Ethik und Religion : Zehn Jahre Gezerre um die Werte

Das Thema Ethik ist ein politischer Dauerbrenner: Ex-Schulsenator Klaus Böger brachte den Stein 1999 ins Rollen. Seitdem lassen die gerufenen Geister die SPD nicht mehr los.

Ulrich Zawatka-Gerlach

BerlinEs war Klaus Böger, der die Sache ins Rollen brachte. Als der frühere SPD-Fraktionschef 1999 das Amt des Schulsenators übernahm, machte er sich sogleich für ein Wahlpflichtfach Religion und Ethik/Philosophie stark. In der SPD, aber auch bei Grünen, PDS und der Bildungsgewerkschaft GEW brach ein Sturm der Entrüstung los. Ein Aktionsbündnis wurde geschmiedet, um das seit 1945 praktizierte Berliner Modell des freiwilligen Religionsunterrichts in Eigenverantwortung der Kirchen zu retten.

Aber die Geister, die Böger gerufen hatte, wurde die SPD nicht mehr los. Das lag nicht nur am Druck der CDU und der christlichen Kirchen, sondern auch an einer gesellschaftlichen Debatte über die mangelnde Werteorientierung von Kindern und Jugendlichen. Wachsende Integrationsprobleme, Jugendgewalt, aber auch die Orientierungslosigkeit vieler Schüler im Osten der Stadt nach dem Zusammenbruch der DDR gaben dieser Debatte seit Anfang der 90er Jahre neuen Schub. Außerdem zogen immer mehr Familien aus den westlichen Bundesländern in die Hauptstadt, die Religionsunterricht nur als Schulfach kannten.

Dennoch hielt die SPD-Mehrheit vorerst an ihrer Überzeugung fest, dass Werteerziehung die Aufgabe der gesamten Schule sei. Erst 1998 wurde der Kurs vorsichtig korrigiert, als sozialdemokratische Bildungspolitiker ein „Leitfach“ für die Wertevermittlung vorschlugen. Dieses Schulfach müsse „so umfassend gestaltet werden, dass alle Schüler, unabhängig von ihrer religiösen, ethnischen oder kulturellen Herkunft teilnehmen können“, forderte Schulsenatorin Ingrid Stahmer (SPD). Ein Wahlpflichtfach wollte sie nicht, wie es ihr Nachfolger Böger ein Jahr später ins Spiel brachte.

Durchsetzen konnte sich Böger aber nicht. Als die rot-rote Koalition 2004 ein neues Schulgesetz beschloss, wurde der Status des Religionsunterrichts nicht angerührt. Doch die Debatte um ein eigenes Wertefach an den Berliner Schulen war nicht mehr zu bremsen. Im September 2004 schlug der SPD-Fraktionschef Michael Müller erstmals vor, ein staatliches Pflichtfach zur Wertevermittlung einzurichten. Und spätestens nach dem „Ehrenmord“ an der 23-jährigen Hatün Sürücü wurde die Forderung nach einer Werteerziehung, die allen Schülern – unabhängig von ihrer ethnischen, kulturellen oder religiösen Herkunft – zugute kommt, politisches Allgemeingut.

Strittig blieb aber die Form – und die Rolle des Religionsunterrichts. Auch als die SPD auf ihrem Landesparteitag am 9. April 2005 ihre Bildungspolitik neu ausrichten wollte, war zunächst unklar, wohin die Reise gehen sollte. Die SPD-Kreise Lichtenberg, Hellersdorf-Marzahn und Spandau hatten beantragt, in Berlin ein verbindliches Unterrichtsfach Lebenskunde, Ethik und Religion einzuführen. Neben Böger hielt auch Wolfgang Thierse dagegen. Er warnte vor einer „Bevormundung durch den Staat“. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit antwortete zornig: „Lieber Wolfgang, vergleiche nicht unser Schulsystem mit dem in der DDR!“ Dieser heftige Disput, aber wohl auch die gesamte, leidenschaftlich geführte Bildungsdebatte führte am Ende zu einem Beschluss, der in seiner Eindeutigkeit selbst für die SPD-Führung überraschend kam. Mit 166 zu 51 Stimmen, weit über die linke Parteitagsmehrheit hinaus, wurde entschieden, ein Werte-Pflichtfach einzuführen. Gleichzeitig wurde betont: „Die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften bleiben wichtige Partner für die Schulen.“ Wowereit und Müller sagten später, sie hätten sich auch mit einem Wahlpflichtfach arrangiert. Aber in diese Verlegenheit kamen sie nicht. Ein Jahr später wurde in Berlin das Pflichtfach Ethik für die Klassen 7 bis 10 eingerichtet. 

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