Berlin : Kopenhagen rollt voran

31.12.2012 00:00 Uhrvon
In Sichtweite. Auf Kopenhagener Straße gibt es vor Ampeln spezielle Aufstellflächen für Radler. Hier bleiben sie im Blick der Motorisierten. Foto: p-a/Sanjin Strukic/Pixsell Foto: picture alliance / PIXSELL
In Sichtweite. Auf Kopenhagener Straße gibt es vor Ampeln spezielle Aufstellflächen für Radler. Hier bleiben sie im Blick der Motorisierten. Foto: p-a/Sanjin Strukic/Pixsell - Foto: picture alliance / PIXSELL

Die Stadt will fahrradfreundlichste Metropole der Welt werden – mit unkonventionellen Ideen.

Für Berliner Radler ist dieses Erlebnis noch ein Wunschtraum, in Kopenhagen aber längst Wirklichkeit: Wer hier an einem Werktag morgens zur Arbeit fährt, rollt auf den großen Einfallstraßen in beiden Richtungen über drei bis vier Meter breite Radlerpisten. Keine Autos und Lastwagen, die ihn bedrängen, stattdessen das Gefühl, frei und sicher voranzukommen. In der Radl-Rush-Hour ist alles unterwegs: Geschäftsleute, Studenten, Arbeiter und Familienväter, die ihre Kinder zur Kita oder Schule bringen.

Auf der „Noerrebrogade“ beispielsweise oder dem Hans-Christian-Andersen-Boulevard wurden die einst vier Autospuren auf zwei verringert, obwohl es sich hier um zentrale Verkehrsadern handelt.

Den gewonnenen Raum überließ man den Radfahrern, setzte ihn klar mit flächigen Farbmarkierungen und Steinkanten zur Autofahrbahn ab. So haben die Dänen in Kopenhagen regelrechte Radlerschnellstraßen gebaut. Doch auch an kleineren Stadtstraßen sind die Radwege in Kopenhagen mindestens 2,20 Meter breit. In Berlin sind es selten mehr als 1,50 Meter.

Kaum eine Stadt fördert den Radverkehr wie Kopenhagen, das sich 2004 zum Ziel setzte, die radfahrerfreundlichste Metropole der Welt zu werden. 10 bis 15 Millionen Euro steckt die Stadt jährlich in den Ausbau des Netzes für ihre rund 500 000 Einwohner – gut doppelt so viel wie das größere Berlin, das mehr als 60 Millionen Euro pro Jahr aufbringen müsste, um gleichzuziehen.

Die Investitionen haben sich gelohnt: Heute fährt etwas mehr als die Hälfte der Einwohner per Rad zur Arbeit oder zur Schule. In Berlin sind es nach optimistischen Schätzungen knapp 15 Prozent. Pendler aus den Vorstädten nutzen in Kopenhagen zu 37 Prozent das Rad, setzen häufig auf „Bike&Ride“. Und die Kopenhagener transportieren auch mehr auf zwei Rädern. In der Stadt soll es bis zu 40 000 Cargobikes geben. „Das Fahrrad ist in Kopenhagen für alle sozialen Gruppen das selbstverständlichste und wichtigste Verkehrsmittel geworden“, heißt es beim Deutschen Institut für Urbanistik. Und dies liege keineswegs in erster Linie am Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein, sondern an der Erfahrung, dass man per Rad am schnellsten vorankommt.

Entsprechend kümmert sich die Stadtverwaltung um die Sicherheit und die Bedürfnisse von Radlern. Die Wege sind nahezu durchgehend in bestem Zustand. Überquert man als Radler eine Kreuzung, so weist eine breite, komplett tiefrot oder blau eingefärbte Radspur den Weg. Diese farbigen Sicherheitsfurten sind für alle Autofahrer unübersehbar. Und solche auffällig gestalteten Wegführungen gibt es auch an den gefährlichen Ampeln: Dort hat man große vorgezogene Halteflächen für Radfahrer, „Bike-Boxes“, angelegt. Hier stehen sie im Blickfeld der Motorisierten. Springt die Ampel um, haben sie zudem einen großzügigen Vorlauf. Damit sie vor den Autos losspurten können. Das hat die Zahl der Rechtsabbieger-Unfälle stark reduziert, bei denen Radler zuvor übersehen worden sind. In Kopenhagen hat sich die Zahl der Radunfälle mit Toten und Schwerverletzten seit 2004 halbiert – trotz wachsenden Radverkehrs.

Dass die Radler in Kopenhagen Vorrang haben, macht auch die Grüne Welle klar. Sie ist hier ans Tempo der Radfahrer angepasst . Wer 20 km/h fährt, kommt am besten durch. Außerdem gibt es noch Kleinigkeiten wie schräg gestellte Abfallkörbe, in die ein Radler im Vorbeifahren etwas hineinwerfen kann. Oder Geländer mit Fußstützen vor Ampeln. Man muss nicht absteigen, kommt beim Anfahren rasch weg. All dieser Komfort, das entspannte Fahren, scheint auch Kampfradler zu bremsen. Die gegenseitige Rücksichtnahme ist auffällig. Christoph Stollowsky

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