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Jugendkriminalität in Berlin : Neuköllner Modell soll wiederbelebt werden

Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) will die Kooperation der Berliner Behörden verbessern, damit junge Gewalttäter die Folgen ihres Handelns schneller spüren. Der Senat befasst sich heute mit einem neuen Bericht zur Jugendgewalt.

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Jugendliche Gewalttäter sollen die Folgen ihres Handels schneller spüren.
Jugendliche Gewalttäter sollen die Folgen ihres Handels schneller spüren.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Das berühmte „Neuköllner Modell“, begründet von der verstorbenen Jugendrichterin Kirsten Heisig, „ist versandet“, sagt der Jugendstadtrat des Bezirks, Falko Liecke (CDU). Die schnelle Verurteilung jugendlicher Straftäter, die Kooperation zwischen Schule, Jugendamt, Polizei und Justiz funktioniere im Alltag nicht. Auch der Anspruch, Gerichtsverfahren zu beschleunigen, sei nur teilweise erfüllt worden. Deshalb will Liecke das Vermächtnis Heisigs jetzt reaktivieren und die Kooperation zwischen den Behörden wiederbeleben.

Probleme mit dem Datenschutz

Dazu werden zum 1. Januar 2016 drei neue Stellen im Neuköllner Jugendamt geschaffen. Nach einer Straftat sollen die Sozialarbeiter sofort Kontakt zur Familie des Jugendlichen aufnehmen und den Fall mit Richtern und Lehrern besprechen. Dass diese Kooperation bislang oft am Datenschutz scheitert, will Liecke nicht gelten lassen. Das Konzept werde datenschutzrechtlich noch „feingetunt“. Vorbild sei ein ähnliches Modell in Essen, wo die Behörden es besonders mit libanesischen Großfamilien zu tun haben.

Jugendrichterin Kirsten Heisig interessierte sich auch für die Ursachen der Gewalt.
Jugendrichterin Kirsten Heisig interessierte sich auch für die Ursachen der Gewalt.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Der Senat befasst sich am Dienstag mit einem neuen Bericht zur Jugendgewalt in Berlin. Die „Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention“ kommt auf 150 Seiten Analyse zu dem Ergebnis, dass Gewalt unter Jugendlichen in Berlin nicht häufiger vorkommt als andernorts, unter Schülern möglicherweise sogar geringer ist als im Bundesdurchschnitt. Bei einer Befragung 15-jähriger Schüler bewegte sich die Zahl der Gewalterfahrungen auf dem Niveau von Usedom: 16 Prozent der Schüler gaben an, innerhalb eines Jahres Gewalt ausgeübt oder erlitten zu haben.

In der Berliner Polizeistatistik werden rund zwei Prozent aller Jugendlichen unter 21 Jahren im Zusammenhang mit Gewaltvorfällen registriert. Bei der Prävention von Gewalt unter Kindern und Jugendlichen sei Berlin insgesamt auf dem richtigen Weg, so die Autoren des Berichts. Liecke findet den Bericht insgesamt enttäuschend. „Ich hätte mir gewünscht, dass das Problem noch deutlicher benannt wird.“ Gerade bei arabischen Großfamilien fehle Berlin ein effektives Handlungskonzept.

Ku'damm und Regierungsviertel sind Gewalt-Orte

Bei der räumlichen Verteilung von Jugendgewalt in Berlin ergeben sich dem Bericht zufolge deutliche Unterschiede. Nicht der Alexanderplatz gilt als häufiger Schauplatz von Jugendgewalt, sondern der Kurfürstendamm. Bei den „Rohheitsdelikten an Schulen“ fallen besonders negativ die Großsiedlungen in Marzahn, Hohenschönhausen und Köllnische Heide auf; dort sind viele Familien abhängig von Transferleistungen.

Der Kurfürstendamm gilt als „hochfrequente Region“, hier treffen sich viele Jugendliche tagsüber oder abends, daher kommt es viel häufiger zu Gewaltvorfällen als in anderen, sozial ähnlich bessergestellten Quartieren. In absoluten Zahlen für das Jahr 2012: 1292 „Rohheitsdelikte mit Tatverdächtigen zwischen 8 und 21 Jahre“ pro 100 000 Einwohner. Im Berliner Durchschnitt waren es 188 Rohheitsdelikte. Auch im Regierungsviertel in Mitte häufte sich mit 791 Delikten die Gewalt unter Jugendlichen.

Die Autoren des Berichts schlagen vor, an hochfrequenten Orten „attraktive Angebote“ für Jugendliche zu schaffen und sie dort aktiv zu betreuen.

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