Kampf gegen Autorennen und Raser : Duell zwischen Berliner Polizei und Raser-Lobby

Die Berliner Polizei kassiert nach einem illegalen Autorennen einen Mietwagen - und wird in einer dubiosen Studie der Abzocke beschuldigt. Und der Ernst-Reuter-Platz bekommt einen Rotlicht-Blitzer.

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Blitzschnell. Wissenschaft und Polizei sind sich einig, dass Tempolimits flächendeckend durchgesetzt werden müssten.
Blitzschnell. Wissenschaft und Polizei sind sich einig, dass Tempolimits flächendeckend durchgesetzt werden müssten.Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Die Polizei will Präzedenzfälle schaffen, um illegale Autorennen zu unterbinden. Nachdem wie berichtet zunächst vier Sportwagen nach verbotenen Rennen beschlagnahmt bleiben und versteigert werden sollen, behält die Polizei auch die anderen Fahrzeuge im Depot, bei denen nicht die Eigentümer am Steuer saßen. Das gilt unter anderem für den mehr als 600 PS starken und 150.000 Euro teuren Miet-Audi, mit dem ein 24-Jähriger in der Nacht zu Sonntag durch Kreuzberg gedonnert war. Nachdem ein Richter die Beschlagnahme bestätigt habe, sei jetzt „die sogenannte Dritteinziehung das Ziel“, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch. Der Raser muss nun also dem Vermieter erklären, warum der sein Eigentum vielleicht nie wiedersieht. Der von einer „recht kleinen Vermietung“ stammende Audi gilt als Tatmittel einer Straftat. Als solche zählen illegale Autorennen seit Mitte Oktober. „Wir versuchen, Präzedenzfälle zu schaffen“, hieß es im Präsidium. „Ob die Gerichte das genauso sehen, muss man abwarten.“

Beschlagnahmt bleiben außerdem zwei Mercedes von Car2Go, die nach einem Raser-Unfall am Adlergestell zur Beweissicherung einbehalten wurden, sowie ein an demselben mutmaßlichen Rennen beteiligter, gestohlener BMW.

Viele Blitzer-Meldungen von der Heerstraße

Als Lobbyist für Raser profilierte sich am Mittwoch einmal mehr der Verein „Mobil in Deutschland“, der sich selbst als Alternative zum ADAC gibt, aber sich öffentlich auf Hetze gegen Grüne und Stimmungsmache gegen Tempolimits und Flüchtlinge fokussiert. Am Mittwoch veröffentlichte der Verein mit großer medialer Resonanz die Neuauflage seines „Blitzatlas“ – und verlieh der Hauptstadt „die Note 5 (Mangelhaft)“. Das „traurige Ergebnis für die Hauptstadt“ resultiert aus der von dem Verein auf Basis einer Blitzer-App destillierten Erkenntnis, dass in Berlin zwar besonders viel, aber kaum an Unfallschwerpunkten geblitzt werde. Die Datenbasis sind gut 23 000 Blitzer, die von Jahresbeginn bis Mitte Oktober vom Portal Blitzer.de erfasst wurden. Dessen Kern ist eine Smartphone-App, mit der Autofahrer mobile Kontrollstellen melden können, um andere zu warnen: Deren Handy oder Navi schlägt dann Alarm, wenn sie sich mit aktivierter App einem gemeldeten Blitzer nähern.

Für die Hauptstadt wurden im Untersuchungszeitraum rund 80 Blitzer pro Tag gemeldet. Damit liegt Berlin weit vor den anderen untersuchten Großstädten Hamburg (37 pro Tag), Köln (25) und München (12). Vor allem wirft der Club der Berliner Polizei vor, lieber an besonders einnahmeträchtigen Orten statt an Unfallschwerpunkten zu blitzen. Demnach wurden die Messgeräte am häufigsten von der Heerstraße gemeldet, gefolgt vom Müggelseedamm in Köpenick und der Landsberger Allee. Nur eine der „Top-Blitzmeilen“ sei auch eine der „Top-Unfallstraßen“, teilt der Verein mit – nämlich der Tempelhofer Damm. Dass der Verein die in seiner eigenen Unfallliste auf Platz sechs stehende Landsberger Allee nicht erwähnt, ist offenbar ein Versehen. Bemerkenswerter ist, dass die Polizei völlig andere Unfallschwerpunkte nennt: Die Top 11 in der amtlichen Statistik sind durchweg große Kreuzungen. Auch der Tempelhofer Damm taucht nicht als Strecke, sondern nur in Gestalt der – kürzlich umgebauten – Ausfahrt der Stadtautobahn in der Polizeistatistik auf.

Eine verbotene App als Datenbasis

Die Benutzung der App, auf der der „Blitzatlas“ basiert, ist nach Auskunft der Polizei für Autofahrer illegal und wird, wenn sie bei Kontrollen bemerkt wird, mit 75 Euro Bußgeld plus einem Punkt in Flensburg geahndet. Als juristisches Schlupfloch gilt, dass der entsprechende Paragraph keine Mitfahrer erwähnt.

Vier der fünf schlimmsten Unfallhäufungspunkte des vergangenen Jahres sind laut Polizei Kreisverkehre: Ernst-Reuter-, Theodor-Heuss- und Jakob-Kaiser-Platz sowie der Große Stern. Auf Nachfrage hieß es im Präsidium, dass zurzeit „die Errichtung einer automatischen Rotlichtüberwachungsanlage“ am Ernst-Reuter- Platz initiiert werde. Rot-Rot-Grün hat sich im Koalitionsvertrag zur stärkeren Überwachung von Unfallschwerpunkten und „sensiblen Bereichen“ bekannt. Aktuell sind laut Polizei vier Rotlicht-, fünf Tempo- und zwölf kombinierte stationäre Blitzer in Betrieb.

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) sah sich am Mittwoch zu einer Warnung „vor Verharmlosung des zu schnellen Fahrens“ veranlasst: „Der Blitzatlas ist wissenschaftlicher Unfug“, sowohl Methode als auch Aussage seien unseriös und nicht haltbar. Wissenschaft und Polizei seien sich einig darüber, dass Tempolimits flächendeckend durchgesetzt werden müssten. Der Club unterstelle der Polizei Ungesetzliches und erweise „den Bemühungen um mehr Verkehrssicherheit einen Bärendienst“.

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