Klassen-Praktikum in England : Learning by doing

Eine Berliner Schulklasse fährt für zehn Tage nach England. Aber nicht, um Sightseeing zu machen, sondern um zu arbeiten. Ein Erfahrungsbericht.

Leander Weickmann
Florian und Otto machten ein Praktikum an einer Grundschule. Ihre Schützlinge dankten es zum Abschied mit netten Briefen.
Florian und Otto machten ein Praktikum an einer Grundschule. Ihre Schützlinge dankten es zum Abschied mit netten Briefen.Foto: Leander Weickmann

Bücher, Bücher und noch mehr Bücher. Bücher sortieren, zurücknehmen und verleihen. Und alle Leute hier reden Englisch! Auf eine Frage der Bibliothekarin bringe ich nur einen grammatikalisch falsch gebauten Satz heraus. Peinlich. Ich sitze hinter der Ausleihe-Theke in der Schulbibliothek in der englischen Stadt Amersham, etwa eine Zugstunde vom Zentrum Londons entfernt. Mit den vielen roten Backsteinhäusern und dem sattgrünen Rasen wirkt die Stadt genau so, wie man sich einen englischen Ort vorstellt. 16 Schüler meiner Klasse, der 10C des Beethoven-Gymnasiums Berlin, machen hier im Rahmen eines zehntägigen Austauschprogramms ein Praktikum. Dafür hat unser Klassenlehrer, Udo Stockhausen, gemeinsam mit einem Kollegen aus Amersham gesorgt.

Der Austausch sei zwar „planungsintensiv“, aber die Mühe lohne sich, meint Udo Stockhausen. „Durch das Praktikum ergibt sich die Chance, der englischen Kultur sehr nahe zu kommen und gleichzeitig das Berufsleben in einem fremden Land kennenzulernen.“ Und natürlich steht an oberster Stelle, unsere Englisch-Skills etwas aufzupolieren.

„Die richten Worte fallen erst später ein“

Im Vorfeld haben wir einen Wunschzettel für den favorisierten Praktikumsplatz ausgefüllt. Für die meisten gehen die Wünsche in etwa in Erfüllung: Wir sind verteilt auf die verschiedensten Betriebe und Einrichtungen, auf Cafés, einen Kindergärten, eine Vorschule - oder eben die Schulbibliothek der Dr. Challonerʼs Grammar School, unserer Partnerschule. 1400 Jungen sind hier auf einem riesigen Campus untergebracht. Trotz aller Aufregung finde ich den Weg zur Bibliothek selbst, eine superfreundliche Bibliothekarin nimmt mich in Empfang: „Hi, I‘m Teri!“ Bei „Teri“ bleibtes, denn die Engländer sind im Umgang so höflich wie informell. Es fällt mir allerdings schwer, Teris Redeschwall zu folgen, als sie mir eine Einweisung in die Arbeit gibt. Und ich frage mich nicht zum ersten oder letzten Mal, ob und wie ich mit meinem eher mittelmäßigen Englisch hier durchkommen werde. Ich fürchte, aus sprachlicher Unkenntnis jemanden zu beleidigen, sofern man mich überhaupt versteht.

Teri zeigt mir das Computerprogramm der Bibliothek, macht mich mit der Systematik vertraut. Immerhin stehen hier an die 12000 Bücher. Tue ich mich am Anfang schwer mit Teris schneller Sprechweise, ändert sich das erstaunlicherweise bereits im Verlauf dieses ersten Tages. Überhaupt geht es mit dem Zuhören und Verstehen besser als gedacht, doch beim Reden wird es happig: Ich höre mich ständig stocken und falsche Sätze zusammenbasteln – die richtigen Worte fallen mir erst später ein. Aber im Alltag gibt es, anders als im Unterricht, natürlich keine Zeit zum Überlegen.

Bitte buchstabieren!

Glücklicherweise muss ich nicht immerzu reden. Ich sortiere Bücher in die Regale, suche nach verschwundenen Exemplaren, bereite Neuerwerbungen dafür vor, dass sie im PC-System registriert werden. Die Stunde der Wahrheit schlägt in der Schulpause: Dann sitze ich am Computer und verzeichne die Rückgaben und Ausleihen. Dabei muss ich logischerweise mit den Schülern reden – und das, während ich unter Zeitdruck stehe. Denn die Schüler wollen natürlich nicht 30 Sekunden auf meine Antwort warten, manche haben es eilig. Trotzdem fällt mir auf, dass alle ausgesprochen höflich bleiben und viel Geduld mit mir haben – was nötig ist, weil ich ihre Namen leider nicht verstehe und jeden einzelnen bitten muss, ihn für mich zu buchstabieren.

Abends fallen wir nur noch ins Bett, und das steht für die meisten in einer Gastfamilie. Aber nicht für alle: Der Deutschunterricht an der Dr. Challoner's Grammar School gehört nicht zum Standard, weshalb auch nicht jeder einen Austauschpartner hat. Unser Lehrer hat als Ersatz eine typische Bed & Breakfast-Pension besorgt. Wie sich das gehört, gibt es zum Frühstück Bacon, Spiegeleier und Wurst. So gestärkt ziehe ich los in meinen Praktikumstag.

Selbstvertrauen in Sprache verbessert

Obwohl ich mich die ganze Woche über leicht nervös frage, ob nicht doch irgendwann etwas total schiefgeht, macht mir die Arbeit richtig Spaß. Die Tage vergehen wie im Flug, und dank Teris ungebremster Kommunikationsfreude habe ich das Gefühl, dass mein Englisch wirklich besser wird. Ehe ich mich versehe, ist die Woche auch schon vorbei, und ich verlasse die Schule mit einer gewissen Wehmut.

Das geht den meisten meiner Mitschüler genauso. Egal, wo sie auch gelandet sind – alle haben Spaß an ihrer Arbeit. Moana ist zusammen mit Janset für einen Kindergarten eingeteilt und hat davor befürchtet: „Das könnte ziemlich anstrengend werden, weil kleine Kinder schwer zu verstehen sind.“ Tatsächlich hat sie genau das Gegenteil erlebt: „Alle waren sehr offen und nett – und wenn man kapiert, was Kindergartenkinder sagen, lernt man Zuhören und versteht Englisch generell besser.“ Die beiden hatten auch gut zu tun, waren schnell in die Betriebsabläufe integriert, haben mit den Kindern gespielt, beim Aufräumen und Essenmachen geholfen.

Florian und Otto hat es in eine Grundschule verschlagen, was im Vorfeld nicht unbedingt große Vorfreude ausgelöst hat. Im Nachhinein sieht das ganz anders aus, denn beide erzählen sichtlich begeistert von ihrem Mini-Lehrerjob: Sie haben im Unterricht geholfen, mit Schülern Einzelarbeit gemacht, mit allen das Lesen trainiert und durften sogar einen Test korrigieren. Der Lohn dafür ist nicht nur, dass ihr eigenes Englisch besser wurde, sondern auch die Zuneigung der Kinder: „Die wollten manchmal lieber mit mir als mit ihrem Lehrer arbeiten“, sagt Otto und lacht. Sogar Briefe zum Abschied hat er von seinen Schützlingen bekommen.

Was hängen bleibt

Sechs Stunden pro Tag erleben wir also eingeklinkt in den Arbeits- und Lernalltag der Briten. Wer einen Platz in einer Gastfamilie hat, redet auch nach Feierabend weiter Englisch. Anders als aus der Perspektive der Touristen, die nur von außen auf die Dinge schauen, waren wir mittendrin. Und das ist was ganz anderes, weil man in das Leben eines Landes und fremder Menschen eintaucht und dabei auch ein Stück weit auf sich selbst gestellt ist. Schon das ist eine gute Erfahrung – genau wie die Erkenntnis, dass man selbst mit schulischem Durchschnittsenglisch ziemlich weit kommt.

Aber ist so ein zehntägiger Praktikumsaufenthalt eine empfehlenswerte Alternative zur üblichen Klassenfahrt? Was bleibt überhaupt hängen? Udo Stockhausen, unser Lehrer, hat im Lauf der Jahre folgendes festgestellt: „Natürlich kann man die Sprachkenntnisse in zehn Tagen nicht immens verbessern, aber bei vielen Schülern steigen Selbstvertrauen und Motivation, Englisch zu lernen – vor allem Vokabeln! Ich merke jedenfalls, dass viele danach mehr Mut haben, im Unterricht etwas zu sagen“.

Mit ein paar Wochen Abstand kann ich das bestätigen. Ich melde mich öfter als davor, weil das Sprechen entscheidend ist – auch, wenn ich mal etwas falsch mache. Fehler gehören dazu, und den Mut, sie zu machen, habe ich aus England mitgenommen. Ich kann zwar nicht behaupten, dass in punkto Vokabeln Lernen die Revolution meines Lebens stattgefunden hat, aber mir ist im Praktikum klar geworden: Wenn ich reden und mich verständigen will, muss ich Wortschatz pauken.

Den anderen geht es offenbar genauso. Wir alle machen im Englischunterricht eher den Mund auf, sind aufmerksamer und interessierter. Kein Wunder also, dass meine Klasse findet: Ein Praktikum ist besser als eine Sightseeing-Tour, spannender und abwechslungsreicher. Und teurer ist es auch nicht! Zur Nachahmung also uneingeschränkt empfohlen.

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