Kameras und Polizeistreifen : Wie Berliner Friedhöfe gegen Grabräuber kämpfen

Seit 2012 die Metallpreise deutlich angestiegen sind, ist organisierter Kupferdiebstahl deutschlandweit zum Massenklau geworden. Auf einem Lichterfelder Friedhof stahlen drei Brüder ein Bronze-Reh – und die Grabräuber werden immer dreister.

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Metalldiebe sterben nie aus. Selbst auf Friedhöfen stehlen die Täter, was sie zu Geld machen können.
Metalldiebe sterben nie aus. Selbst auf Friedhöfen stehlen die Täter, was sie zu Geld machen können.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Olaf Ihlefeldt ist verzweifelt. Eben hat er bei der Polizei in Teltow Anzeige erstattet, zum dreizehnten Mal in diesem Jahr: Wieder ist auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf ein Kupferdach abgedeckt, das Mausoleum schwer beschädigt worden. 206 Hektar groß erstreckt sich die „europaweit einmalige“ Friedhofsanlage, wie ihr Verwalter stolz erwähnt. Metalldiebe knicken den vier Kilometer langen Maschendraht drum herum nachts einfach um – oder sie brechen das Tor auf, fahren mit dem Transporter aufs Terrain.

Seit 24 Jahren ist Ihlefeldt im Amt, er wohnt auf dem Gelände. „Wenn ich vor 15 Jahren gerufen wurde, weil irgendwo Alarm war, bin ich nachts um zwei alleine los“, sagt er. „Das mache ich heute nicht mehr.“ Die Polizei hilft vorbeugend, sendet Zivilstreifen; aber was erst kaputt ist, ist kaum wiederherzustellen. Einmal fahndeten Angehörige nach einem geklauten Bronzekreuz: ein reuiger Schrotthändler meldete sich. Einmal tauchte ein Relief bei der Kunstauktion wieder auf. Solche Erfolge sind Ausnahmen. Für die meisten bestohlenen, kunsthistorisch wertvollen Grabstätten ist keine Familie mehr, sondern der Friedhofsträger, die Evangelische Kirche, verantwortlich. „Wir sammeln Spenden, wir können gerade den Schließdienst bezahlen!“ sagt Ihlefeldt. Eine Restaurierung dürfte auch für den akuten Fall von heute, am Mausoleum 13, kaum finanzierbar sein, die Nachfahren des Bestatteten leben in Brasilien. Statt des Kupferdaches wird nun eine Plastikplane drübergezogen wie bei anderen zerstörten Totenhäusern.

Finanzierung für Kameraüberwachung steht

Seit 2012 die Metallpreise anzogen, ist organisierter Kupferdiebstahl deutschlandweit zum Massenklau geworden. In Stahnsdorf träumt man davon, das Problem durch einen alarmgesicherten Zaun lösen zu können. Der kostet aber 600 000 Euro. Kameraüberwachung, wie sie für den landeseigenen Urnenfriedhof Gerichtstraße in Wedding geplant ist, sehen Olaf Ihlefeldt und Kollegen wegen der Weitläufigkeit des Bereichs skeptisch. In Wedding dagegen wird eine solche Installation seit Januar vorbereitet. Die Finanzierung steht bezirksintern, Angebote liegen vor – nun verlangt der Datenschutz noch eine detaillierte Betriebsanleitung. Zwei Metallurnen waren auf dem Friedhof bislang entwendet worden, im Juni scheiterte ein Einbruchsversuch. Falls die für so einen Zweck bundesweit einmalige Kamera-Installation bis Oktober nicht installiert ist, wäre eine Einschränkung der Besuchszeiten im Winter absehbar.

„Nach Dienstschluss, im Dämmerungsbereich“, sagt Hendrik Beer, beginnen die Klau-Aktionen. Der Inspektor für Berlins landeseigene Friedhöfe sagt, dass solche Delikte „gefühlt“ zugenommen haben. Statistisch könne er dies nicht belegen: wegen der Dunkelziffer und weil die privaten Geschädigten auf Empfehlung der Verwaltung mal zur Polizei gehen, mal nicht. Mittlerweile werden auf Friedhöfen Wasserhähne, Regenrinnen, Abflussrohre, Metallbuchstaben, Skulpturen und Bronzeplatten geraubt, tagsüber auch Pflanzen; Steine eher selten. Die Verwaltung ersetzt Fallrohre schon nicht mehr aus Metall, sondern aus kupferfarbenem Plastik. Neue Wasserhähne werden mit Sicherungen versehen. Meistens geht es den Dieben um das Material, gezielter Kunstraub komme selten vor. Der im Juli 2012 auf dem Parkfriedhof Lichterfelde durchgeführte, gerade vor Gericht verhandelte Diebstahl einer 300 Kilo schweren Bronze, Ricke mit Rehkitz, sei tatsächlich „die größte Nummer gewesen, die wir bisher logistisch hatten“, sagt Beer.

12 Monate auf Bewährung für Bronzediebstahl

Am Montag standen die Täter vor Gericht. Die drei Brüder wurden geschnappt, als sie die Skulptur wegschaffen wollten. Polizisten hatten beobachtet, wie sie die Figur mit einem Bollerwagen zu einem Transporter zogen. Vor Gericht gaben die arabischstämmigen Männer die Tat zu. Rabih R. sagte, ein Mann habe ihm für das Abholen der ausgegrabenen Skulptur einen Lohn von 500 Euro versprochen. Seine, wie er vorbestraften, Brüder erklärten, sie hätten aus „falsch verstandener Solidarität“ geholfen. Was mit der Figur geschehen sollte, wussten sie angeblich nicht. Sie wurden zu Strafen von sieben bis zwölf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Zudem sollen sie je 120 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

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