Schule : Kreuzberger Fluchtbewegung

Bildungsinteressierte Eltern sind am Ende der Geduld: Sozial ausgewogene Schulen werden immer knapper.

Susanne Vieth-Entus
Schule
Marsch auf das Abgeordnetenhaus. Berliner Schüler und Eltern sind in Sorge, weil es immer weniger sozial ausgewogene Schulen gibt....Foto: Meissner

Die besondere Kreuzberger Mischung wirkt in diesem Jahr besonders explosiv. Gemeint ist der Bevölkerungsmix von vielen Akademikern einerseits und vielen bildungsfernen Familien andererseits, der zu verschärften Konflikten bei der Schulwahl führt. Offenbar ist es für bildungsinteressierte Familien noch schwieriger geworden, ihre Kinder an sozial ausgewogenen Schulen unterzubringen. Entsetzte Eltern, die soeben Ablehnungsbescheide von ihren Wunschschulen erhalten haben, versuchen nun auf die Schnelle, selbst eine Schule zu gründen. Für Donnerstag haben sie in die Passionskirche geladen.

„Von freier Schulwahl keine Spur, selbst Geschwisterkinder werden nicht aufgenommen“, heißt es in der Einladung, die „Taz“-Mitbegründer Max Thomas Mehr gerade in seinem Kreuzberger Kiez verteilt hat. Er wollte seine Tochter an der beliebten Charlotte-Salomon-Grundschule unterbringen und gehört zu den vielen, die einen Ablehnungsbescheid erhalten haben. Eine akzeptable Alternative sieht er ringsherum nicht: Freie Plätze gibt es nur an Schulen, die von der sozialen Zusammensetzung her nicht für Familie Mehr in Frage kommen.

An sich ist das Phänomen nicht neu in Kreuzberg. Auch in früheren Jahren gab es verzweifelte Eltern, die mangels Kapazitäten abgelehnt wurden. Bürgermeister Franz Schulz (Grüne) kann daher auch keine Zuspitzung der Lage erkennen. Als Beleg führt er an, dass die Zahl der Kinder, die an Schulen außerhalb ihres Einzugsbereichs ausgewichen sind, von 19 auf 15 Prozent gesunken sei. Allerdings hat er keine Kenntnis über die Zahl der Eltern, die wegen falscher Meldedaten gar nicht mehr in seiner Statistik auftauchen.

Bildungsstadträtin Monika Herrmann (Grüne) bestreitet zwar nicht, dass viele staatliche Schulen „nicht mehr konkurrenzfähig“ seien. Den Grund dafür sieht sie aber in der schlechten Lehrerausstattung und im Sanierungsstau – für beides trage der Senat die Verantwortung.

Der erste Blick der Eltern gilt in der Innenstadt aber längst nicht mehr nur undichten Fenstern oder ein paar fehlenden Lehrern, sondern vor allem der Migrantenquote. Und die liegt an fast allen Kreuzberger Schulen zwischen 50 und 100 Prozent.

„Ab 50 Prozent wird es kriselig und über 60 Prozent bedeutet das Aus für eine Schule“, sagt Inge Hirschmann vom Grundschulverband. Die Rektorin hat es immer wieder geschafft, mit ihrer Heinrich-Zille-Grundschule unter dieser magischen Grenze zu bleiben. Das aber wird immer schwieriger, weil der Bezirk die Einzugsbereiche vorgibt und keine Möglichkeit besteht, andere Kinder aufzunehmen, um ihre Schule vor dem sozialen „Umkippen“ zu bewahren.

Hirschmann hat Verständnis dafür, wenn Eltern Schulen meiden, die fast nur noch von Kindern aus bildungsfernen Schichten besucht werden. „Die Kreuzberger Mittelschicht nimmt einiges in Kauf, aber nicht mehr alles“, ist ihre Beobachtung. „Die Eltern haben Angst, dass ihre Kinder von arabischen und türkischen Kindern gemobbt werden“, sagt Hirschmann. Aktuelles Beispiel: Ein arabischer Junge habe einen Mitschüler geschlagen, weil der ein deutsches Fußballtrikot getragen habe. Die Schule habe schließlich ein Fahnenverbot während der Europameisterschaft beschließen müssen, um die Lage zu beruhigen.

Der hohe Anteil türkischer und arabischer Kinder beunruhigt die Eltern vor allem deshalb, weil sie in Kreuzberg zu drei Vierteln aus bildungsfernen Familien stammen. Arbeitslosigkeit herrscht vor, die Mütter haben oft nur wenige Jahre die Schule besucht. Bei den Schuleingangsuntersuchungen schneiden die Migrantenkinder aus bestimmten Regionen Kreuzbergs noch schlechter ab als die aus Nord-Neukölln oder Wedding. Sie sprechen nicht nur schlecht Deutsch, sondern haben auch Entwicklungsdefizite mangels häuslicher Förderung.

„Die Eltern haben einfach Angst um die Startchancen ihrer Kinder“, begründet Ellen Hansen vom GEW-Schulleiterverband die verbreitete „Kiezflucht“ von Familien. Wenn es ringsum keine erreichbare akzeptierte Schule mehr gebe, „schwimmen die Eltern“, sagt Hansen. Sie greifen zu Deckadressen in den Einzugsgebieten besserer Grundschulen oder versuchen, ihre Kinder an Privatschulen unterzubringen.

„Immer im Sommer, wenn die Einschulung naht, werden sich die Leute der Lage bewusst“, sagt Jörg Ruckelshauß, der mit anderen Eltern – bisher erfolglos – versucht, eine evangelische Grundschule in Kreuzberg zu gründen. Auch er wird wohl am Donnerstag dabei sein, wenn sich in der Passionskirche frustrierte Eltern versammeln.

Die Eltern treffen sich am Donnerstag um 20 Uhr in der Passionskirche am Marheineke-Platz.

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