INTERVIEW : „Schwarze Löcher auf der Landkarte“

Wie bewerten Sie die Halbierung der Zahl der Bibliotheksstandorte?

Immerhin ist die Zahl der Ausleihen fast konstant geblieben. Ein Gebäude allein macht eben noch keine gute Bibliothek aus. Wenn das Angebot attraktiv ist, stimmt auch die Nutzung. Aber gute Konzepte scheitern inzwischen oft an fehlenden Gruppenarbeitsräumen für die Leseförderung. Es fehlt an Geld für Medien und Fachpersonal. Leistungen wie die Leseförderung können nicht mehr im gleichen Maße angeboten werden wie vorher. Für viele Kitas oder Schulen sind die Wege zu lang. Außerdem sind solche Angebote in den zentralen Standorten schnell ausgebucht. Schließlich sind weniger mobile Menschen auf dezentrale Häuser angewiesen. Wenn der Abbau jetzt noch weiter geht, dann entstehen schwarze Löcher.

Wie könnte man gegensteuern?

Wir bräuchten eine verlässliche gesetzliche Grundlage für Bibliotheken. Die gibt es bisher nicht, das Angebot ist eine freiwillige Leistung der Bezirke. Mit einer gesetzlichen Absicherung könnten wir langfristig sinnvolle Konzepte für die Zukunft entwickeln. Bibliothekspolitik darf nicht nur an der Wirtschaftlichkeit ausgerichtet werden, sonst bräuchten wir nur noch Spielfilme anzuschaffen.

Warum eigentlich nicht?

Weil wir in einer Wissensgesellschaft leben. Alle müssen einen chancengleichen Zugang zu allen Informationen und Medien haben. Keine Bevölkerungsgruppe darf abgehängt werden. Der Jahresausweis der Bibliothek kostet zehn Euro, den kann sich fast jeder leisten. Bibliotheken sind die am stärksten besuchte Kultureinrichtung überhaupt. Sie entfalten eine enorme Breitenwirkung.

Stefan Rogge ist Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbands in Berlin. Die Fragen stellte Susanne Grautmann.

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