• Jüdisches Waisenhaus, SS-Dienstsitz, kubanische Botschaft: viele Gesichter einer Adresse

Berlin : Jüdisches Waisenhaus, SS-Dienstsitz, kubanische Botschaft: viele Gesichter einer Adresse

Michael Brunner

In den Sälen und Zimmern liegen Schuttberge. Von der Decke des Mittelgangs hängen Fetzen weißer Farbe. An einer Tür haben die ehemaligen Nutzer ihre Klingelschilder mit spanischen Aufschriften zurückgelassen. 1991 räumte Kuba sein Botschaftsgebäude an der Berliner Straße 120 bis 121 in Pankow. Die DDR war ein Jahr zuvor von der Landkarte verschwunden.

Übrig blieb damals ein leeres, schlossähnliches Gebäude mit vergitterten Fenstern. Vor Kuba hatte von 1964 bis 1971 Polen das Haus als Botschaft in der DDR genutzt. Doch die Geschichte des Gebäudes reicht weiter zurück: Von 1912 bis 1913 baute der Regierungsbaumeister und Leiter des Bauamtes der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Alexander Beer, einen dreistöckigen Putzbau mit Souterrain und hohen Mansardendach, zwei Treppenhäusern und geräumigen Flurhallen. Gedacht war das Ganze als "Erziehungsanstalt für jüdische Waisenknaben". Es war für 80 Zöglinge bestimmt, die dort zur Schule gingen und auch während der anschließenden Lehrzeit geleitet wurden. Nach dem dem Beginn des Zweiten Weltkrieges beschlagnahmte die SS das Gebäude, das bis 1945 als Sichtvermerkstelle des Reichssicherheitshauptamtes genutzt wurde. Nach Kriegsende zog die Sowjetische Militäradministration ein, in den fünfziger Jahren der Deutsche Sportausschuss. Nach der Wende ging das ehemalige Jüdische Waisenhaus über die Jewish Claim Conference an den Staat Israel als Rechtsnachfolger der Jüdischen Gemeinde. Die Idee, die israelische Botschaft in Pankow unterzubringen wurde jedoch 1996 verworfen. 1999 kaufte die Dr.-Walter-und Margarete-Cajewitz-Stiftung mit Sitz in Hannover das leere Haus und begann nach neuen Nutzern zu suchen.

Doch zunächst muss umfassend renoviert werden. Stiftungsvorstand Peter-Alexis Albrecht rechnet mit Kosten in Höhe von mehreren Millionen Mark. Albrecht will die nachträglich eingesetzten Gitter von den Fenstern entfernen und die von den Botschaften eingebauten Trennwände herausreißen lassen. Bei Voruntersuchungen hatten Denkmalschützer im zweiten Stock unter dicken Stuckschichten eine Kassettendecke mit Bemalungen gefunden. Nachforschungen ergaben, dass es sich um die vom Fabrikanten Josef Garbaty gestiftete Decke des ehemaligen Betsaals handelt. Sie soll wieder hergerichtet werden. Im ehemaligen Betsaal will Albrecht eine Gedenkstätte einrichten, die das jüdische Leben in Pankow zum Inhalt haben wird. "Am besten wäre eine Dauerausstellung", sagt Peter-Alexis Albrecht, der inzwischen intensiv nach Mietern und Sponsoren sucht. Erdgeschoss und erste Etage müssen zu marktüblichen Bedingungen vermietet werden, damit die Stiftung das Gebäude in Ordnung bringen kann. "Wie schnell wir fertig werden, hängt vom Vermietungsstand ab", sagt Stiftungsvorstand Albrecht. Nach Absagen mehrerer Banken habe jetzt eine jüdischen Akademie Interesse bekundet, eine Etage zu mieten. Doch laut Albrecht ist die Akademie noch nicht gegründet.



Am morgigen Sonntag von 11 bis 14 Uhr öffnet die Cajewitz-Stiftung das sonst geschlossene Gebäude zum Tag des Offenen Denkmals für eine Besichtigung. Punkt 11 Uhr beginnt eine Führung mit Peter-Alexis Albrecht. Er will den Gästen nicht nur den Betsaal zeigen, sondern auch einen zimmergroßen Käfig im Obergeschoss, der von den Kubanern als abhörsichere Kabine genutzt wurde.

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