Kindesmisshandlung : Konsequenzen aus dem Fall Emilia

Nach den Misshandlungen der kleinen Emilia fordern Fachleute externe Hilfen für Jugendämter. Erfahrene Justizpsychologen sollen die Gewaltbereitschaft und Rückfallgefährdung mutmaßlicher Täter begutachten.

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Wöchentlich sterben drei Kinder in Deutschland nach Misshandlungen. Die Dunkelziffer ist hoch. Der Fall der toten Zoe ist dementsprechend keine Ausnahme.
Wöchentlich sterben drei Kinder in Deutschland nach Misshandlungen. Die Dunkelziffer ist hoch. Hier ein Symbolbild zum Thema.Foto: Imago

Der Fall der sechs Monate alten Emilia aus Pankow, die bereits zum zweiten Mal seit ihrer Geburt von ihrem 25 Jahre alten Vater körperlich schwer misshandelt worden sein soll, wird jetzt auf vielen Ebenen untersucht. „Ich werde mir die Aktenlage mit Kinderschutzkollegen genau anschauen und prüfen, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind und ob es Fehler in der Systematik gibt“, sagte Björn Eggert, der jugend- und familienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Er plädiert zudem dafür, die hoch belasteten Jugendämter in Berlin mit mehr Personal auszustatten.

Rechtspsychologen könnten die Gewaltbereitschaft besser einschätzen

Fachkräfte der Jugend- und Familienhilfe forderten am Sonnabend, dass Jugendämter bei Anklagefällen wegen Kindesmisshandlung künftig die Chance haben sollten, Rechtspsychologen für die Erstellung einer sogenannten Tatverdächtigenprognose heranzuziehen. Im Falle von Emilia hätten diese die hohe Gewaltbereitschaft des Vaters vielleicht eher einschätzen können. Ein berlinweiter Finanzierungsfonds zur Heranziehung solcher Gutachter sei erwägenswert, sagt eine langjährig mit Jugendämtern zusammenarbeitende Psychologin und Psychotherapeutin.

Die Vorstandsvorsitzende des Kinderschutzzentrums Berlin, Elke Nowotny, empfiehlt den Behörden, sich häufiger an die Gewaltschutzambulanz der Charité zu wenden. Zudem wolle der Senat Kinderschutzambulanzen an vier zentralen Standorten einrichten, in denen Familienhelfer Kinder einem Arzt vorstellen können. „Wir schulen auch Jugendamtsfachleute, Misshandlungen überhaupt als solche zu erkennen, das ist bei Verletzungen oft gar nicht so leicht“, sagte Nowotny.

"Eine absolute Sicherheit gibt es nicht"

Das Erkennen ist das eine, das Verhindern das andere. Eine Neuköllner Jugendhilfeexpertin sagte dem Tagesspiegel, bei einer Gefährdungseinschätzung eines potenziellen Täters gebe es „nie eine absolute Sicherheit“. Auch die Jugendamts-Sozialarbeiter und -Psychologen verfügten über hohe Kompetenzen, aber „bestimmte Prognostik-Gutachten können sie einfach nicht beherrschen“.
Ihrer Erfahrung nach würden in Berlins Jugendämtern Entscheidungen „zu sehr nach finanziellen Möglichkeiten oder nach der gerade vorgegebenen Linie im Amt gefällt“. SPD- Mann Eggert gibt zu bedenken, dass sich Behördenmitarbeiter durch „Momentaufnahmen externer Gutachter“ womöglich nicht mehr so in der Verantwortung fühlen könnten. Dennoch unterstützt er die Anregung, dass sie sich bei möglichen Rückfallgefährdungen an Experten von Justiz und Polizei wenden können.
Wie berichtet, sitzt Emilias Vater jetzt in Untersuchungshaft. Er soll sie im Alter von fünf Wochen erstmals misshandelt haben. Damals wurde er festgenommen, kam aber gegen Auflagen nicht in U-Haft, sondern durfte bis zum Prozessbeginn wieder mit Emilia und deren Mutter zusammenleben. Das Jugendamt kümmerte sich nun um die Familie, stellte für die Eltern günstige Prognosen. Es hieß, Mutter und Vater verhielten sich einsichtig, man erwartete keinen Rückfall mehr – bis zur zweiten mutmaßlichen Misshandlung vor wenigen Tagen. Danach wurde der Vater erneut unter dringendem Tatverdacht festgenommen.

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