Kinder mit Förderbedarf : Streit um Lerntagebücher zieht sich hin

Der Datenschutzbeauftragte lehnt die Weiterleitung an die Schulen nach wie vor ab. Ein Treffen mit der Schulsenatorin zur Lösung des Konflikts ist seit einem halben Jahr nicht zustande gekommen.

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Kita-Alltag. Hier setzt die vorschulische Bildung an. Bei vielen Kindern allerdings zu spät, denn bei rund einem Sechstel der Kinder gibt es sprachliche Defizite.
Kita-Alltag. Hier setzt die vorschulische Bildung an. Bei vielen Kindern allerdings zu spät, denn bei rund einem Sechstel der...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Streit währt länger als sechs Jahre. Schon im Februar 2007 protestierte der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix gegen die damals in den Kitas eingeführten Lerntagebücher. In diesen sollte alles dokumentiert werden, was Aufschluss über den Entwicklungsstand der Kinder gibt. Die Aufzeichnungen sollten späteren Grundschullehrern Hinweise über möglicherweise notwendige Fördermaßnahmen geben. Bis heute erhalten die Grundschulen die Bücher nicht automatisch; Dix lehnt die Weitergabe aus Datenschutzgründen ab.
Im September 2012 wollte sich Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) mit dem Datenschutzbeauftragten treffen. Scheeres wollte mit ihm ausloten, wie die Lerntagebücher verändert werden könnten, damit sie keine sensiblen Daten zur häuslichen Situation der Kinder enthalten. Auf die Frage des Tagesspiegels nach den Resultaten des Treffens gaben die Sprecher von Scheeres und Dix zur Antwort, dass es wegen „Terminschwierigkeiten“ mehrmals verschoben werden musste und nun im April stattfinden soll. Die Verschiebung bedeute „keineswegs“, dass das Thema an Relevanz verloren habe, betonte die Sprecherin der Bildungsverwaltung, Beate Stoffers: „Diesen Schluss zu ziehen, wäre falsch“.

Die Einführung der Lerntagebücher gehörte 2006 zu den Maßnahmen des damaligen Bildungssenators Klaus Böger (SPD), angesichts der hohen Zahl von Schulanfängern mit Sprachdefiziten die vorschulische Bildung zu intensivieren. Der Senat schaffte zudem die Gebühren für den Kindergarten ab, damit besonders sozial schwache und bildungsferne Familien ihre Kinder so früh wie möglich in die Kitas schicken.
Die Zahlen der Kinder mit Förderbedarf sind dennoch weiter hoch, auch bei Kindern, die länger als ein Jahr eine Kita besucht haben.
Die meisten Kinder mit schlechten Sprachkenntnissen gibt es in Neukölln. Bildungsstadträtin Franziska Giffey führt dies darauf zurück, dass es in vielen Fällen nicht mehr gelingt die Versäumnisse aus dem Elternhaus in der Kita wieder zu korrigieren. „Wenn ein Kind mit vier Jahren in die Kita kommt, kann schon so viel verpasst worden sein“, sagte Giffey. Eine Folgerung könne nur sein, dass man die Kinder viel früher in die Kitas bekommen müsste. Das Betreuungsgeld, das künftig Familien bekommen sollen, die ihre Kinder bis drei Jahren zu Hause betreuen, sei „für Neukölln Gift“.
Angesichts der Stagnation bei den Lerntagebüchern und den Sprachproblemen von rund 3000 Kindern trotz mehrjährigem Kitabesuch schlussfolgert der bildungspolitische Sprecher der Grünen, Özcan Mutlu, der das Thema seit Jahren verfolgt und Zahlen einfordert, „dass der Senat weder die richtigen Instrumente noch die richtigen Maßnahmen hat“.


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