereins Al-Dar. Eine jüngst im Tagesspiegel bekannt gemachte Studie der Landeskommission gegen Gewalt, sieht Schläge in der Familie und autoritäre Erziehungsmuster als Ursachen für eine erhöhte Gewaltbereitschaft von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft hatten im Jahr 2006 knapp 80 Prozent der männlichen Intensivtäter im Alter von 14 bis 21 Jahren einen Migrationshintergrund. Etwa 44,5 Prozent der Jungen und Mädchen in türkischstämmigen Familien erlebten Misshandlungen und Züchtigungen, so die Ergebnisse der Studie. „Veranstaltungen zur Aufklärung gegen Gewalt waren bereits lange vor Bekanntwerden dieser Studie Teil unseres Alltags“, erklärt Renée Abul-Ella. Auf die Studie, so wünscht sie sich, solle nun ein Arbeitsplan mit einem Finanzierungskonzept entstehen. Die Arbeit ihres Vereins konzentriert sich seit Jahren auf die „wichtige Schnittstelle Schule-Eltern-Kita“.

Auch der Türkische Elternverein bietet seit längerer Zeit Informationsveranstaltungen für Eltern an. „Gewalt in der Familie ist erzieherisch absolut vermeidbar, und auch nicht traditionell“, sagt Turgut Hüner, Leiter des Projektes Veli Aktif, das türkische Eltern vermehrt in den Schulalltag ihrer Kinder einbinden will. Auch sein Kollege Irfan Kizgin, pädagogischer Berater des Vereins, weiß von vielen „Kriegsschauplätzen“ in türkischen Familien. „Es gibt viele Probleme, aber es gibt viele Möglichkeiten zu helfen“, so Kizgin. Eine spezielle Arbeitsgruppe zum Thema Gewalt bei männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund wurde nun gegründet.

„Viele der türkischen Eltern wissen nicht, an wen sie sich bei Familienproblemen wenden sollen“, sagt Turgut Hüner. Der türkische Elternverein hilft mit Kontaktnummern der Jugendhilfe weiter. Die Familienehre zu verletzen, sei zudem eine große Sorge der Eltern und auch der betroffenen Kinder, die oftmals aus Scham über häusliche Misshandlungen schweigen. Die Projekte des türkischen Elternvereins zeigten, dass die Migrantenverbände bereit sind, sich zu engagieren, sagt Safter Cinar vom Türkischen Bund Berlin-Brandenburg. Eins stellt er jedoch klar: „Wir leisten unseren Beitrag, aber wir sind nicht die Aufpasser unserer Community.“ Viele Eltern lebten in schwierigen sozialen Verhältnissen und gehörten eher bildungsfernen Schichten an. Deswegen sei Aufklärung umso wichtiger. Cinar sagte, es sei ein langwieriger Prozess, in den Familien einen Bewusstseinswandel zu erreichen. Zum Nulltarif sei das nicht zu haben. Wichtig sei es, dass Übergriffe in der Erziehung strafrechtliche Konsequenzen haben müssten. Oftmals würden Übergriffe nicht bekannt, da etwa Lehrer oder Sozialarbeiter berücksichtigten, dass den Eltern und damit auch den Kindern bei einer Verurteilung die Ausweisung drohe. Die Kinder wären auf diese Weise doppelt bestraft, sagte Cinar.

Auch die türkischen Medien spielten eine wichtige Rolle. Beim Komplex Gewalt in der Ehe seien die türkischen Zeitungen, vor allem die Hürriyet, sehr aktiv gewesen.

Bei der Hotline zum Kinderschutz und dem Kindernotdienst gebe es „unverhältnismäßig wenige“ Anrufe aus Familien mit Migrationshintergrund, sagt Koordinatorin Beate Köhn. Die Familien hätten ein gutes Netz um sich untereinander zu helfen, so dass Kinder oft bei Verwandten unterkommen könnten. Andererseits sei der Anruf beim Notdienst für die Kinder ein großes Tabu.

„Wir müssen dieses schwierige Thema offensiv angehen“, sagt die CDU-Abgeordnete Emine Demirbüken-Wegner. Laut der integrationspolitischen Sprecherin der SPD, Susanne Kitschun, sind für Aktionsprogramme, die männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund ansprechen sollen, je 500 000 Euro für die Jahre 2008 und 2009 im Haushalt beantragt. Nach Auffassung des jugendpolitischen Sprechers der FDP-Fraktion, Mirco Dragowski, ist es wichtig, ein berlinweites Konzept zu erarbeiten, für das sich Senat, Bezirke, freie Träger und Migrantenverbände an einen Tisch setzen müssten. Die Grünen fordern eine bessere Zusammenarbeit von Jugendämtern, Schulen und Polizei, besonders in Problemkiezen.

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