Kaum Raum für Kunst : Kunstverein Neukölln muss umziehen

Der Kunstverein Neukölln muss umziehen. Zum Abschied findet eine letzte Ausstellung statt.

Max Deibert
Der Hermannplatz in Neukölln. Auch hier gibt es viele Projekträume in der Nähe.
Der Hermannplatz in Neukölln. Auch hier gibt es viele Projekträume in der Nähe.Foto: null

Weil ein Abschied auch immer ein Neuanfang ist, feiert der Kunstverein Neukölln an diesem Wochenende seinen Auszug aus dem Projektraum t27 – aus der Thomasstraße 27. Nach zehn Jahren wurde im Sommer vom Vermieter die Kündigung ausgesprochen.

Bevor der Kunstverein aber in die Mainzer Straße 42 umzieht, soll an diesem Wochenende von den großzügigen Ausstellungsräumen in der Thomasstraße mit einer letzten Ausstellung Abschied genommen werden.

Samstag (von 12 bis 24 Uhr) und Sonntag (von 11 bis 19 Uhr) lädt der Verein zum Schlussakt, dessen Hauptbestandteil die Installation „Genius Loci – Rekonstruktion eines Raumes“ sein wird. Hier sieht man in einem riesigen lichtdurchfluteten Raum bunte Linien, die sich kreuz und quer von den Wänden über die Decke bis zum Fußboden ziehen. Es ist der Versuch, sämtliche Ausstellungssituationen der letzten zehn Jahre in Schichten und Überlagerungen sichtbar zu machen.

Emotionale Bindung der Künstler

Martin Steffens ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Kunstvereins Neukölln. Hauptberuflich leitet er das Kunstfestival „48 Stunden Neukölln“, das letztes Jahr 60 000 Besucher in den Bezirk lockte.

Der t27 beherbergte etwa zehn Ausstellungen pro Jahr, mit insgesamt 400 Künstlern: „Wir wollten nicht nur einzelnen Künstlern eine Bühne bieten, sondern einen Dialog zwischen ihnen vermitteln“, erzählt Steffens. Er ist traurig, dass der Verein und damit der Projektraum t27 aus seiner namensgebenden Adresse ausziehen muss. Viele Künstler hätten eine emotionale Bindung zu den alten Räumen gehabt. Aber immerhin habe er eine neue Adresse gefunden. „Würden wir jetzt auf der Straße sitzen, wären wir wütender“, sagt Steffens. Einen neuen Projektraum „m42“ soll es aber nicht geben – wer wisse schon, wann man wieder weichen müsse.

Die Häuser der Thomasstraße 27 wurden laut Steffens vor vier Jahren vom Immobilienunternehmen „Berlin Property Management“ (BPM) aufgekauft. Das Unternehmen sanierte die Wohnungen und kündigte den Vormietern. BPM konnte dem Tagesspiegel zu diesem Zeitpunkt keine Auskunft zu der Kündigung geben.

Auch das Kinder- und Jugendtheater „Boom“ musste aus dem Gebäude ausziehen. „Neukölln ist für uns einfach zu teuer geworden, wir haben noch keinen neuen bezahlbaren Veranstaltungsort gefunden“, sagte die Leiterin Elvira Möller. Ein Umzug in einen anderen Bezirk sei nicht möglich, weil „Boom“ mit Schulen in Neukölln kooperiere.

Sonntagabend findet der Umzug statt

Am Sonntagabend findet der Umzug des t27 in das neue Gebäude statt: Die Ausstellungsbesucher dürfen emotionalen Beistand leisten und dann auch gleich mit anpacken, wenn sie wollen und Gegenstände, wie „Topfpflanzen, Stühle und vielleicht das eine oder andere Bild“, in den neuen Projektraum tragen. Kunst zum Anfassen, sogar Hochheben, also.

Die neuen Räume sind nur halb so groß wie die alten und der Körner Park mit seinen Eichhörnchen und Lerchen werde am neuen Standort in der Moritzstraße fehlen, befürchtet Steffens. Doch er nimmt die Herausforderung an, Kunst geht überall: „Joseph Beuys fegte vor jeder Ausstellung den gesamten Raum aus. Wir werden wohl durch einen ähnlichen inneren Reinigungsprozess gehen müssen, um uns an die neue Umgebung zu gewöhnen.“



0 Kommentare

Neuester Kommentar