Interaktive Karte: Wie fit sind Berlins Erstklässler? : Die Kita macht den Unterschied

Welche Faktoren entscheiden über den Erfolg in der Schule? Eine Untersuchung der Berliner Fünfjährigen zeigt: Nicht allein die soziale Herkunft hat großen Einfluss. Schauen Sie auf der interaktiven Karte nach: Wie sieht's in Ihrem Kiez aus?

von und Visualisierung: Tagesspiegel Data
Der Kita-Besuch ist vor allem dann entscheidend für den späteren Schulerfolg, wenn die Eltern mangels eigener Bildung ihr Kind nicht fördern können.
Der Kita-Besuch ist vor allem dann entscheidend für den späteren Schulerfolg, wenn die Eltern mangels eigener Bildung ihr Kind...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Berliner Kitas gelten als verbesserungswürdig – und dennoch leisten sie den wichtigsten Beitrag für die Vorbereitung auf die schulische Laufbahn. Nur der soziale Status beeinflusst die Erfolgschancen vergleichbar stark wie der Besuch einer Kindertagesstätte. Dies ist das zentrale Ergebnis des jüngsten Einschulungsberichts für alle rund 30000 Berliner Fünfjährigen. Die Bedeutung des Migrationshintergrunds und Geschlechts treten als Einflussfaktoren weit hinter der Rolle der Kita zurück, wenn es darum geht, die Kinder gut auf die Schule vorzubereiten. „Jede Kita ist besser als keine“, fasst der leitende Kinderarzt vom Gesundheitsamt Mitte, Matthias Brockstedt, die Befunde zusammen.

Seit 2005 werden die Berliner Kinder nach derselben nahezu unveränderten Methode im Jahr vor der Einschulung von den Bezirksärzten untersucht; die Senatsverwaltung für Gesundheit wertet die Ergebnisse aus, stellt sie in einem ausführlichen Bericht zusammen und zieht Vergleiche mit den Vorjahren. Der aktuellste Bericht, der hier vorgestellt wird, enthält die Zahlen von 2013. Der Tagesspiegel hat die Daten ausführlich ausgewertet. Das Ergebnis finden Sie auf dieser interaktiven Karte:

(Hinweis: Die Postleitzahlensuche dient der Orientierung; die Daten liegen für 60 sogenannte "Prognoseräume" vor, die etwas größer sind als die einzelnen Postleitzahlgebiete)

Einige der Daten verdienen jedoch eine genauere Betrachtung, die Sie im Folgenden finden:

Die Kita und die Sprache

Unter den Kindern nichtdeutscher Herkunft sprechen zwei Drittel gar nicht oder kaum Deutsch, wenn sie keine Kita besucht haben. Nach einem mindestens zweijährigen Kitabesuch sinkt dieser Anteil auf nur 3,7 Prozent. Der Unterschied beträgt mithin weit über 60 Prozent.

Betrachtet man nur die deutschstämmigen Kinder sowie die Migranten, die (sehr) gut Deutsch sprechen können, macht der Kitabesuch immer noch einen Unterschied von knapp 50 Prozent. Etwas weniger entscheidend, aber ebenfalls wichtig ist die soziale Herkunft: Um fast 47 Prozent klaffen die Sprachfähigkeiten auseinander je nachdem, ob die Eltern Akademiker sind und voll arbeiten („obere Statusgruppe“) oder ob sie keinen Schulabschluss haben und arbeitslos sind („untere Statusgruppe“). Der Migrationshintergrund ist etwas weniger bedeutsam, erzeugt aber dennoch einen Unterschied in der Sprachkompetenz von über 40 Prozent. Als letzter Faktor kommt noch das Geschlecht ins Spiel: Mädchen sprechen um 4,3 Prozent besser als Jungen.

Die Verfasser des Berichts nennen als Gründe „für diese erfreuliche Entwicklung“ zum einen die verstärkten Anstrengungen im Bereich der vorschulischen Sprachförderung. Zum anderen spiele aber auch „das allgemeine öffentliche Bewusstsein hinsichtlich der Bedeutung des Erwerbs der deutschen Sprache für die Teilhabechancen“ eine wichtige Rolle.

Bedeutsam ist auch, dass sich der Anteil der gut oder sehr gut Deutsch sprechenden Migranten seit 2006 um fast zehn Prozent gesteigert hat. Dieser Anteil ging allerdings seit 2012 – möglicherweise als Folge der verstärkten Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien – wieder leicht zurück. Die Verwaltung will diese Entwicklung verstärkt beobachten.

Wie kommt das "O" aufs Papier?

Damit ein Kind abmalen, ausschneiden oder schreiben lernen kann, ist es von elementarer Bedeutung, dass es das, was es sieht, direkt in Handbewegungen umsetzen kann. Andernfalls wird es schon damit Probleme haben, einen Buchstaben zu Papier zu bringen, den der Lehrer an die Tafel geschrieben hat. Ob diese sogenannte Visuomotorik (Auge-Hand-Koordination) funktioniert, hängt sehr stark von der Frühförderung ab: Wenn ein Kind viele Möglichkeiten geboten bekommt, zu klettern oder mit Bauklötzen zu spielen, wenn es frühzeitig über Malstifte verfügen kann, wenn es häufig puzzelt oder bastelt, hat es gute Voraussetzungen dafür, dass die Koordination von „Sehen“ und „Tun“ funktioniert.

Auch diese Voraussetzungen werden vor allem in der Kita geschaffen. Um fast 30 Prozentpunkte unterscheiden sich die visuomotorischen Leistungen von Kindern, die keine Kita besucht haben, und denen, die dort länger als zwei Jahre gefördert wurden. Zum Vergleich: Der soziale Status beeinflusst diese Fähigkeit zu fast 26 Prozent, das Geschlecht trägt sechs Prozent Unterschied bei und der Migrationshintergrund fünf Prozent.

Drei rote Äpfel

Rot, blau, grün: Selbst deutschstämmige Kinder wissen mitunter nicht, was es mit diesen Worten auf sich hat. Die gängigen Kinderspiele, mit denen die Farben leicht gelernt werden können, gehören eben nicht in allen Familien zum festen Repertoire. Wenn es massiv an Förderung fehlt, haben die Fünfjährigen außerdem keine Vorstellung von Formen, Größen, Entfernungen, Bewegungen oder Strukturen. Ob eine Maus größer ist als ein Elefant oder schneller läuft als eine Schnecke – diese Fragen stellen jedes fünfte Kind vor große Probleme, weil es mangels Frühförderung nicht über die notwendige visuelle Wahrnehmung verfügt.

Zusätzlich gehandicapt sind die Kinder, falls sie auch mit Mengenangaben nichts anfangen können: Wenn die Schulärzte vor sich auf den Tisch ein paar Äpfel legen und wissen wollen, ob ein Apfel mehr ist als drei, weiß jedes zehnte Kind darauf keine Antwort. Auch hier gilt: Kitabesuch und Sozialstatus sind entscheidend für das Mengenvorwissen.