Berlin : Jack O. Bennett, geb. 1914

Kirsten Wenzel

Sein Name durfte auf keiner Gästeliste der West-Berliner Gesellschaft fehlen, im Museum am Checkpoint Charlie bestaunen Touristen seine Uniform, Willy Brandt bestand darauf, von ihm persönlich nach Bonn geflogen zu werden, Axel Springer und Heinz Ullstein verehrten ihn. Jack O. Bennett war der erste Pilot der Luftbrücke, und der Einzige, der sein Leben lang in Berlin blieb. Für die West-Berliner war Bennett ein wandelndes Denkmal ihrer eigenen Geschichte. Wo er auch erschien, war er der "Mr. Rosinenbomber" mit dem breiten amerikanischen Akzent, den er sein Leben lang behielt, vielleicht sogar ein bisschen kultivierte. Jack O. Bennett war kein Typ für Selbstzweifel. Wenn er sie gehabt hat, dann wollte er seine Umwelt nicht damit belästigen. Er war ein amerikanischer Pilot, selbstbewusst, gut aussehend, vom Erfolg verwöhnt. Seine Erinnungen "40 000 Stunden unter dem Himmel" erzählen von einem, dem stets das gelang, was er sich vornahm. Mit vier Jahren beschloss Bennett, Pilot zu werden, mit 14 hatte er sich das Fliegen selbst beigebracht. Als Schüler durfte er einer Vorlesung von Einstein beiwohnen und wusste sofort, dass er "deutschsprachiger Erfinder" werden wollte. Er wurde Erfinder: von Sauerstoffmasken, Druckkabinen und Heizungssystemen für Flugzeuge. Und er lernte Deutsch: zu einer Zeit, als seine Landsleute ein solches Ansinnen langsam befremdlich finden mussten. 1937 brachte ihn ein Rockefeller-Stipendium für ein Jahr nach Berlin, an die Technische Hochschule, und er war, so schreibt er nicht ohne politische Naivität, "sofort vernarrt" in die Deutschen. Als einziger Amerikaner, der hier in den dreißiger Jahren Flugzeugbau studierte, erregte er Aufmerksamkeit, bis hinauf zu Hermann Göring. Den lernte Bennett über die Familie seiner deutschen Freundin kennen. Bennett interessierte sich nur für Flugzeuge, nicht für Politik. Er träumte davon, deutsche Motormaschinen zu fliegen. Auch dieser Wunsch ging in Erfüllung. Bennett ließ nicht eher locker, bis Göring ihm endlich das Fliegen der legendären "Messerschmitt" erlaubte.

Dass Jack O. Bennett eine Legende wurde, verdankt er jedoch nicht seiner Zielstrebigkeit, sondern der Tatsache, dass er einmal in seinem Leben etwas tat, das er nicht wollte, etwas, das er geradezu für falsch hielt. Am 23. Juni 1948 klingelt das Telefon im Frankfurter Büro der American Overseas Airlines, Jack O. Bennett ist Leiter der Filiale. Am anderen Ende der Leitung: der amerikanische Generalleutnant Curtis LeMay. Ob Bennett in seiner Passagiermaschine Kohlen nach Berlin fliegen könne?

Bennett ist strikt dagegen, auch wegen des Kohlenstaubs auf den Sitzen. Er hält nichts von der Luftbrücke nach Berlin, sieht darin eine gigantische Geldverschwendung und ein Zeichen der Schwäche gegenüber den Sowjets. Sollen die Alliierten doch die Blockade der Stadt mit Panzern durchbrechen. Doch dann fliegt er doch: mit Kartoffeln. Warum? Aus Abenteuerlust vielleicht. Drei Tage ist Bennett mit seiner DC 4 das "Versuchskaninchen" auf dem Süd-Korridor nach Berlin. Die Sowjets halten still, die Operation Luftbrücke beginnt, offiziell am 26. Juni 1948.

Es ist auch die Zeit der großen Worte für Berlin. "Berlin wird nicht hungern", sagt der amerikanische Präsident Truman. Und Jack O. Bennett fliegt. Bringt Lebensmittel, Medikamente und auch Kohle in das abgeriegelte Berlin, mehr als 650 Mal. Im Minutentakt landen die Maschinen der Amerikaner auf dem Flughafen Tempelhof. Bis die Sowjets die Berlin-Blockade am 12. Mai 1949 aufgeben.

Die Not hat neue Freundschaft gestiftet. Während der Blockade haben die West-Berliner begonnen, die Amerikaner zu lieben. Der Amerikaner Bennett liebt Berlin schon längst. 1948 hatte er für wenig Geld ein prächtiges Wassergrundstück am Halensee gekauft. Hier bleibt er die nächsten 50 Jahre. "In Washington kennt man mich nicht", hat Bennett einmal gesagt. Er blieb lieber da, wo man ihn kannte. Lebte das Leben einer Legende, erfand Sauerstoffmasken und flog, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1974, zwischen der Insel West-Berlin und der freien Welt hin und her.

Wirkliche Angst soll der chronisch unerschrockene Draufgänger nur vor den Berliner Autofahrern gehabt haben.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben