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Kinderschutz : Personalnot in Berlins Jugendämtern

Jede achte Stelle ist nicht besetzt, in manchen Bezirken sogar jede fünfte. Davon sind auch die Schulen betroffen: Sie müssen länger auf Hilfe warten.

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Auch in Spandau, wo dieses Schild hängt, fehlt es an Personal im Jugendamt. Foto: picture alliance / ZB
Auch in Spandau, wo dieses Schild hängt, fehlt es an Personal im Jugendamt.Foto: picture alliance / ZB

In den sozialen Diensten der Berliner Jugendämter ist jede achte Stelle nicht besetzt, in manchen Bezirken sogar jede fünfte. Dies belegen neue Angaben der Jugendverwaltung, die dem Tagesspiegel vorliegen. Demnach fehlen in diesem Bereich, der auch für den Kinderschutz zuständig ist, rund 100 Mitarbeiter. Das wirkt sich nicht nur auf die Familien, sondern auch direkt auf die Schulen aus.

„Das Jugendamt kann sich nicht kümmern“, ist längst eine feste Redewendung unter Schulleitern, wenn es um renitente Schwänzer, Störer oder Schulabbrecher geht: Die Unterausstattung in den regionalen sozialen Diensten mitsamt Jugendschutz ist schon lange ein Thema: 2015 hatten sich Bezirke und Senat darauf geeinigt, dass ein Mitarbeiter nicht mehr als 65 Fälle bearbeiten sollte. 170 neue Stellen sollten laut Jugendverwaltung entstehen, die genannten 100 sind aber noch immer offen. In der Folge muss sich – etwa in Mitte – ein Mitarbeiter um „real 80 bis 90 Fälle“ kümmern, so die Bestandsaufnahme von Mittes Jugendstadträtin Sandra Obermeyer (parteilos, für die Linke).

Wer kann, wandert nach Brandenburg ab

Berlin sei bei der Bezahlung nicht konkurrenzfähig, bemängelt nicht nur die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, sondern auch die rot-rot-grüne Koalition: Damit die Sozialarbeiter und Sozialpädagogen nicht mehr in andere Berufe oder nach Brandenburg abwandern, wo der monatliche Bruttoverdienst um rund 400 Euro höher liegt, sollen sie monatlich entsprechend mehr verdienen. Das Gleiche gilt für die Erzieherinnen, denn in den Kitas sind nicht nur 100, sondern demnächst sogar 1500 Stellen offen. Der Senat soll in der Tarifgemeinschaft deutscher Länder entsprechend Druck machen. Zur Begleitmusik gehörte, dass die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Verdi am Donnerstag zu einem Warnstreik aufriefen: Rund 4000 Erzieher und Jugendamtsmitarbeiter gingen auf die Straße.

Jahrelang wurde in den Jugendämtern nicht eingestellt

Die Resonanz war enorm: Dutzende öffentliche Kitas waren geschlossen; maximal eine Notbetreuung konnte den Eltern geboten werden. Die Streikende nahmen morgens an einer Kundgebung teil, darunter auch etliche Sozialpädagogen aus den Jugendämtern, wo es ebenfalls Einschränkungen für die Familien gab: „Viele Termine wurden verlegt“, berichtete ein Amtsleiter. Er sagte, dass nicht nur die geringe Bezahlung zur Vakanz der Stellen führe, sondern auch die Tätigkeit an sich: „Da kommen Berufsanfänger mit Ende 20 und merken, wie psychisch belastend diese Arbeit ist. Sie wechseln dann in einen Schulhort.“ Da jahrelang nicht eingestellt worden sei, würden Kollegen fehlen, die zwar schon Routine hätten, aber noch nicht kurz vor der Pensionierung stünden.

„Wir stehen unter einer wahnsinnigen Anspannung“

„Wir stehen unter einer wahnsinnigen Anspannung“, beschreibt Monika Birth, Sozialarbeiterin in Tempelhof-Schöneberg, die Lage. Auch sie war bei der Kundgebung dabei. Die Situation in den Jugendämtern sei „unhaltbar“ geworden, es gebe zu hohe Fallzahlen und hinter jedem Fall stehe eine Familie, „der man bei der Menge kaum mehr gerecht werden kann“.

Wenn das Jugendamt nicht helfen könne, müsse es eben die Schulverwaltung tun, meint Nuri Kiefer vom GEW-Vorstand, der den Campus Hannah Höch in Reinickendorf leitet. Er sei „maßlos enttäuscht“ darüber, wie „zäh“ die Verwaltung auf Probleme mit „Systemsprengern“ reagiere. Unter "Systemsprengern" versteht man Schüler, der einen geregelten Unterricht unmöglich machen. Früher landeten sie in Sonderschulen für Verhaltensauffällige, die aber abgeschafft wurden. Jetzt sollen temporäre Kleingruppen weiterhelfen, die es aber nicht überall gibt. Ein weiteres Problem, bei dem auch die Jugendämter gefordert wären, ist die große Zahl von Dauerschwänzern, die wegen Personalmangels nicht ausreichend betreut und "eingefangen" werden können.

Um der Abwanderung nach Brandenburg entgegenzuwirken, müssen sich die Bezirke etwas einfallen lassen. Einige zahlen bereits so, als hätten die Berufsanfänger lange Berufserfahrung. Das reicht aber offenbar nicht aus. Der Versuch des Neuköllner Jugendstadtrats Falko Liecke (CDU), Erzieherinnen durch eine Begrüßungsprämie von 1000 Euro anzuwerben, wurde vom Senat gleich wieder gestoppt.

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