Körtings Grundsatzreferentin Chebli : "Islam macht mir das Leben leicht"

Der Glaube gibt der streng religiösen Frau Kraft und Klarheit und hat ihr bei der Karriere geholfen:  Sawsan Chebli, ehemals geduldetes Flüchtlingskind, ist Grundsatzreferentin bei Innensenator Körting.

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Beraterin des Senators. Sawsan Chebli ist Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten in der Berliner Innenverwaltung.
Beraterin des Senators. Sawsan Chebli ist Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten in der Berliner Innenverwaltung.Foto: Thilo Rückeis

Als Erstes bemerkt man diese Klarheit. Nebulöse Aussagen gibt es bei Sawsan Chebli nicht. Die 32-Jährige ist Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten bei Innensenator Ehrhart Körting (SPD), sie arbeitet direkt dem Senator zu. Der Posten wurde im März 2010 neu geschaffen; Chebli ist damit Teil der „Hausleitung“ der Innenverwaltung. Das sei zugleich der besondere Charme ihres Jobs, meint Chebli. Körting sucht schon seit längerem den Dialog mit den Muslimen, und sie unterstützt ihn dabei. „Ich arbeite dem Senator in Fragen rund um das Thema Islam, interreligiöser Dialog und Integration zu und berate ihn“, sagt die 32-Jährige, die nach dem Abitur an der Freien Universität Politikwissenschaften studierte und sich später als Referentin eines Bundestagsabgeordneten mit Außenpolitik befasste. Jetzt vertritt sie den Senator auf der Arbeitsebene bei der Islamkonferenz, schiebt Projekte an und gibt Seminare, um die „interkulturelle Kompetenz“ in der Verwaltung zu erhöhen.

Sawsan Chebli war selbst jahrelang nur geduldet, bevor sie eine steile Karriere hinlegte

Sicher hat diese Stellenbesetzung auch Symbolwert; viele ihrer Gesprächspartnern nähmen es so wahr, sagt Chebli. Sie selbst sieht sich als Brücke zwischen Community und Politik. Dass sie die Lebensumstände der Migranten kennt, hilft ihr dabei. Schließlich war sie selbst jahrelang nur geduldet, bevor sie eine steile Karriere gemacht hat, eine unwahrscheinliche im doppelten Sinn, denn angesichts ihrer Herkunft war ihr dieser Aufstieg nicht in die Wiege gelegt. Ihre Arbeit kommt gut an. „Sie ist sehr engagiert und gut vernetzt“, sagt der Geschäftsführer des Deutsch-Arabischen Zentrums, Ali Maarouf. „Sie gibt uns eine Stimme.“ Dem stimmt Mohamad Zaher von der palästinensischen Gemeinde zu. „Sie denkt an unsere Jugendlichen und meldet sich, wenn im öffentlichen Dienst Ausbildungsplätze besetzt werden sollen.“

Auch als Frau werde sie von Vertretern des männerdominierten Islam als Vermittlerin wahrgenommen

Wird sie im Dialog mit Vertretern des konservativen, männerdominierten Islam, als Frau und ohne Kopftuch überhaupt ernst genommen? „Ich werde geschlechterübergreifend als Vermittlerin wahrgenommen“, sagt Chebli. „Ich glaube, dass es eine Rolle spielt, dass ich bei Fragen des Islams differenziert denken und handeln kann und stets beide Seiten, Muslime wie Nichtmuslime, im Blick habe und wenn nötig auch kritisiere.“

Ein Kopftuch trägt Chebli nicht, sieht sich aber dennoch als sehr religiös. „Ich komme aus einem sehr religiös-konservativen Elternhaus. Mein Vater ist Analphabet, meine Mutter liest, schreibt und spricht nur Arabisch, sie legten aber großen Wert auf die Bildung ihrer Kinder“, berichtet Chebli. Mit zwölf Geschwistern wuchs sie „unter schwierigsten Bedingungen“, wie sie sagt, in einer Dreizimmerwohnung in Moabit auf. Gespräche über Religion, das gemeinsame Lesen des Koran, das Fasten im Ramadan und tägliche Gebete hätten ihren Familienalltag geprägt, in der Familie wurde nur arabisch gesprochen. Als Kind kam sie praktisch ohne Deutschkenntnisse in die Schule. Eigentlich die klassische sozial schwache Familie also, die mit den größten Integrationsproblemen.

"Zu Hause waren die arabische Kultur, die arabische Sprache und der Islam prägend"

„Das kann schiefgehen, wenn die Freunde um einen herum auch alle kaum deutsch sprechen“, sagt Chebli. „Zu Hause waren die arabische Kultur, die arabische Sprache und der Islam prägend, aber in der Schule war alles komplett deutsch. Ich musste schnell die Sprache lernen, um mit den anderen kommunizieren zu können, mich hätte sonst keiner verstanden.“ Dabei hatte die Familie lange keine echte Zukunftsperspektive in Deutschland. „Es war bei uns wie bei sehr vielen hier lebenden Palästinensern“, erzählt Chebli. „Mein Vater reiste 1970 über Ost-Berlin ein, stellte einen Asylantrag. Zuvor hatten meine Eltern jahrelang im Flüchtlingslager im Libanon gelebt, elf meiner Geschwister sind dort geboren.“

In Berlin war die Familie ewig nur geduldet, auch Sawsan Chebli war bis zum 15. Lebensjahr staatenlos, dann wurden sie, ihre jüngere Schwester und die Eltern eingebürgert. Ihr ältester Bruder ist heute 55 Jahre alt und Imam in Schweden; er führte die ursprünglich nicht so religiöse Familie an den Islam heran. Die Mutter brachte sich schließlich selbst bei, arabisch zu lesen und zu schreiben, um den Koran zu verstehen. „Mein Vater kann bis heute nicht lesen und schreiben; er hat die ganze Zeit gearbeitet“, sagt Chebli. Sie selbst habe sich in der Pubertät eine Zeit lang kritisch mit dem Islam auseinandergesetzt. Doch das sei überwunden.

Gewalt in muslimischen Familien, das Besitzdenken der Männer, die ihre Frauen als Eigentum und ihnen untergeordnet betrachten – das gebe es sicher, aber sie selbst kenne es so nicht, sagt Chebli, die selbst auch mit einem Muslim verheiratet ist. „Mein Vater hat nie einen Unterschied gemacht. Meine Brüder durften nicht mehr als meine Schwestern oder als ich. Und alle mussten im Haushalt mitarbeiten, mein Vater selbst lebte es vor.“

Der Islam sei keine pure Verbotsreligion, sondern eine Ethikreligion

Das ist für die deutsche Wahrnehmung nicht so leicht zu verstehen, klingt es doch eher nach einer milden, modernen Form des Islam. „Nein, ich würde mich als religiös-konservativ bezeichnen“, stellt Chebli klar. „Aber der Islam ist für mich keine pure Verbotsreligion, sondern eine Ethikreligion. Der Mensch ist das wertvollste Wesen Gottes und wurde nicht geboren, um nur Befehlen zu folgen. Gott hat uns einen Verstand gegeben, damit wir verantwortungsvoll mit unserem Leben und dem Islam umgehen. Es reicht nicht, wenn Muslime fünfmal am Tag beten, aber sonst keine guten Menschen sind.“ Es komme darauf an, im Herzen rein zu sein, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Wie auch viele Christen, denen das Wertegerüst ihrer Religion eine Orientierung und in gewisser Weise auch eine Heimat ist, bezieht Sawsan Chebli diese Kraft und innere Ruhe eben aus dem Islam. Sie lebt streng religiös. Natürlich betet sie, sie fastet, hat noch nie eine Currywurst gegessen und trinkt keinen Alkohol. Dennoch hat es nichts Demonstratives, man muss es regelrecht aus ihr herausfragen.

Manches sieht sie auch pragmatisch. „Ich sehe das Kopftuch als religiöse Pflicht“, sagt sie zum Beispiel. „Aber es gibt wichtigere Gebote im Islam. Das Kopftuch gehört nicht zu den fünf Grundsäulen des Islam. Zudem sehe ich heute kaum eine Möglichkeit, in Deutschland Karriere damit zu machen.“ Frauen, die ein Kopftuch tragen, würden im Alltag immer noch diskriminiert und als unterdrückte Geschöpfe wahrgenommen, auch wenn das nicht immer zutreffe: „Wenn ich mir meine Mutter oder Schwestern anschaue, würde ich sagen, dass sie die Hosen sowohl zu Hause als auch draußen anhaben.“ Am Tag unseres Treffens trägt die schmale, elegante Schönheit einen Nadelstreifen-Dreiteiler und schwarze Highheels mit roter Sohle.

Chebli rät den Muslimen zu mehr Coolness, auch in der Sarrazin Debatte

Klartext gibt es auch zum Thema Beten: „Im Büro bete ich nicht, denn das ist Arbeitszeit. Aber ich hole die Gebete abends nach.“ Denn Gott, so ist sie überzeugt, will uns Menschen das Leben nicht schwer, sondern leicht machen. Schon in der Kindheit sei das so gewesen: „Meine Eltern waren viel stärker islamisch als etwa die Eltern der türkischen Mädchen in meiner Klasse. Ich hatte dadurch viel mehr Freiheiten als sie.“ Wie das? „Der Islam verbietet nicht, dass Mädchen mit auf Klassenfahrt gehen oder bei einer Freundin übernachten, und er schreibt auch nicht vor, dass sie zu einer bestimmten Uhrzeit zu Hause sein sollen.“

Die Debatte um den Umgang mit Integrationsverweigerern empfindet sie als übertrieben – das sei nur eine Minderheit. Überhaupt rät sie den Muslimen zu mehr Coolness, auch etwa in der Sarrazin-Debatte. Cheblis Job ist befristet bis zur Wahl, er macht ihr Spaß. „Es ist enorm viel passiert in den letzten sieben Monaten: Sarrazin-Debatte, Wulff, Seehofer, Merkel – es ist immer etwas los. Ich kann gestalten und Dinge bewegen. Es kommt mir vor, als würde ich diesen Job seit Jahren machen.“

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