Trinationales Theaterprojekt : Ist gemeinsames Erinnern möglich?

Jugendliche aus Wolgograd, Krakau und Berlin stehen gemeinsam auf der Bühne. „Jugend.Erinnerung 1945/2015“ ist eine schonungslose Konfrontation verschiedener Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg.  

Henrik Nürnberger
Bei der Probe zum trinationalen Theaterprojekt "Jugend.Erinnerung 1945/2015".
Bei der Probe zum trinationalen Theaterprojekt "Jugend.Erinnerung 1945/2015".Foto: Junges Deutsches Theater

Die Russin Kristina Myazina und die Deutsche Christine Dey spielen Krieg. Sie sitzen sich gegenüber, dreschen Plastikflaschen hektisch gegeneinander. Ihr Spielfeld ist eine am Boden ausgerollte Karte von Europa. Es ist die Schlacht von Stalingrad, die alles entscheidende Wende. Christine muss das Feld verlassen. Damit ist die Geschichte nicht zu Ende erzählt, sie beginnt gerade erst: „Stalin war auch ein Diktator“, sagen ihre deutschen Mitspieler verhalten. „Die sowjetischen Verluste waren die größten! Stalin tötete neun Millionen Zivilisten, Hitler zwölf Millionen. Wer ist hier der Kriminellste?“, rufen ihnen die Russen entgegen. Sie machen deutlich: Niemand soll einen Zweifel daran haben, wer in diesem perfiden Spiel der Schuldige ist, wer am meisten erleiden muss und wer den Krieg am Ende siegreich für die Welt entscheiden wird.

Während Kristina immer mehr Flaschen der Deutschen krachend aus dem Weg räumt und auf der Karte nach Westen vorrückt, formiert sich eine Gruppe junger Polen in Warschau. Sie singen laut, schwören sich ein. Sie spielen das Aufbegehren der polnischen Heimatarmee gegen die deutschen Besatzer. Auf die Hilfe russischer Flaschenheere, die vor Warschau aufgereiht stehen, warten sie vergeblich. Erneut fühlen sie sich verraten und im Stich gelassen. „Die Truppen sind erschöpft“, rechtfertigt sich Kristina und provoziert damit einen Streit. Polen und Russen diskutieren wild miteinander. Sie schreien sich an.

Neue Rituale der Erinnerungskultur

Die Szene „Bottle Battle“ ist Teil eines außergewöhnlichen Experiments einer trinationalen Jugendgruppe am Jungen Deutschen Theater. Jeweils sechs Jugendliche aus Wolgograd, Krakau und Berlin stehen zusammen auf der Bühne. Nach zwei Wochen gemeinsamen Probens in Berlin, öffnet sich am Sonntag der Vorhang zur Premiere von "Jugend.Erinnerung 1945/2015".

Die fällt nicht zufällig auf den Volkstrauertag. "Im Stück sollen fünf gemeinsame Rituale der Erinnerungskultur vorgeschlagen werden", sagt Regisseurin Uta Plate. Zu sehen gibt es aber keine typischer Trauerfolklore, sondern eine schonungslose Konfrontation von Narrativen über den Zweiten Weltkrieg, wie sie in Russland, Polen und Deutschland unterschiedlicher nicht sein könnten. Die verschiedenen Erzählungen haben in den Köpfen der jungen Menschen überdauert: Gelehrt in Geschichtsbüchern, gepflegt in nationalen Erinnerungskulturen und Deutungsmustern.

Ambivalenz aushalten

"Ich war geschockt als unsere russischen Teammitglieder den Kriegsbeginn auf 1941 datierten", sagt Katarzyna Chudzik aus Krakau. Ganz nebenbei ignorierten sie schließlich die deutsche und auch russische Invasion in Polen. Die Vorstellung, dass sich die Russen als Befreier ihres Landes verstehen, ist für sie absurd.

Dennoch sei die Stimmung im Team positiv. "Ich bin tief beeindruckt davon, wie schnell wir über das Schauspiel eine Verbindung zueinander aufgebaut haben", sagt Katarzyna. „Der am Anfang schwierigste Schritt für die Teilnehmer ist, genau diese Ambivalenz auszuhalten. Um sich näher zu kommen, müssen sie zunächst völlig verschiedene Meinungen tolerieren", erläutert Uta Plate.

Verständnis ist der erste Schritt zur Verständigung

Die Konfrontation ist auch ein schmerzlicher Prozess. "Wir fragen uns, welche Narrative des anderen kann ich anerkennen? So kommt es zu einer ständigen Erschütterung des eigenen Selbstbilds und mancher Erkenntnis, dass das, was in der Schule gelernt und verinnerlicht wurde, nicht die ultimative Wahrheit sein muss", sagt die Regisseurin. "Das tut oft richtig weg!" Auch Tränen fließen.

Gräben lassen sich nicht mal eben beseitigen. Doch Verständnis für die Sicht des anderen ist der erste Schritt zu einer wahrhaftigen Verständigung. Um die zu fördern, liegen hinter dem Team nicht nur lange Stunden harter Theaterproben, sondern eine intensive und oft emotionale Auseinandersetzung mit der Geschichte. Dazu ging es auf Exkursionen in die jeweiligen Heimatstädte der Teilnehmer, bei denen die Gastgeber ihre Perspektive auf die Geschichte und Gegenwart an den Orten der Erinnerung näher brachten.

Geschichtsstunde an den Orten der Erinnerung

In Wolgograd, dem früheren Stalingrad, besichtigten sie die große Mutter-Heimat-Statue und das Denkmal der ewigen Flamme, die an den Sieg der Sowjets erinnert. Für die russischen Jugendlichen von großer, emotionaler Bedeutung, standen Deutsche und Polen eher befremdet vor so viel pompöser Siegerästhetik. Haften bleiben für sie vor allem die Bilder einer vom Krieg noch immer tief geprägten Stadt.

Eine Exkursion führte sie auch nach Ausschwitz. Sie sprachen mit einem Überlebenden des Konzentrationslagers. Ihre Eindrücke verarbeiten sie im Stück - mal choreografisch, mal lesen sie Passagen aus Tagebüchern oder inszenieren ihre eigenen widersprüchlichen Ansichten.

Nicht immer sind es die großen Symbole der Erinnerungskultur, die für Gesprächsstoff sorgen. Vor dem Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen in Berlin entfacht eine wilde Diskussion: Ein Denkmal für Schwule? Für die russischen und polnischen Teilnehmer unvorstellbar. Sie fragen sich: Was würden meine Eltern, Großeltern und Freunde zu so einem Monument sagen? Die „krassesten Sprüche“ fügen sie schließlich in einem aufwühlenden Monolog zusammen. Dies führt zur Frage, wie weit wir heute sind, wenn es um gemeinsame Ideen und Wertvorstellungen geht. Aus der Diskussion wurde eine neue Szene. Für Regisseurin Uta Plate ist das die große Stärke des Theaters, wenn die jungen Schauspieler ihr Stück spontan selbst kreieren und stetig weiterentwickeln.

Ein Vorschlag der Hoffnung macht

 „Jugend.Erinnerung 1945/2015“ wurde initiiert und getragen durch den Kirchenkreis Berlin Teltow-Zehlendorf, der auch die internationalen Netzwerke vermittelte. „Es sollte etwas anderes entstehen, als die klassische Friedenarbeit“, sagt Dramaturgin Birgit Lengers. Die Idee zum Projekt reicht weit zurück. Sie kommt aus einer Zeit, in der der Krieg in der Ukraine noch kein Thema war, heute aber die Brisanz des Stücks eindrücklicher denn je vor Augen führt. Die konkreten Planungen begannen vor zwei Jahren. „Am Anfang hatten die polnischen Eltern Angst, ihre Kinder nach Wolgograd zu schicken“, sagt Projektkoordinatorin Franziska Reymann. Vorurteile führten sogar dazu, dass ihr erster Projektpartner in Polen abgesprungen ist. Doch das sei erst die Bestätigung gewesen, weiter an dem Projekt zu arbeiten - „jetzt erst recht!“

Ihr langer Atem hat sich gelohnt: Es ist ein aufwühlendes Stück entstanden, bei dem es um die Frage geht, ob gemeinsames Erinnern möglich ist – trotz aller Gräben. „Jugend.Erinnerung 1945/2015“ ist ein Vorschlag, der Hoffnung macht, gleichzeitig aber nicht verschweigt, dass echte Verständigung selbst 70 Jahre nach Kriegsende ein unbequemer und schwieriger Prozess bleibt.

„Jugend.Erinnerung 1945/2015“ (Regie: Uta Plate), Aufführungen am Sonntag und Montag, 15. und 16. November, Deutsches Theater.

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